1788_Ehrmann_009_85.txt

Kinderpossen schwer zu beladen. "Ja, – sagten diese einfältigen Närrinnen: – Ja, auf der Reise, da haben die Hexen just am meisten Gewalt! und glauben Sie sicher, Madame, dass Ihre letzte Krankheit gar nicht natürlich war; selbst der grundgelehrte Pater Guardian hat es bestättigt, als wir ihm Ihre Krankheit beschrieben. Gott segne von heute an alle ehrlichen Mutterkinder! – Hier schikt Ihnen der Pater Guardian ein Päkchen hochgeweihtes Pulver, das Sie täglich vor Sonnenuntergang nebst einem heiligen Sprüchelchen mit Weihwasser gemischt, einnehmen müssen." – Ich musste mit Gewalt diesen Schwachköpfen ein bereitwilliges Ja zunikken, bloss um ihrer los zu werden. Endlich stieg ich unter ihren murmelnden Einsegnungen in den sündhaften Postwagen, dernach ihrer Prophezeihungeinst mit samt den Passagieren schnurstraks zur Hölle fahren würde! – Es sass ein junger und ein alter Italiener im Wagen, die ich beide für Kaufleute hielt. Aber lange wurde meine Neugierde nicht befriedigt, weil ein allgemeines Stillschweigen herrschte; ich beschäftigte mich indessen mit Nachdenken. Jemehr ich den jungen schwarzbraunen Mann betrachtete, desto minder konnte ich entdekken, zu welchem stand er eigentlich gehörte! – Sein Wesen war höflich, aber dabei geheimnisvoll. Sein Betragen mehr kriechend, als edel stolz, und seine Reden gar nicht zusammenhängend. Kurz, sein charakter schien mir ein seltsamer Mischmasch zu sein. Uebrigens war er nicht ungesellig, aber dennoch äusserst verschlossen, niemand konnte erraten, wohin seine Reise ginge. – Der alte Kaufmann hingegen gestund uns allen mit der äussersten Offenherzigkeit, dass er ein Bürger aus Verona wäre, und dortin zu reisen gedächte. Dieser Mann gewann bald meine achtung, und, so viel ich sah, ich auch die seinige. – Zuweilen ärgerte sich der gute Alte freilich ein Bischen, wenn der jüngere Reisegefährte mir höflich begegnete; da gab es dann wechselsweis grimmige Augen. – Doch schien mir, als wäre der junge Held zu feige, um laute Anmerkungen über den Kaufmann zu machen; daher lies er mich auch ruhig mit demselben fortplaudern, und, um sich schadlos zu halten, schäkkerte er unterdessen mit meinem Kammermädchen. Das alte affektirte Ding fand sich ganz wohl dabei, und glaubte ganz sicher, dass ihre abgestandenen Reize mit Beihülfe der Kloster-Reliquien Mirakel gewirkt hätten. Fast hätte mich beinahe selbst die Kraft des Klosterfrauen-Krams in Erstaunen gesezt; bis auf einmal die gesunde Vernunft mir ins Ohr flüsterte: Der junge Ritter heuchelt bloss aus Neugierde dem verrunzelten gesicht Schmeicheleien vor! So strenge ich nun auch dieser alten unkeuschen Dirne das Vertrauttun mit dem jungen Menschen verwehrte, so konnte ich es doch nicht verhindern, dass sie nicht zusammen beim Aussteigen einen ganz kleinen Seitensprung machten. Doch da mir ihre Hässlichkeit für alle Folgen bürgte, so störte ich sie auch nicht weiter in ihrer mirakulösen Eroberung. – Indessen rollte jetzt unser Wagen unter starken Erschütterungen weiter; schon waren wir über einen guten teil eines Tirolerbergs weg. – Ein schneidender Wind bewillkommte uns alle, und hurtig wikkelte mich der sorgfältige alte Kaufmann in seinen Pelzrok ein. – Meine Kammerzofe fing jetzt auch an über Kälte zu winseln, und geschwinde versah man sie mit einer Dekke. Doch das geschöpf gebärdete sich demungeachtet, als ob ihre Haut von Fliesspapier wäre. – Ich ärgerte mich nicht wenig über so viel Ziererei, und durfte doch um des Wohlstandes willen meiner Galle nicht Luft machen. – Endlich und endlich kamen wir in der Stadt T... an, wo jeder Mitreisende aufs Neue bezahlen musste. Das unbarmherzige Stossen des Wagens hatte alle so schwindelnd gemacht, dass keiner beim Aussteigen ohne Taumel einen Fuss auf die Erde sezzen konnte. Es herrschte jetzt eine allgemeine Zerstreuung unter uns, und der junge Mensch benuzte diesen Zeitpunkt zu seinem Vorteil recht herrlich. – "Mein Freund! – (rief er dem Kaufmann zu) sind Sie doch so gütig, und bezahlen einstweilen meinen Plaz auf der Post bis Verona. Ich komme im augenblick wieder. Ein kleines Geschäft nötigt mich geschwinde irgendwohin zu gehen! –" Der truglose Mann gab ihm sein Jawort, und flugs verschwand unser Ritter durch die Gasse. – Wir beide eilten nun dem Postamt zu, und bezahlten unsere Pläzze. – Noch hatte der Postillion nicht geblasen, und die nächste Wirtsstube musste uns indessen vor Kälte schüzzen. Ich lies mir jetzt den süssen Tirolerwein recht gut schmekken! – Selbst das verjährte Blut meines alten Begleiters wurde durch diesen herrlichen Trank aufgewärmt. Wir beide schwazten nun mit geläufigerer Zunge über verschiedene moralische, philosophische Gegenstände, und der guterzige Alte taumelte vor Entzükken über mein Bischen Unterhaltung. Er trieb seine Zufriedenheit so weit, dass er so gar darüber die Forderung an den jungen Menschen vergass, der während dessen auch wieder zu uns gekommen war. – Wir fuhren nun ab, und unterwegens machte mir der Alte einen Lobspruch um den andern, worinn der junge Bursche feurig beistimmte. – Holla! – dachte ich jetzt bei mir selbstder Vogel pfeift mit aus Eigennuz, und ist vielleicht gar ein Betrüger! – Doch auf einmal sahen wir unter muntern Gesprächen die Stadt Verona vor uns liegen. – Der Postillion klatschte, und der Wagen hielt stille. Ein schmuzziger Wirt, dem der italiänische Eigennuz auf der Stirne geschrieben stunde, hob mich unter vielen Büklingen aus dem Wagen; schnell haschte der gute Kaufmann nach meiner Hand und führte mich die Treppe hinan. Während dieser kleinen Pause machte sich der junge Ritter aus dem Staube, und prellte den guten Kaufmann