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doch haben die wenigsten davon Glücksgüter genug, um diese Grille zu befriedigen; also bleiben sie lieber an ihrem Kaminfeuer sizzen, und gewöhnen sich dabei an eine simple nazionale Lebensart, dass es dem Fremden schwer wird, den Edelmann vom Lakaien zu unterscheiden. – Sie lesen wenig, studieren (ihre Landesgesezze ausgenommen) fast gar nichts, und bleiben bis an ihr Ende gutwillige Pagoden zur Bedienung ihrer aufgeklärteren Damen. – Ihre besondere Höflichkeit, ihr hübscher Körperbau und ihre feurige Liebe für unser Geschlecht, sind noch die einzigen kleinen Vorzüge, die sie erträglich machen; demungeachtet sind sie sehr zur Schwelgerei geneigt. Wenn ein junger Venezianer ohne Liebesfesseln lebt, dann lebt er gewiss bis zum Ekkel ausschweifend. – Nun so ist denn doch Ausschweifung immer das gewöhnliche Extrem eines Gelehrten oder eines Dummkopfs! – (fuhr mir bei dieser Anmerkung durch den Sinn...) Doch weiter! – Wiz besizzen sie gar keinen, aber desto mehr Nazionalsprüchelchen. Vernunft findet man noch am meisten unter den Advokaten, weil sie ihnen Geld einträgt. – Gekken sind sie fast alle, denn ihr Müssiggang macht sie dazu. Stolz auf ihre Freiheiten erlauben sie sich in ihren Masken viele kindische Torheiten. Bigottismus und Wollust schlürfen sie ohne den mindesten Vorwurf aus einem Becher, weil sie gewohnt sind, ihre Rechnung alle Monate wenigstens einmal in dem Beichtstuhl abzulegen. Der Grundzug ihres Karakters bleibt so lange guterzig, bis er von einer leidenschaft auf die probe gestellt wird; alsdann erst artet er in feurige Rachsucht aus. – So bald man ihren vaterländischen Stolz nicht beleidigt, so ist gut mit ihnen auszukommen. Litteratur und schöne Wissenschaften verrosten gänzlich unter ihnen; aber desto fleissiger üben sie Rechtsgelahrteit und Handelschaft. – Sie machen gutwillig die Küchenjungen ihrer Weiber; aber nie die Sklaven ihrer Vorgesezten. – Ein Venezianer läuft leichter mit dem Gemüskorb auf den Markt, als dass er nur um ein Haar seine Freiheit verlezzen liesse. Sie lieben auch die Fremden, aber trauen ihnen nicht gerne. – Eine grosse Menge Advokaten leben da auf Kosten ihrer Klienten, deren Rechtssache sie auf dem rataus öffentlich verteidigen müssen. Die Landestracht wird von dem Nobili und Advokaten nur an Gerichtstägen getragen, und besteht aus einer Knotenperükke, einem langen schwarzen Rokke mit einer silbernen Kette um den Leib. – Der Staat unterhält nur wenig Soldaten, aber destomehr Sbirren. Man behauptet, dass der Magistrat durch die Geschiklichkeit dieser Sbirren in kurzer Zeit den Namen und das Gewerb eines Fremden wissen kann, wenn ihm die Neugierde ankömmt. – Hm! hm! – Wie mag denn das zugehen? – (fragte ich mich selbst) da man doch hier zu land keinen Fremden mit dem Namenaufschreiben tirannisirt? – Aber desto aufmerksamer ist unsere Polizei, die den Unschuldigen nicht statt des Schuldigen plagt! – (flüsterte mir mein Vetter ins Ohr, der mein Selbstgespräch musste gehört haben). Liebschaften, Mätressen, und alles, was ins Reich der Frau Venus gehört, steht nicht unter dem mindesten Zwang, – wenn nicht Mordtaten, oder Diebstähle damit verknüpft sind. – Wer sich in öffentlichen Häusern beschmuzzen will, kann es ohne Hindernis wagen. Doch laufen bei aller dieser Freiheit die hiesigen Männer weit weniger diesen Oertern zu, als bei uns, wo Vorurteil, Fraubasen-Geklatsch, oder der bestochene Polizeirichter die Liebschaften von besserer Gattung so unbarmherzig stören. – Jeder unterhält sich hier sein eigenes Liebchen nach dem Maasstab seiner Einkünfte. Die öffentlichen Bedürfnishäuser werden meistens nur von Fremden, oder von den allerlüderlichsten Einheimischen besucht. – Ich habe diesen Saz meinem Vetter nicht glauben wollen; aber morgen, sagte er, müssen Sie Beinkleider anziehen, und ich will Sie davon überzeugen. – Lebe wohl unterdessen, meine Besste!

Deine Amalie.

CIII. Brief

An Amalie

Liebste, Besste! –

Ländlich, sittlich! – so sagtest Du leztin selbst, und doch weigertest Du Dich, Dich zu maskiren; wie kommt denn das? – O Du eigensinniges Weibchen, Du! – Verhülle in Zukunft dein blühendes Gesichtchen, sonst läufst Du Gefahr ferner beunruhigt zu werden. – Es muss übrigens doch für eine Fremde ein sonderbarer anblick sein, wenn sie das lebhafte Gemische so vieler Masken erblikt! – Mir würde zwar dieses Getümmel nicht behagen; Mitleiden und Abscheu würden mich zur tiefsten Traurigkeit hinreissen! – Schröklich ist es, meine Freundin, zu hören, dass selbst der geheiligte Tempel Gottes vom Laster nicht geschont wird! – Christen sollen das sein? – Christen, die die Grösse und Allmacht ihres Schöpfers weder fühlen, noch kennen! – Christen, die aus keinem reinen Unterricht gelernt haben, die Gegenwart Gottes zu fürchten! – Diese Verworfenen beten zu oft, um mit wahrer Zerknirschung des Herzens, mit wahrer Andacht beten zu können. – Ihr kaltes, flüchtiges, abwesendes Herz wiedmet sich aus Langerweile unter ihrem mechanischen Gebet bloss sündhaften Nebenbeschäftigungen. Sie hüllen ihre Laster in AndachtsUebungen ein, um desto freier ausschweifen zu können. – Bigottismus ist der Sünden Schuz, und ihr gleissnerisches Gebet ist ein grässliches Verbrechen an der Majestät Gottes! – Schein der Frömmigkeit ist bei den Italienern fast immer der Vorbote des Lasters. – Man hält in diesen Ländern vieles auf äusserliche Gebräuche, aber desto weniger auf das innere Gefühl eines denkenden Christen, der mit einem Worte seinen gütigen Schöpfer anzubeten weis. – Da zwingt man die Menschen zum Gottesdienst; sie müssen Predigten anhören, beichten, und alle Gebräuche mitmachen, wenn sie der Bonzen Wut entgehen wollen. –