darnach kam der Bote zurück, und stellte mir ein Briefchen von meinem guten Oheim zu, worin er mir schrieb, dass ich mich zu Herstellung meiner Gesundheit entschliessen möchte, eine Lustreise zu unternehmen. Die Wahl einer Stadt, in Italien oder Frankreich, überlies mir dieser gefühlvolle Mann. – Doch wäre ihm das erste Land weit lieber, weil er mich dort Anverwandten empfehlen könnte, u.s.w. – Freudig dankte ich jetzt dem gütigsten der Menschen für diesen neuen Beweis seiner Liebe, und beschäftigte mich von nun an mit Reiseanstalten. Die Nonnen hatten Befehl, mir in der Eile für ein Dienstmädchen zu sorgen, und es dauerte nicht lange, so brachten sie mir zu dieser Absicht eine etwas ältliche Figur aufs Zimmer. – Das Gesicht dieses Mädchens gefiel mir ganz und gar nicht, aber die gute Empfehlung der Nonnen und meine Eile machten bald alle Schwierigkeiten vergessen. In etlichen Tagen reise ich nebst ihr von hieraus mit dem Postwagen nach Venedig. – Ein kühner Entschluss für meine Jugend, nicht wahr? – Aber doch nicht zu kühn gegen meine Grundsäzze, die mir auch ausser den Mauern eines Klosters für alles bürgen. – Du weist übrigens, dass ich die italienische Sprache hinlänglich spreche, um durchzukommen; auch meine Börse hat der gute Oheim in den nötigen Stand gesezt; und nun fehlt mir nichts als die völlige Herstellung meiner Gesundheit, um Dir bald eine umständliche Reisebeschreibung zuschikken zu können. – Lebe indessen wohl, meine ewig geliebte Freundin, und nimm hin diese Küsse auf Abschlag, bis deine Amalie wieder nach Teutschland zurückkehrt! –
XCVI. Brief
An Amalie
Ich eile, meine teure Amalie, Dir deine zwei Briefe zu beantworten: Holdes Weibchen! – Vergiss doch einmal deinen abwesenden Henker! – Hast Du denn je von ihm was anders erwartet, als dass Dich der Verabscheuungswürdige nicht auch ganz vergessen wird? – Du armes guterziges Kind willst immer den Wiederhall deines guten Herzens finden, – und wirst dann am Ende schröklich betrogen! Tilg ihn aus diesen unwürdigen Namen aus deiner Brust, in der ihm zu wohnen nicht mehr vergönnt sein soll! Lass deinen Mut nur nicht sinken, Besste, Liebste, die Freuden der Liebe können Dir einst wieder werden, wenn ihn sein ausschweifendes Leben hinruft in die arme des frühen Todes. – Der Schöpfer gab Dir nicht umsonst ein Herz voll Liebe, seine weisen Absichten werden Dir auch Trost geben. All dein Jammer muss Dir noch an dem Busen eines edlern Gatten vergolten werden. – Dein Herz hält jetzt die grösste Prüfung aus, und sein Wert wird durch seine Leiden erhöht. – Nur nicht zaghaft, liebe Kleine! – Schiksale, die wir nicht ändern können, werden durch zu vieles Nachdenken nur noch unerträglicher. – Du zerrüttest deine Gesundheit, härmst Dich ab, und erweichst doch nicht die unbarmherzigen Gesezze. – Deine Tränen und dein Jammer dringen nicht ins Priester-Ohr, das sich für Dich, und andere Unglückliche so eigenmächtig verschloss! – Der Heiland selbst würde in der Ehe guterziger richten, wenn er wieder auf dieser Erde in Menschengestalt herumwandelte. Dieser gute Menschentröster im Himmel kann nichts dafür, dass seine Geschöpfe seinen Willen nach ihrem eigenen Kopf drehen. Er gab ihnen zum urteilen Vernunft, und wenn sie nun die stimme derselben aus Eigendünkel überhören, so muss ganz gewiss auf diese Unbiegsamen das schröklichste Strafgericht warten! – Alle Unglücklichen von der Art, werden sich einst versammeln, und dann jenen grausamen Priestern ewigen Fluch zuwerfen! – Diese kühnen Starrköpfe sind es, die es wagten, aus einem bürgerlichen Vertrag unzertrennliche Bande zu machen. – Können die Priester durch Ansehen und Geld die katolischen Ehen lösen, warum denn nicht ohne dieses schändliche Hülfsmittel? – Selbst der Schöpfer urteilt von der schwachen Menschheit mit Ausnahme, warum denn nicht seine Gesalbten bei übereilten Ehen? – Hat der Aermere ein stärkeres Herz, die Leiden einer fehlgeschlagenen Verbindung zu ertragen, die von der andern Seite mit Betrug, bloss aus Absichten, geknüpft wurde? – Es ist zum Erstaunen, wenn man dieser Ungerechtigkeit bei deiner Religion nachdenkt! – Wer nicht Glanz oder Vermögen hat, muss lebenslänglich an etwas Widersprechendes gefesselt bleiben; und doch gibt es so viele Unschuldige, die unter diesem Joch seufzen. – Aber lass uns abbrechen von einer Sache, die mir Abscheu erwekt. – Sag mir, liebe, teuerste Amalie, ob es nun um deine Gesundheit besser steht. – Ob Du mir versprechen willst, es durch Nachgrübeln nie mehr so weit kommen zu lassen. – Ob Du mich noch hinlänglich liebst, um diese Bitte zu erfüllen. – Ob Du jetzt wohl schon auf der Reise bist. – Und ob Du auch überall das Bild deiner Freundin im Herzen trägst, die Dich mit Millionen Küssen durch die ganze Welt begleitet. –
Deine besste Fanny.
XCVII. Brief
An Fanny
Schon aus Venedig, meine Traute, erhältst Du diesen Brief. – Ja, ja, aus Venedig schon! – Nicht wahr, das heisst zugefahren? – Aber mein armer Körper fühlt es auch tüchtig! – O! der abscheuliche Postwagen stiess mir fast alle Rippen entzwei! – Demungeachtet soll mich die äusserste Müdigkeit nicht abhalten Dir meine Reise zu beschreiben. – Nun wo blieb ich denn im lezten Brief an Dich stehen? – Ach – Ha! – weiss schon! Als nun die ältern Nonnen den Tag meiner Abreise festgesezt sahen, so fiengen sie an, mich mit Skapuliren, Amuleten, und mit mehr dergleichen