, so wenig ich sonst hier Unterhaltung für Kopf und Herz fand. – Selbst im Schauspiel genoss ich keine Geistes-Nahrung, weil es so äusserst schlecht bestellt ist. – Ton- und Tanzkunst ausgenommen, sind die hiesigen Schauspiele keinen heller wert. – Elende Harlekinaden, Marionettenspielereien, Possenreissereien, damit wird der Zuschauer bis zur Langeweile eingeschläfert. – Ich habe keine einzige Komödie gesehen, deren Verfasser mit gesundem kopf geschrieben hätte. – Goldoni's Burlesken werden hier so zotenmässig vorgestellt, dass man es dabei nicht aushalten kann. Trauerspiele hat man fast gar keine, und die wenigen schlechten, die man hier gibt, werden durch frazhafte Episoden bis zum Ekkel heruntergesezt. – Man möchte toll werden, wenn man die steife, empfindungslose Opernsängerin wie eine Dratpuppe in einem Trauerspiel agieren sieht. – Sie arbeitet so viel mit ihren Händen, deklamiert so widersinnig, als ob Kopf und Herz mit dem kalten Fieber behaftet wären. – Eine hiesige Opernsängerin ist so sehr Maschine, dass sie sich bloss hinter der Gardine hören lassen muss, wenn sie nicht will, dass fast alle Sinnen des Zuschauers, ausser dem Gehör, ihre Ankläger werden. – Was kümmert mich eine helle Kehle, wenn ihre Besizzerin nicht die Kunst versteht, die Töne durch Seelen-Affekt in mein Herz zu giessen? – Ein bloses musikalisches Instrument tut mehr wirkung auf die Empfindung der Zuhörer, weil das Auge dabei keine Foderung machen darf. – Ich höre hier allen Opernsängerinnen mit geschlossenen Augen zu, um mir den Aerger über ihre hölzerne Geschmaklosigkeit zu ersparen. – Schade ist es für eine so feurige Nazion, dass ihr die noch nötige Kultur fehlt; sie könnte grosse Fortschritte in der Schauspielkunst machen, wenn sie durch Lektur und gute Anleitung geführt würde. Ich habe diese Bemerkung in ihren Balletten gemacht, die mir noch am bessten gefielen. – Die Lebhaftigkeit gibt ihr einen so feurigen Schwung der Affekten, dass ich ihre leidenschaftlichen Pantomimen mit Vergnügen bewunderte. – Uebrigens sind die Sitten dieser Leute noch fast verdorbener, als bei uns. – Die Mutter einer Schauspielerin wuchert ganz öffentlich mit der Unschuld ihrer Tochter, und bewahrt ihr Kind den Meistbietenden auf. – Bei jedem Teatereingange findet man eine Menge von andern Freudenmädchen, und zur Seite des Schauspielhauses ganze Reihen von Bordellen. – Die Türen sind zu ebener Erde, eine jede davon ist numerirt, und mit einem Marienbildchen, nebst einem kleinen Wachslichte geziert, welches alle Sonnabende von der Nimphe angezündet wird. Diese Kreaturen stehen am Eingang der tür, um die Vorübergehenden zur Verführung zu lokken; und da die Gassen sehr enge sind, so schlüpfen viele Mannspersonen (vermutlich aus Furcht zerdrükt zu werden) in diese unreinen Winkel. - Wenn aber eine von diesen Notelferinnen des Lasters ohne Bekehrung schnell dahinstirbt, so wird sie in einem Sak ins Meer geworfen. – Jede davon trägt einen Dolch zur Verteidigung bei sich. Man hat mich versichert, dass es Männer gegeben habe, die nach Befriedigung ihrer viehischen Begierden ihre Raserei so weit aus Abscheu getrieben hätten, dass sie ihre Gehülfin auf der Stelle ermordeten. – Bisweilen sezt es wegen Bezahlung oder Dieberei Streitigkeiten ab, dass man schon mehrmalen dergleichen Weibsleute oder Mannsleute tot antraf. – Was nun die Einrichtungen ihrer Gesundheits- Umstände betrift, so soll man in Berlin weit bessere getroffen haben. – Die hiesige Polizei mischt sich nicht so scharf in diese einzelnen Umstände, und überlässt es dem verdorbenen Geschmak eines Jeden sich der Gefahr auszusezzen. – Gerade ruft mich mein Vetter zu Tische. Nimm also diesen eiligen Kuss von
Deiner Amalie.
CVI. Brief
An Amalie
liebes, gutes Malchen!
Eine kleine Lustreise hielt mich bis jetzt ab, deine lezteren Briefe zu beantworten! Du schreibst es doch nicht auf Rechnung meines Herzens? – O ich habe wohl unterdessen recht oft an Dich gedacht; und dein erster Brief überraschte mich gerade in dieser liebevollen Beschäftigung. Ich durchlas ihn mit innigem Vergnügen; nur befürchtete ich dabei zu sehr, dass Du Dich durch dein offenherziges Betragen einigen weibischen Lästermäulern blosgeben möchtest. Sie werden nicht begreifen wollen, dass auch ein Frauenzimmer als Philosophin reisen kann, und dass es ihrem kritischen Auge ebenmässig erlaubt ist, Stoff zum Denken zu suchen. – Aber richtiger werden dafür die wenigen Vernünftigen urteilen, die kein gallsüchtiges, neidisches Herz im Busen tragen. – Was kümmert uns übrigens das Vorurteil einiger abgelebten Matronen, die ohnehin bloss zum Ofensizzen und Gänsehüten geschaffen sind. Du lernst dadurch das menschliche Herz kennen; und das ist einem jeden Vernünftigen Pflicht, der in der Welt nicht untätig leben will. – Aber noch staune ich, meine Amalie, über den italienischen Bigottismus, der, mit dem Laster verschwistert, einer Religion Schande macht, die im reinsten Gewande prangen könnte, wenn verdorbene Begriffe sie nicht zur Heuchelei entstellte. gibt es denn in Venedig keine Priester, die solche abscheuliche Misbräuche zu verhindern wissen? – Warum duldet man dergleichen Gebräuche? – Ist das die reine Lehre Christi, die das menschliche Herz veredeln sollte? – Die Italiener müssen den Wert der Religion eben so wenig kennen, als die Hässlichkeit des Lasters, sonst würden sie ihn nicht zur Ausübung solcher Misbräuche anwenden. Den Priestern käme es zu, Religion und Laster im ächten Lichte den Menschen zu zeigen, und dann es ihrem Herzen zu überlassen, wenn es noch boshaft genug sein könnte, beides nach erlangter Kenntnis mit einander zu vermengen. Wer sich dann troz diesem den öffentlichen Bedürfnissen Preis geben wollte, der könnte