Das unruhige Getümmel füllt mein leeres Herz nicht aus! – Du kannst nun leicht einsehen, dass Schwermut für mich eine Nahrung ist, der ich aus Langerweile nachhängen muss. – Mein Mistrauen gegen die Männer geht jetzt bis zur Menschenfeindlichkeit; ich würde keinem trauen, und wenn er sich in der Gestalt eines Engels zeigte. – Dass mich doch meine Vernunft nie verlassen möge; dass sie mir beistehe bei begebenheiten, wie ich leztin eine erlebte! – An einem Morgen meldete mir mein Gretchen, dass ein Fremder mich zu sprechen verlange; ich lies ihn, so wie ich es in Ansehung der Mannspersonen immer tat, abweisen. Er beharrte aber auf seiner Bitte, und lies mir melden, dass er Briefe von meinem Oheim zu übergeben hätte. – Die lebhafteste Freude durchströmte mich bei dieser Nachricht; ungeduldig wartete ich jetzt seiner; er kam, zog eilig seine Brieftasche heraus, und übergab mir den Brief. – Hastig, ohne die Schrift zu unterscheiden, riss ich das Petschaft auf – und fand.... einen buhlerischen Antrag vom römischen Konsul! – Versteinert stand ich da, fasste mich aber eilig wieder; griff nach einem Terzerol, und jagte den Kuppler aus meinem Zimmer! – Dann sah ich Gretchen ihm nachschleichen, welches mich vermuten liesse, dass sie mit ihm einverstanden sei! – Täglich wird mir diese Kreatur verhasster! – Sie darf ohne meinen Befehl mit keinem Fuss mein Zimmer betretten; demungeachtet wagte es die freche Plaudertasche mich durch kahle Entschuldigungen zum Zorne zu reizen! – Sie trieb es in Lügen so weit, dass ich ihr aus Aerger ein Glas nachwarf! – Die Uebereilung war hizzig, ich gesteh es selbst; aber derjenige, welcher weis, wozu mich die beleidigte Güte meines Herzens bringen kann, entschuldigt sie leicht! – Morgen erst schliesse ich diesen Brief. – Des andern tages.
Nun so muss ich denn immer Schlangen im Busen nähren! – So ist es denn mein ewiges Geschikke an Nichtswürdige zu geraten! Mein undankbares Dienstmädchen hat mich nun gar bestohlen! – Ich fand den Beweis in der Rechnung, als ich meine Börse untersuchte. – Die Dirne läugnete anfangs hartnäkkig, bis ich sie überwies; alsdann erst flehte sie kniefällig um Schonung. – Sie soll von dieser Stunde an meinen anblick meiden, und so mag sie, bis ich selbst abreise, bei mir bleiben. Ich werde ohnehin vermutlich in wenig Wochen nach Teutschland zurückkehren müssen. – Dann kann ich Dir, liebe Fanny, vielleicht mündlich sagen, wie warm mein Herz für Dich schlägt. –
Amalie.
CVIII. Brief
An Fanny
Schon einige Wochen sind vorüber, und ich schrieb nicht an Dich! – Die Erzählung meines Abenteuers soll Dich aber für diese kleine Nachlässigkeit recht sehr entschädigen. Du magst dann entscheiden, ob ich mich nicht dabei verhielt, wie es mir zustand? – Vor einiger Zeit führte mich mein Vetter Abends in sein gewöhnliches Kaffeehaus. – Um bei diesen lezten Karnevalstägen dem Schwarme der häufigen Masken auszuweichen, eilten wir beide einem Seitenstübchen zu. Es waren daselbst nur wenige Masken zugegen; die einen davon spielten, die andern plauderten, die übrigen schliefen auf den Bänken herum. – Ich hatte eine Kouriersmaske an, und sezte mich mit den plumpen Stiefeln so derbe zwischen zwo schlafende Masken, dass sie darüber aufwachten. Nun fiengen die Masken an sich die Augen zu reiben, träge Töne herauszustammeln, und ihre Larve vom Gesicht zu lüpfen, um mich desto bequemer betrachten zu können. – Questo è una Donna! sagte die eine Maske; nein, erwiderte die andere, es ist kein Frauenzimmer. – Sie zankten sich wegen meiner aus Neugierde hin und her, bis die eine davon folgendes Gespräch mit mir anfieng: –
Die Maske
Schöne Maske! – hätten Sie nicht Lust, unsern Streit durch Ihr eigenes Bekenntnis zu entscheiden? –
Ich
Wenn ich erkannt sein wollte, würde ich mich nicht maskiert haben. –
Maske
O! Ihre stimme verrät Sie! - Sie sind ein Frauenzimmer. –
Ich
Aber demungeachtet doch nicht gemacht, um ihre Neugierde zu befriedigen. –
Maske
Wenn wir Sie aber recht freundlich bitten, uns ihr liebes Gesichtchen zu zeigen; würden Sie uns diese gefälligkeit abschlagen? –
Ich
Es ist wider meine Gewohnheit, mit meiner Larve zu prahlen, um so weniger würde ich es wagen, da mein Gesicht dem Wuchs nicht das Gleichgewicht hält.
Maske
Das ist unmöglich! – Verzeihen Sie, schöne Maske; auf so einem zierlichen Körper muss auch ein hübsches gesicht ruhen. - -
Ich
Ihr Schluss leidet Ausnahme; denn die natur hat an mir nicht so verschwenderisch gehandelt. –
Maske
Klagen Sie Ihre Wohltäterin nicht an! Mich dünkt, sie hat Ihnen Alles gegeben; Schönheit und Gefühl. Warum handeln Sie denn so neidisch mit ihren Gaben? –
Ich
Weil ich diese Gaben, wenn ich sie auch besässe, nicht der Gefahr aussezzen will, übel belohnt zu werden.
Maske
Sie halten uns also für Betrüger?
Ich
Das nicht; aber für Leute aus der grossen Welt. – Hier wurde mir für diese Wendung so feurig die Hand geküsst, dass der laute Schall davon plözlich mehrere Masken herbeilokte. Aber die vorige Maske lies sich nicht stören, und fragte mich weiter: –
Maske
Sie sind also unerbittlich – und wollen uns das Glück Ihrer Bekanntschaft durchaus nicht gönnen? –
Ich
Es ist erst noch die Frage, ob es für Sie ein Glück sein würde; ich möchte nicht gerne meine Eigenliebe