Der freie Willen wird unterjocht, und öffnet dann das Herz der Heuchelei und der Falschheit. – Wenn der Diener seinem Herrn nur aus Zwang unterwürfig ist, dann entfernt sich sein Gefühl weit von dem guten Willen, der das Lob seiner herrschaft verewigen sollte. – Die Katoliken werden mit Gewalt zur Religions-Uebung geschleppt, und ihr widerspenstiges wildes Gefühl artet dann bei diesem Zwang in Lüge aus, die sie bloss zum Schein dem Allmächtigen täglich vorheucheln. – Man verschliesse diesen Afterchristen die Kirche, um sie erst den Wert Gottes fühlen und kennen zu lehren! – Man rufe ihnen die donnernde Allmacht des Ewigen feurig ins Ohr, um sie aufmerksamer zu machen auf die Herrlichkeit Gottes, der bloss auf das Herz des Menschen sieht! – Mit gefühlvoller Beredsamkeit sollten es die Seelsorger versuchen, ihr angewöhntes kaltes Gebet in warme, innige Empfindung zum Lobe des Allgütigen umzustimmen! – Priester! – ihr seid die Seelen-Hirten der Christen, ihr seid die Abgesandten des Welteilandes! – Euch kommt es zu, mit Eifer ins menschliche Herz zu dringen; euch ist es Pflicht, das Gefühl für den Urheber der natur darinnen aufzuwekken und es zu reinigen von falschen Empfindungen! Dringt mit Kunst, mit Menschenkenntnis, mit Güte und Sanftmut hinein; macht es willig zum Dienste Gottes! – Rührt den freien Willen des Menschen, und ihr werdet siegen! ...................
Ei, da bin ich ja gar zum Prediger geworden, und nahm mir doch vor recht launigt zu schreiben. – Lass sehen, ob ichs jetzt wieder dazu bringen kann! – Ich für mein teil, meine Liebe, will mich eher mit Ruten streichen lassen, als in die Gesellschaft unserer adelichen Damen tretten. – Ein fühlendes geschöpf muss sich da mit Leib und Seel entsezzen über den stolzen, schnippischen blick, womit sie empfangen wird, – wenn es ihr anders noch gelingt in eine solche Versammlung zu kommen. – Es ist gar zu drolligt, wenn manchmal der aufgeklärte Kopf einer Bürgerin dem adelichen Strohkopf mit einer tiefen Verbeugung zunikt! – Ist es möglich? – So muss denn das wahre Verdienst des Herzens vor der Dummheit im Staube liegen bleiben? – natur, Nächstenliebe und Menschlichkeit werden von diesen Weibern erstikt. – Wer nicht das Glück hat, Ahnen zu zählen, muss mit dem edelsten Herzen, mit dem aufgewektesten geist im Winkel stehen bleiben und die adelichen Gänschen bewundern. Würden die Weiber sich durch Tugend und Bildung auszuzeichnen suchen, dann möchte es wohl mancher Dame nicht gelingen, ihr Herz mit einer Unadelichen im Gleichgewicht zu halten. – Der unerträglichste Ahnenstolz verrükt das kranke Gehirn so vieler deutschen Damen, die sich aus Mangel an eigenem Verdienste durch dieses Unding allein wichtig machen müssen. Geburt ohne Philosophie ist ein Geschenk, das so gerne durch Hochmut bis zur Unmenschlichkeit ausartet; denn wie oft vergessen nicht die Adelichen die stimme des Mitleidens gegen ihre Untergebenen? – Wenn das Andenken verdienstvoller Voreltern unter den Söhnen zur Aufmunterung fortgepflanzt werden kann, so geht es doch die Töchter nichts an. Ihre ganzen Heldentaten bestehen, wie die der Bürgerin, im Heiraten, Kindergebähren und Sterben. Sind das nicht Törinnen, die mit entlehntem Verdienste prahlen wollen? – Herablassung! – Herablassung, meine adelichen Damen, ruft ihnen der gesunde Menschenverstand zu! – Bloss Geistesvorzug, Talenten, Menschenfreundlichkeit und edles Herz werden sie wahrhaft in aller Welt Augen adeln; alles übrige ist Eigensinn, Eitelkeit oder Hirngespinst. – –
Doch lass uns jetzt auch noch ein Bischen die unterscheidenden Vorzüge der jungen Kavaliers untersuchen: – So simpel, guterzig und albern die Venezianer auch immer sein mögen, so sind sie doch gewiss erträglicher, als unsre spöttischen, dummdreisten, naseweisen Stuzzerchen, die mit boshaftem Herzen in Gesellschaften ihren geborgten französischen Wiz auskramen. – So ein gereister Zieraffe hat Dreistigkeit genug, das ehrwürdige Alter eines biedern Mannes lächerlich zu machen. – Ihre geistlichen Hofmeister, die sie meistenteils begleiten, lassen über der Neuheit der grossen Welt das Herz ihrer Zöglinge aus der Acht, und geniessen mit ihnen die Süssigkeiten der Schwelgerei. – Uebles Beispiel, unerfahrne Hofmeister und Ueberfluss verderben auf Reisen so viele junge Leute. Flatterhaftigkeit, Laster, GalanterieKrankheiten, Weichlichkeit, sind fast immer die Früchten ihrer Reisen. Nur selten kehrt ein junger Edelmann aufgeklärt, als wahrer Patriot und mutiger Held zurück. – Das ganze Verdienst dieser verwöhnten Muttersöhnchen besteht in der Windbeutelei und französischem Unsinn. – Diese wollüstigen Gekken verstehen die allerliebste Kunst, den Damen Strumpfbänder zu knüpfen, wohlriechende wasser zu versprüzzen und mit Herzhaftigkeit eine Fliege tot zu schlagen, wenn sie es wagt auf eine hochadeliche Nase zu sizzen. – Der Kriegsdienst, dem sich unsere Edelleute wiedmen, macht sie gar zu oft brutal und unverschämt. – Wie oft wird ihr stumpfes, verdorbnes Gefühl von den bessern Empfindungen eines gemeinen Soldaten übertroffen! – Unschuldige Mädchen verführen, den guten Namen ehrlicher Weiber verschreien, sich mit Gassennimphen beschmuzzen, Schulden machen, Bürger prügeln, ist alsdann die Beschäftigung, die sie in der Uniform in voller Uebung treiben. – So roh unsre alten deutschen auch immer waren, so hielten sie doch auf Zucht und Ehre, und befolgten als Biedermänner strenge ihre Gesezze, die nach ihren Begriffen gut waren. – Aber jetzt, meine Freundin, ist alte Redlichkeit in Staub gesunken! - Milchbärte haben ihr Andenken entehrt! – O das ist traurig, meine Amalie! Doch ich muss schliessen