! Ewig
Deine Fanny.
CIV. Brief
An Fanny
Denke nur, meine Liebe, mein Vetter lies mir nicht eher Ruhe, bis ich mich entschloss, mit ihm in Mannskleidern öffentliche Lustäuser zu besuchen; – er wollte mir durchaus die Wahrheit seines Sazzes beweisen; – und er behauptete ihn mit Recht; denn wir fanden in diesen öffentlichen Lustäusern mehr Ausländer, als Einheimische. – Da es eines Abends anfieng dunkel zu werden, führte er mich in eines dieser Häuser. Eine sehr dunkle Treppe leitete uns in ein Vorzimmer, worin ein altes Weib sass, die laut betete. – Sie lies uns gerade so lange stehen, bis sie noch einige Korallen ihres Rosenkranzes hin und her geschoben hatte; dann schlug sie das Kreuz über die Brust, ging ohne ein Wort zu reden ins Nebenzimmer, und eilte bald wieder mit der Antwort zurück: "Dass ihre Tochter bereit wäre, uns zu empfangen." – Gerechter Himmel! schon wieder eine solche heuchlerische Satans-Christin, die ihre lasterhafte Tochter unter frommer Lüge verkuppelt! – So wollte ich eben laut seufzen, als wir gerade in das Zimmer der Buhlerin eintraten. – Die Dirne empfieng uns mit einer frechen, zuversichtlichen Miene, und war schon so in ihrer schändlichen Kunst erfahren, dass sie mein Geschlecht auf den ersten blick entdekte. – "Mit Ihnen, junger Herr, ist wohl nicht viel zu unternehmen; und du alter Kamerad, (redete sie uns an) du bist der Freude auch schon abgestorben; also muss ich wohl auf andere Mittel denken, euch zu unterhalten! –" Dann warf sie eiligst ihre schlampigten Kleider vom leib, und machte die schändlichsten wollüstigen Stellungen. – Das Blut stieg mir wie Feuer ins Gesicht; ich wandte meine Blikke von dieser Schandmezze weg; – sie merkte meine Verlegenheit, und spottete laut über die blöde Schamhaftigkeit der deutschen. – Gott! welcher Abscheu durchschauderte meine Seele! – Tränen des Entsezzens rollten über meine Wangen! – Die ganze natur empörte sich in mir! – Ich griff hastig nach meiner Börse, und warf dieser elenden Kreatur etwas Geld hin, wornach sie heisshungerig schnappte. – Mein Vetter konnte mich kaum mehr trösten, so schröklich hatte mich dieser grässliche Auftritt verstimmt. – Gebeugt, schwermütig, durchirrten wir einige Strassen; als uns plözlich das laute Weinen einer weiblichen stimme aufmerksam machte. – Der Schall kam aus einem Stübchen, dessen Fenster nicht hoch von der Erde waren; die ganze wohnung hatte das Ansehen eines Bordels, worin das Laster sich durch Armut selbst zu strafen schien. Die Neugierde trieb uns hinein; wir fanden den Hauswirt im heftigsten Streite mit einem jungen Mädchen, das verzweiflungsvoll die hände rang! – Als dieser Kerl uns erblikte, stimmte er augenbliklich seinen Ton um, kneipte das betrübte Mädchen in die Wangen, wünschte uns kriechend gute Unterhaltung, und verlies das Zimmer. – Das arme geschöpf warf sich dann jammernd zu unsern Füssen, bat um Barmherzigkeit, um Schonung! – So sehr auch diese Art Mädchen die Gewohnheit an sich haben, ganze Romanen zu erdichten, um ihren Lebenswandel zu entschuldigen, so fand ich doch bei dieser eine geheime stimme der Wahrheit, die mein Herz zum warmen Mitleid rührte. – Mein Gott! – fuhr mir in teutscher Sprache über die Zunge, – als die arme mit feurigem Entzükken laut ausrief: Gott sei Dank! Sie sind ein Teutscher; Sie werden mich retten! Mit kurzen Worten erzählte sie mir nun ihre geschichte. – Sie ist eine Kaufmannstochter aus A....; ein Böswicht entführte sie, und überlies sie dann in einem fremden land dem Mangel. – Sie geriet durch Kuppelei in die hände dieses Wirts, dessen Eigennuz sie mit ihrem noch ungewöhnten Körper nicht hinlänglich befriedigte, und der sie eben deswegen schon seit einiger Zeit tirannisch behandelte. Sie rang in dieser Gefangenschaft des Lasters schon lange mit der äussersten Verzweiflung. – Ihr Flehen rührte keinen Wollüstling, keiner schonte ihrer Tugend, alle genossen die Sträubende mit teuflischer Lust, und achteten nicht der heissen Tränen, die auf ihre gewalttätige hände brannten! – grosser Weltbeherrscher! – warum zögerte deine Strafe über diese Schänder der Menschheit? – Warum gefiel es der unendlichen Barmherzigkeit nicht, sie augenbliklich auszurotten? – O menschliches Gefühl! wo sind deine Rechte? – Wo ist deine stimme? – Kommen Sie, lieber Vetter, ich kann es nicht mehr aushalten! – Ich küsste die Bedaurungswürdige auf die Stirn – versprach ihr hülfe, – empfahl ihr Verschwiegenheit – und eilte nach haus. – Dass ich dann noch in der nemlichen Stunde an ihre Eltern schrieb, wirst Du gewiss von meinem Herzen hoffen, dessen Empfindungen Du so genau kennst. – Lebe wohl, meine Teuerste! – Lebe wohl! –
Amalie.
CV. Brief
An Fanny
Ich wundere mich sehr, meine Teuerste, dass Du mich so lange ohne Nachrichten lässt. – Doch keine Vorwürfe! – Vielleicht kreuzzen sich unsere Briefe, oder Du hast Geschäften, welche Dich abhalten. – Freue Dich mit mir, besste Fanny, jenes unglückliche Mädchen, von dem ich Dir im lezten Briefe sprach, ist gerettet! – Sie ruht nun im Schoose ihrer ausgesöhnten Familie! – Dir Allgütiger! sei dafür ewiger Dank gesagt, dass Du mir gelegenheit gabest, einem meiner Nebenmenschen zu dienen. – O! dieses selige Gefühl hält mich jetzt für alle Leiden meines Lebens schadlos! – Venedig soll mir um dieses Glücks willen nie aus meinem Andenken schwinden