man mich auch in diesem Betracht ruhig. Ich sezte mich ganz getrost an ein Tischchen und stellte meine Beobachtungen über die versammelten Gäste an. Bescheidenheit lässt mir nicht zu, zu sagen, aus wie vielen Klassen dieselben bestunden, und es würde demjenigen unglaublich scheinen, der nicht selbst Augenzeuge davon war. – Jeder von dieser schönen Gesellschaft passte mit begierigen Augen auf seine Kundleute, um den Hunger zu stillen. – An diesen Tischen wurde gebuhlt, an jenen moralisirt, wieder an andern einander geheimnisvoll ins Ohr gelogen, oder laut die Ehre abgeschnitten. Hier wucherte ein alter Geizhals mit den Reizen seiner Tochter; dort verschwendete ein ungeratner Sohn die vom Vater gesammelten Reichtümer; – da hörte man plumpe Grobheiten; dort höfliche Lügen; – einer rauchte, der andere schnarchte, der dritte fluchte, der vierte seufzte, der fünfte schwadronirte, u.s.w. – Es war ein jämmerlicher Durcheinander. – Was in einem so grossen Narrenhaus alles gelogen, betrogen, geheuchelt, gekuppelt und gewindbeutelt wird, ist nicht zu beschreiben. – Selbst meine gute Alte verlor fast ihre Sinnen über dem Schwarm von Müssiggängern und Stuzzern, die aus Neugierde um uns herumflatterten. – Diese frechen Tagdiebe redeten mich mit einer Kühnheit an, als ob es zwischen uns Brüderschaft gälte. – Ho! Ho! dachte ich mir, und blieb wie ein fester Teutscher auf meinem stuhl sizzen, bis ich endlich ihre Neugierde mit fremden Sprachen ermüdete, die sie nicht verstunden. Nun bekam ich auf einmal Luft meinen Kaffee in Ruhe auszuschlürfen. (In Italien ist es Mode den Kaffee auszuschlürfen.) Aber was? schon neun Uhr? – Hurtig, Gretchen, lass sie uns eilen! Und nun trippelten wir dem Gastause zu; – aber hernach? – ins Bett, meine Liebe! –
Madame, belieben Sie doch aufzustehen, sonst versäumen wir das Marktschiff! (raunte mir das Mädchen schon sehr frühe ins Ohr.) Husch, flog ich aus dem Bette, trank meinen Tee, bezahlte meine Zeche, und eilte mit meiner Alten dem Ufer des Kanals zu. Schon war das Schiff über und über mit Leuten angefüllt. – Dienstfertige Nimphen, die ihren Fleischhandel hin und her trieben, alte Seelenverkäuferinnen, Juden, Bonzen, Mausfallkrämer, Fleischhakker, Murmeltierträger, welsche Sbirren und eine grosse Menge ausländischer vertriebener Spizbuben eilten jetzt mit den übrigen der freien Republik Venedig zu. – Ich sah hin und her um ein gutes abgesondertes Pläzchen zu finden. – Endlich erblikte ich ein Seitenstübchen, worinn sich vermutlich die Stiftmässigen dieser löblichen Versammlung aufzuhalten schienen. Nu, nu, das ist eine saubere Gesellschaft! – Ei was? Dachte ich mir, Not hat in dringenden Fällen kein Gesez! – Also kurz und gut; und ich befahl dann meinem Mädchen ins Seitenstübchen zu steigen. – "O du heiliger Johann von Nepomuk, steh mir bei!" rief sie laut, indem sie sich hartnäkkig weigerte. – Poz alle tausend und ... wollte ich schon anfangen, als ich mich plözlich fasste, und einem Lastträger herbeirief, der mir sie mit Gewalt ins Schiff schleppen musste. – jetzt riss die ganze Versammlung über meine Entschlossenheit Augen und Nasen auf! – Ueberall bot man mir (vermutlich aus Neugierde) Plaz zum sizzen an; was konnte ich in dieser Lage besseres tun, als mein Gesicht in Falten ziehen, um das freche Laster abzuschrekken, das sich so gerne an reisende Frauenzimmer wagt. – Doch, dem finstern gesicht ungeachtet, wagte es ein landstreicherischer Abbe meine ernstafte Stille mit süssen fragen zu unterbrechen. – Ich konnte diesen Zudringlichen durchaus nicht los werden; er plapperte vieles von fremden Ländern; kramte seine Zeugnisse so bereitwillig aus, als ob er mir seinen verdächtigen Kredit mit Gewalt aufzudringen suchen wollte. – Ich fing an dieses Kerlchen mit einigem Beifall zu beglückken, und er glühete darüber vor Entzükken. – Schon glaubte der Windbeutel meine Leichtgläubigkeit überredet zu haben, als ich ihm plözlich mit bitterm Spotte das Gegenteil bewies. Nichts destoweniger bat er mich dringend um den Namen meines Absteigquartiers. – Und siehe da, der Graf Sakonello (so war sein entlehnter Name) war in wenigen Tagen vor meiner Haustüre, von welcher er aber recht höflich abgewiesen wurde. – Doch, lassen wir diesen Einfaltspinsel ein Bischen stehen, um ans Ufer zurückzukehren! – Alles drängte sich da noch haufenweis unter sumsen, lärmen und schreien aus dem angekommenen Marktschiffe. Es herrschte lauter Getümmel und Verwirrung; nur der Herr Abbe und ich blieben ganz ruhig bei dieser komischen Auswanderung im Schiffe an unserm Orte sizzen, bis mir auf einmal die am Ufer stehenden, mit prächtigen Uhrketten behängten und vergoldeten Herrchen in die Augen fielen, welche gierig auf jeden aussteigenden Weiberrok lauerten. –
Was mögen denn dies für Maulaffen sein? fragte ich den Abbe; der mir dann ganz geheimnisvoll ins Ohr flüsterte: "Es sind lauter Kuppler, die auf fremde Mädchen passen, um sie durch künstlichen Betrug in Bordels zu verhandeln. Nehmen Sie sich in Acht, Sie sind auch jung und nicht hässlich!" – Herr Graf, erwiderte ich, jeder kehre vor seiner Tür! – und so stieg ich ans Ufer, und er, er bükte sich, und ging; ich hingegen mietete eine Gondel, und fuhr darin sanft bis an die Behausung meiner Anverwandten. – Und?... Nicht zu viel gefragt, meine Freundin! Morgen das Weitere! –
Endlich, meine Liebe, hat das Küssen