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! wie viel falsches Scheinopfer bringt man dir! – seufzte ich dann lautund kehrte zurück nach haus. –

Ja, meine Fanny! – die geschichte in der Kirche hatte mich so sehr erzürnt, dass ich mehrere Tage keinen Schritt aus dem haus tun wollte. – Auf einmal wurde meine üble Laune dem guten Vetter zur Last, und ich musste ihm mit Gewalt in eine adeliche Gesellschaft folgen.

Aber ums himmels willen, lieber Vetter, ich bin ja nicht stiftmässig; die Damen werden Bedenken tragen, mich unter sich aufzunehmen! – sagte ich ihm sträubend. –

"Ei was stiftmässig! – antwortete mein Vetter, hier braucht ein Fremder das nicht; geben sie unserer Noblesse nur ihren Exzellenz-Titel, und Sie sind gewiss mit Ihrer Lebensart willkommen." –

Genug ich lies mich aus Neugierde bereden, und besuchte mit ihm eine solche Versammlung. – Als wir in Cassino anlangten, so wimmelten schon die Vorzimmer voll Bedienten. Ich streifte mit philosophischem Unwillen an diesem schimmernden Ungeziefer vorbei, das sich kriechend bis zur Erde beugte; dann stellte man mich einigen Damen vor. Ich muss gestehen, ich fand einen himmelweiten Unterschied zwischen ihnen und unsern aufgeblasenen, stolzen Nasenrümpferinnen in Teutschland: Sie empfiengen mich mit einer vernünftigen Güte und Leutseligkeit, die so willig eher dem Verdienst als einer bloss zufälligen Geburt ihre arme öffnen. – Sie marterten mich mit keiner steifen Etikette, womit man Fremde in Teutschland zu quälen pflegt. Freiheit, Munterkeit und gute Laune herrschten überall in dieser Gesellschaft. – Die Damen flüsterten einander keinen Ahnenstolz in die Ohren, und fielen mir nicht mit naseweisen fragen zur Last; eben so wenig, als ich von ihnen geschraubte, hochmütige Antworten erhielt. – Keine gaffte mich mit teutscher Grobheit an, als ob sie sagen wollte: – "Selbst dein Anzug ist nicht einmal hochadelich! –" In wenig Minuten achtete ich mich in dieser Versammlung schon nicht mehr fremde. – Man lies mir Freiheit, ohne mich aus Verachtung zu vergessen, und man schien mich zu vergessen, bloss um mir Freiheit zu lassen. – Niemand zwang mich zum Spiele. – Jedem stunde es frei, sich mit Kopf und Herz nach seiner Weise zu unterhalten; – weder Eifersucht noch Misgunst trübte die Damen unter einander. – Jede hielt ihren Liebling fest, ... und störte nicht durch Koketterie die Ruhe einer andern.–Alle hatten für sich hinlängliche Herzens-Beschäftigungen. – Kurz, die hiesigen Damen sind selbst bei ihren raschen Leidenschaften weit erträglicher als die in Teutschland. – Liebe übertäubt alle ihre übrigen Leidenschaften; und was Liebe nicht angreift, das beleidigt sie auch nicht. – Sie haben überhaupt im Durchschnitt mehr Kultur als die Männer. Mutter natur war ihre Leiterin. ZierereiVapeursund Grillen scheinen sie gar nicht zu kennen. – In Gesellschaften handeln sie viel freier als die deutschen, und bei Weitem nicht so geschraubt. – Die Hizzigkeit ihres Temperaments gestehen sie offenherzig, und verderben nicht ihr Herz durch heuchlerische Verstellung. – Unsere deutschen Damen hingegen verbergen ihre Herzens-Angelegenheiten, und werden dabei doppelte Sünderinnen. – Hier rechnen sichs die Damen zur Schande, mehr als Einen zu lieben, und bei uns schämen sie sich dieser einfachen Zahl, und tändeln mit allen, die ihnen aufstossen, aus Schwachheit, aus Ueberraschung oder aus Zufall. Liebe wird bei den Italienern zum ernstaften Geschäfte, bei den deutschen hingegen zur Galanterie, oder Heuchelei. – Wechsel ist hier Verbrechen, der den Stolz einer Dame beleidigtund bei uns wechselt man mit der Liebe eben so gleichgültig, wie mit Handschuhen. – Die hiesigen Damen lernen ausser ihrer Muttersprache selten eine andere, und saugen nicht, wie bei uns, mit der französischen Sprache zugleich französischen Leichtsinn ein. Sie studieren fleissiger ihre Muttersprache, als manche teutsche Dame, welche die ihrige kaum buchstabieren kann. – Auch Eigennuz verunstaltet ihre Seele nicht so leicht, weil sie weniger als bei uns dem Spiel, sondern mehr der Liebe nachhängen. – Verläumdungssucht ist ihnen fast durchaus fremde, denn sie verschäkkern ihre Stunden meistens in der Gesellschaft ihrer Liebhaber. – Selbst Eitelkeit hat sie weit weniger vergiftet, weil die Einförmigkeit ihrer Masken keinen so grossen Aufwand erfodert. Wären nur die hiesigen Damen ihren Männern getreuer, verschwelgten sie nur weniger ihre Gesundheit in den Armen der Wollust, man könnte diese Engel von Weibern nicht besser wünschen, als man sie hier unter dem adelichen stand findet. – So weit ging meine heutige Beobachtung. Morgen auch etwas weniges von den hiesigen Männern; und nun gute Nacht, meine Liebe, von

CII. Brief

An Fanny

Wort halten, ist Pflicht! – ruft uns die alte teutsche Redlichkeit zu. Also muss ich wohl heute ihrer stimme folgen, und Dir, meine Fanny, mein Versprechen erfüllen. So eben komme ich wieder aus einer adelichen Gesellschaft zu haus; und ich kann Dich versichern, dass die hiesigen Edelleute männlichen Geschlechts fast durchaus über eine Form gemodelt sind. – Ich fand in einem die andern alle. Ihr Wesen ist einfach, und ihre Nazional-Mundart ist dem einen wie dem andern eigen. Selbst Liebe, die doch bei der italienischen Sprache sehr gewinnt, wird durch ihre Nazionalsprache verunstaltet. – Schon einige haben es versucht, auf mein Herz Ausfälle zu wagen, aber sie prellten ab. – Das Zuhausesizzen versagt ihnen die nötige Kultur. Sie besizzen die hochmütige Grille, dass keiner von ihnen ohne fürstlichen Aufwand reisen dürfe; und