und Herzen unter uns so ziemlich ein Ende, um auch wieder mit Dir plaudern zu können: Die Lage meiner wohnung ist ganz nach meinem Geschmak. Das Haus liegt in einer einsamen Gegend und wird von einem Garten geziert, dessen Aussicht auf den lebhaften Kanal geht. Da sizze ich dann am Fenster dieses Gartens, und manche liebe Stunde durch betrachte ich die vielen vorbeischwimmenden Gondeln, die grosse Welt samt ihren grossen Torheiten. Zu wasser und zu land findet man Verschwendung und Luxus; überall beherrscht der Menschen Eitelkeit, Wollust und Schwelgerei. – In Teutschland fahren die Vornehmen in prächtigen Wägen, und hier in gezierten Gondeln; dorten ziehen rasche Pferde ihre herrschaft, und hier die ausgelassenen Gondolieri; bei uns schmükk man die Pferde mit Silber und bunten Federbüschen, hier die Gondolieri mit weiten Pumphosen und buntschäkkiger Kleidung. – In Teutschland sind die Pferde die unwissenden Kuppler ihrer herrschaft, und hier sind es die Gondolieri mit Vorbedacht. Hier ist es durchaus nötig, dass der Gondolieri die Kupplerei aus dem grund versteht; bei uns überlässt es der Kutscher dem Bedienten oder dem Kammermädchen. – In Venedig kann kein Bursche sich auf den Dienst einer Dame hoffnung machen, wenn er nicht gefällig und à Tempo den Vorhang in einer Gondel zu ziehen weis; in Teutschland hingegen begnügen sich die Damen mit einer langsamern Bedienung. Hier muss der Gondolieri die Schwelgereien seiner Gebieterin geduldig abwarten, und bei uns gebietet der begünstigte Lakai seiner Dame, wenn er sie mit einem vielbedeutenden blick an ihre heimlichen Schwachheiten erinnert. In Venedig jagen die Damen den Fremdlingen nach; in Teutschland sind sie mit ihren einheimischen Leuten zufrieden. – Ländlich, sittlich! – dachte ich mir bei der Verschiedenheit dieses Geschmaks. – Die Weiber sind ja in allen Ländern in allen Stükken eigensinnig, folglich auch in der Wahl ihrer Bedienten. – Doch sind die hiesigen Damen in ihren Bequemlichkeiten weit mehr zu beneiden: Sie schwimmen ganze Täge in den Armen ihrer Lieblinge unbemerkt herum; da hingegen unsere guten Damen ohne Rüksicht auf ihre adelichen Schwachheiten so leicht wegen ihren heimlichen Ausschweifungen unter dem Pöbel verschrieen werden. – Was zahlte nicht bei uns manche Dame für so eine allerliebste Gondel, vermittelst welcher sie ihre minder verborgenen Schlupfwinkel entbehren könnte! Selbst der Puz der hiesigen Damen wird in diesen sanft fortschleichenden Behältnissen weniger verschoben, als in einem engen Gefärte in Teutschland, wo der schmachtende Nachbar unwillkührlich durch das Stossen des Wagens vom Strichrok bis zum Kopfpuz alles in Unordnung bringen muss. – Auch bedienen sich hier die Damen keiner Schminke mehr, weil die dunkle, verschlossene Gondel und der wohl abstechende Anstrich derselben ihre Wangen ohnehin schon hochrot färbt! – Es ist eine allerliebste Erfindung um die Gondeln! – sagte leztin ein flatterhafter Ehemann zu mir, dem unter dem mitleidigen Schuz derselben manche galante Unternehmung geglückt war; – und bei uns, schrie eine verbuhlte, leichtsinnige, hizzige italienische Brunette, bei uns kann kein beleidigter Ehemann seine Equipage mit eifersüchtigen Augen verfolgen; denn bei uns sind die Gondeln alle gleich; sie tragen die feurige Prinzessin mit ihrem Liebling eben so geheimnisvoll, als die ausschweifende Opersängerin mit ihrem ausgemergelten Prinzen. Bei Ihnen (fuhr sie fort) müssen die armen Damen ihre Kammermädchen, Bedienten, Weiber, oder gar Kupplerinnen um schweres Geld zu jeder kleinen Lustpartei erkaufen, und hier in Venedig versieht die Gondel den gleichen Dienst weit geringer. – Ueberall herrscht hier Freiheit und Liebe zur zeitlichen Freude. – Selbst die andächtigste Dame schwimmt hier, ohne sich dem mindesten Verdacht auszusezzen, mit ihrem Gewissensrat in die Kirche... oder in seine arme. – Belieben Sie einzuhalten. Madame! – (unterbrach ich sie) In Teutschland schleicht das Laster nur kaltblütig unter den Menschen herum, und hier in Italien galoppiert es aus allen Kräften, besonders unter der Maske der Frömmigkeit! Bei uns ist man aus übelm Beispiel oder aus Zufall lasterhaft, und bei Ihnen aus natürlicher Anlage und weniger Kultur. – Hier vergiesst der Eigennuz täglich Blut, und bei uns treibt er es selten zu so einem Schritt. – Bei Ihnen liegt Falschheit und Mordsucht im Herzen, und bei uns kommen sie bloss zuweilen durch üble Erziehung oder Verführung hinein. – Ihre Damen beten viel und buhlen viel. – Die unsrigen beten weniger, aber buhlen auch weniger. – Das welsche Frauenzimmer ist betrügerisch, rachgierig, ausgelassen und wild; das teutsche wohltätiger, sanfter, aber desto mehr koket. – Die deutschen Damen foppen mit ihren kalten Temperamenten die Männer nach Herzenslust, und die Italienerinnen wollen Sieg – oder Mord. – Uebrigens ist Modesucht, Eigenliebe, Grillen und Ziererei unter unserm Geschlecht bei allen Nazionen zu finden. – Wenn es aber unter den Weibern auf Betrügerei und Verstellung ankömmt, so läuft in dieser Kunst doch immer die Italienerin der deutschen den Rang ab. – Unser Geschlecht ist zwar überall ziemlich verdorben, nur verleitet die angeborne Guterzigkeit eine Teutsche weniger zu Betrug. Das, Madame, sind meine unmassgeblichen Gedanken! – Und nun leben Sie wohl! – sagte ich zu dem brunetten Frauenzimmer, und trollte mich gerades Weges nach haus. – Bald das Mehrere von
Deiner Amalie.
XCIX. Brief
An Amalie
Meine teuerste Amalie! –
Ich durchlas deine Reisebeschreibung mit innigem Vergnügen, und freute mich herzlich über deine muntere Laune, die mir wieder für die Herstellung deiner Gesundheit bürgte. – Du bleibst doch immer das alte feurige Mädchen, das überall geschäzt werden muss. – Aber weisst Du auch, dass Du dabei eine recht lose Schäkkerin bist