alle meine Sinnen waren über und über beschäftigt. – Ich sah jetzt in den offenen Kaffeebuden verwegen spielen, unverschämt buhlen, und jedes lasterhafte Gewerb in voller Uebung treiben. Auf allen Seiten unterhielten sich diese beschäftigten Müssiggänger mit ihren Modelastern. Spionen lauerten; Spieler zankten; Buhlerinnen schäkkerten emsig mit ihrer feilen Waare; – Andächtlerinnen seufzten über die Unerträglichkeit ihrer Keuschheit; alte Weiber brummten an der Seite ihrer ungetreuen Anbeter; junge Damen warfen nach ihrer Gewohnheit ihre Nezze aus; Bonzen liebäugelten; Schurken lehnten sich tiefsinnig an die Seitenwand, und dachten auf spizbübische Anschläge; Stuzzer strikten Filet, fremde junge Windbeutel trugen ihre Figur zu Markte, und Ausländer, die kaum dem Galgen entronnen waren, genossen hier der goldenen Freiheit! – Alles war in lebhafter Tätigkeit, und jeder schwelgte nach seiner Weise. – Mit zerstreuter Verwunderung schlenderte ich einigemal an dem Arm meines Vetters den Seitengang hin und her. – Der überraschende Lärm hatte meinen Körper in etwas aus seinem Gleichgewicht gebracht. – Ich schmiegte mich nahe an die rechte Seite meines Führers, und lehnte meine rechte Hand rükwärts auf meine Hüfte. – Schon glaubte ich in dieser Stellung unter dem Getümmel unbemerkt durchschlüpfen zu können; schon fing ich an über alle diese Tollhäuser philosophisch nachzudenken, als ich plözlich meine rükwärts gelehnte Hand feurig gepresst fühlte! – Aergerlich blikte ich hinter mich, und sah... lauter gleich gekleidete Masken. – Es schien mir in diesem Falle schwer den Täter zu unterscheiden; ich zog daher meine Hand ganz stillschweigend aus dieser Stellung. – Um Streitigkeiten zu verhindern, verschwieg ich diese neue Unverschämteit meinem Vetter, indem ich glaubte nun sicher und ruhig an seiner Seite fortwandeln zu können. Aber umsonst, kaum hatte ich einige Schritte vorwärts getan, so tändelte schon wieder eine Maske an meinen Haaren, die bis über meine Hüften hinunter hiengen. – Endlich zwang mich die notwendigkeit mit meinem Vetter in eine Gondel zu steigen, um nach haus zu fahren. – Hier hast Du nun die geschichte des heutigen tages von
Deiner bessten Amalie.
CI. Brief
An Fanny
Wenn wir gutchristlichen Katoliken in eine fremde Stadt geraten, so eilt sonst gewöhnlich unser erster Schritt der Kirche zu. – Bei mir war es zwar nicht der erste, aber der letzte soll es gewiss sein! Ich begab mich in eine Kirche; aber die schändliche Aufführung der italienischen Nazion im Tempel Gottes hat mich sehr geärgert! – Als ich in den Vorhof der Kirche trat, drängten sich die alten Bettelweiber haufenweis auf mich zu, und baten zur Liebe des heiligen Antonius um ein Allmosen. Ich gab hin so viel ich konnte, ob ich gleichwohl beim Weggehen einige von diesen nemlichen alten Weibern besoffen in Winkeln liegen sah. – Die Kirche war dicht angefüllt; alles murmelte mit verkehrten Augen Gebete daher. Die Damen zerschlugen sich aus Andacht die Brust, und die Männer schwizten heuchlerisch im Gedränge. Die ganze Versammlung behauptete den Schein einer ausserordentlichen Frömmigkeit. – Schon fing ich an mich über diese eifrigen Diener des Herrn zu freuen; schon beklagte ich die kalten deutschen, die in der Verehrung des Schöpfers so wenig Feuer im Aeusserlichen zeigen. – O! dachte ich, welch ein Unterschied! – Hier strozzen die Kirchen an Werktägen von Andächtigen, und bei uns kaum an Sonntägen; und so würde ich weiter Vergleichungen angestellt haben, wenn mich nicht der verstohlne Seitenblik einer eifrig betenden Nachbarin darin gestört hätte. – Die gute fromme Scheinheilige schien nach etwas begierig zu schmachten, bis sich auf einmal ein frecher Bursche zu ihr hindrängte, und in ihr Gebetbuch ein Liebesbriefchen stekte. – Sie nahm dann ihr Buch zu sich, klopfte ans Herz, rief einigemal: O Dio santo! dazu, und verlor sich. – Als dieser Auftritt, den die übrigen frommen Christen nicht einmal bemerken wollten, sein Ende erreicht hatte, wollte ich nach meiner Uhr sehen, aber siehe da – man hatte mir sie gestohlen! – Ich sah ganz natürlich links und rechts nach dem Dieb, und erblikte nichts, als Grimasse der Frömmigkeit. Was blieb mir nun ausser der christlichen Geduld übrig an einem Orte, wo jeder Heuchler der Religion Ehre zu machen schien? – Demungeachtet drängte sich mein Blut häufig dem Kopf zu, und es war mir unmöglich mich länger in einem haus aufzuhalten, wo Andächtelei dem Laster den Schein der Ehrlichkeit borgen muss. – Ich drängte mich hin und her durch alle Lükken durch, um in die freie Luft zu kommen. Eine alte cara Mama zupfte mich rükwärts am arme, und schien mir zu folgen. – Was mag denn die wollen? – fuhr mir durch den Kopf, indem ich sie aufmerksam betrachtete. – Sie brummte ihre Gebeter halb laut fort, hielt ihren Rosenkranz fest, sties andächtige Seufzer aus, und folgte mir bis an die Treppe. – Carissima bella Signorina! – redete sie mich an. – Geh zum Henker, Alte, mit deinen Schmeicheleien! – schrie ich ihr zu, als sie mich ganz andächtig bei Seite zog, und mir einen förmlichen Antrag zu einer Lustpartie machte: – Schandlose Heuchlerin! – lass mich mit Friede, oder... auf einmal war sie jetzt weg und wieder in der Kirche. – So geht es also hier im Tempel Gottes zu! – Das ist das fromme, andächtige Volk! – sagte ich unwillig zu mir selbst – und besuchte aus Neugierde mehrere Kirchen nach einander. – Alle fand ich eben so voll wie jene. – Gott im Himmel