es auf Unkosten seiner eigenen Ruhe wagen. – Die Gewissensstimme wäre denn der verborgene Tirann, der so ein Herz bei müssigen Stunden grausam zerfleischte! – Nicht immer unterdrükt Schamlosigkeit den Ekkel der natur. Es gibt augenblicke, wo das Bildnis einer langen Ewigkeit so eine Kreatur grässlich martert! – Indessen kann ich doch diese Häuser nicht ganz misbilligen. Sie verhüten grössere Ausschweifungen, und bieten dem verdorbenen Geschmak der Menschen Befriedigung an. – Die Triebe der natur arten bloss durch Weichlichkeit und Bosheit zum Laster aus. – Der blose Instinkt strebt nur nach genugsamer Befriedigung, aber die Einbildungskraft der Menschen schafft ihn zur ausschweifenden Wollust um. – Man betrachte das Tier; es hat nur seine gewisse zeiten zur Befriedigung; aber der Mensch, dieser edlere teil der Schöpfung, ist in seinen Lüsten unersättlich, weil er der Einbildungskraft den freien Zügel lässt. – Die meisten Menschen denken zu wenig, um ihre Begierden einschränken zu können. Ihre Sinnen verirren sich so leicht bei jedem neuen gegenstand, wo hingegen das Tier keinen Unterschied kennt, um ausser seiner gehörigen Zeit lüstern zu werden. – Gott gab den Menschen Vernunft, um ihre Handlungen nach der Mässigkeit einzurichten; aber die wenigsten hören auf ihre stimme, sondern folgen, vom Beispiel hingerissen, den Reizen des Lasters auf Kosten ihrer Ehre, ihrer Gesundheit. – O! die Menschheit ist ein unglückseliges, schwaches Wesen, das so leicht ausglitscht, wenn nicht genaue Aufmerksamkeit über sich selbst und Religion dieselbe leitet. – Man darf sich nur einen geringen Fehler nicht vorwerfen, dann eilt man schnell bis zum äussersten Grade des Lasters. – Fleissige Selbstbeobachtung ist der erste und sicherste Weg zur Tugend. So bald aber der Mensch leichtsinnig alles Gefühl in sich erstikt, dann wird er gerade so verstokt, so lasterhaft, wie jene Wollüstlinge, die das arme teutsche Mädchen im Bordell wider derselben Willen geniessen konnten. – Gott segne die Gerettete in den Armen ihrer Familie, und Dich lohne er dafür einst mit unaussprechlicher Glückseligkeit! dein Herz verdient es in der Tat! –
Aber jetzt weiter zu deinem zweiten Brief: – Dass es in Italien ausser der Malerei und Tonkunst mit den übrigen Wissenschaften schlecht bestellt ist, wusste ich schon lange. – Die Nazion muss äusserst träge sein, dass sie Schauspielkunst und Lektur so sehr vernachlässigt. - Sie ist von jeher in der Aufklärung eine der lezten gewesen, und hat in der Litteratur von ihren Geistesfrüchten wenig aufzuweisen. – Wenn ihr Gefühl durch Denken verfeinert würde, dann könnte sie nicht zu dem äussersten Grade des Lasters fähig sein. – Roh und gedankenlos folgt sie bloss der stimme ihres leidenschaftlichen Bluts, und überlegt aus Mangel der Bildung zu wenig ihre feurigen Handlungen. – Lebhaftigkeit führt zur Tugend oder zum Laster, je nachdem sie geleitet wird. – Eigennuz ist auch ein Hauptfehler dieser Nazion; um ihrer Befriedigung willen sind sie in Possenreissereien so erfinderisch. – Selbst bei uns belustigen sie einige teutsche Fürsten mit unsinnigen Frazzen. Mancher Hof bezahlt schweres Geld für eine welsche Opersängerin, die in Italien ums Allmosen in Kaffeehäusern ihre schmuzzigen Liedchen heruntertrillerte. – Bald werden die italienischen Landstreicher mit ihren Murmeltierchen auf deutschen Bühnen ihr Glück machen, da es einmal so sehr Mode ist, welsche Insekten zu dulden. – Keine auswärtige Nazion lokt die unsrige zu sich und füttert sie. Wir guterzigen, schwachen deutschen allein bezahlen ausländischen Unsinn und ungesittete Aufführung. – Und warum? – Aus Vorurteil! – So lange der Teutsche dem inländischen Talent Schuz und Aufmunterung versagt, eben so lange bleibt er ein alberner Affe, der nach der verstimmten Pfeife eines Fremdlings tanzen muss. – O! die Grossen, die Grossen könnten vieles anders einrichten, wenn sie wollten! – Ist es nicht Schande, dass man fremde faule Waare auf Unkosten der fleissigern, aufgeklärtern einheimischen duldet. – Einige Höfe strozzen voll italienischer Comte und Markisse, die es durch Speichellekkerei so weit zu bringen wussten, dass man ihre zerlöcherten Adelsbriefe nicht einmal in Verdacht hat; besonders wenn sie das Glück hatten, irgend einer empfindsamen Fürstin zu gefallen. Diese Abenteurer machen sich der deutschen Guterzigkeit zu Nuzze, und wandern häufig aus ihrem Vaterland, um den Hunger zu stillen und die bessten Aemter verdienstvollern Patrioten wegzukapern. – Bisweilen mislingt ihnen dann ihre Rolle, und der Herr Comte verwandelt sich in einen Lakaien, der seinem Herrn mit dem Adelsbriefe als ein Betrüger entfloh. – Teutschland ist mir der Aufklärung ungeachtet in vielen Stükken ein Rätsel! – So viel von
Deiner bessten Fanny.
CVII. Brief
An Fanny
O Vorsehung! wie wunderlich sind doch deine Wege! – Unverhofft, Freundin, bin ich auf einmal, wenigstens in einem Punkt glücklich, ruhig an Seel und Leib, denn ich habe meine Freiheit wieder! – Der Tod hat meinen ausschweifenden Mann früher hingerafft, als es von seinem Alter zu vermuten war. – Er ist dahin; Gott gebe seiner Seele Friede, und mir die vorige Gesundheit wieder! – Nichts hat er mir hinterlassen, als eine Menge Schulden, wofür mein guter Oheim noch bei seiner Lebzeit bürgte. – Dieser zu frühe Hintritt kann vielleicht doch für meinen Oheim und für mich üble Folgen haben. – Gott! – Wenn ich dadurch die fernere Unterstüzzung meines Oheims verlöre! – Ich kränkle ohnehin eine Zeit her, und werde wohl nimmermehr meine völlige Gesundheit wieder erhalten! – Schon seit einigen Wochen verlasse ich mein Zimmer nicht. – Die grosse Welt ist mir zur Last, ich sehne mich von ihr hinweg! –