vorstellst. Weisst Du nicht, Weiberhass ist gränzenlos, er erreicht erst dann sein Ende, wenn die so ihn besizt in den lezten Zügen liegt. Also vorsichtig, mein Malchen! – Doch nun zu der Unterrichtung deiner Kostgängerinnen, die mir äusserst wohlgefiel. Es dürfte sich wohl mancher Vorsteher einer deutschen Schauspielergesellschaft diese Art merken, damit er sein Häuschen erträglicher stimmte, als die vielen herumschweifenden schlechten Gesellschaften, die ausser dem Schuldenmachen und der Buhlerei nicht das geringste von der Kunst verstehen. Du hast es durch deine Bemühung bewiesen, dass die Kunst bloss durch starke Uebung und Fleis zu einer gewissen Vollkommenheit zu bringen ist. Aber noch immer verfehlt die deutsche Bühne ihren Endzwek; noch immer stiftet sie mehr Schlechtes als Gutes, schaffet mehr unerträgliches Zeugs als Unterhaltung. Noch immer nicht ist diese Bühne rein von schlechtem Lebenswandel und abscheulichen Lastern. Noch immer predigt die Ausschweifung selbst eine verdächtige Moral, die im mund des lüderlichen Schauspielers enteiligt wird. Ordnung und Gesezze zieren nur ganz wenig einige Nazionalteater; unmöglich sind diese wenigen gutgesitteten Teater im stand, den moralischen Nuzzen zu ersezzen, der von so vielen herumziehenden Dieben und Diebinnen der Tugend durch ihr übles Beispiel geraubt wird. Man möchte vor Entsezzen schaudern, wenn man das herumstreichende verkappte Laster in den kleinsten Städten willkommen sieht. – Keine Obrigkeit scheint sich um diese heimlichen Stifter des Verderbens zu kümmern. Würde man nur wenige Bühnen dulden, und diese wenigen durch scharfe Gesezze in Ansehung der Sittlichkeit im Zaume halten, so hätte die kleinere Anzahl gesitteter Schauspieler bequemeres Brod zu geniessen, und die übrige Menge von Landstreichern würden in ihre schändliche Atmosphäre zurückkehren, woselbst sie dem Zuchtause gewiss nicht entgangen wären, wenn sie nicht bei einer solchen Gesellschaft Zuflucht gefunden hätten. – Amalie, um Gotteswillen tue nur in der äussersten Not diesem Hang zum Teater Genüge! – Du würdest Dir unbeschreibliche Leiden über den Hals laden. Denke nur einmal dem giftigen Neide nach, der Dich armes gefühlvolles Mädchen so geschwind ins Grab drükken würde. – Ewig nie würdest Du, eben so wenig als ich, mit deiner Aufrichtigkeit die wetterläunische Gunst der boshaften Teaternimphen erhalten; gerade so wenig, als Du mit deiner Beinkleidergeschichte den Anmerkungen einiger alten Zieraffen von Weibern entgehen wirst. So naiv, launigt und wahr Du sie skizzirtest, so wird sie doch ihrer Heuchelei, mit der sie gewohnt sind, ihre Keuschheit zu übertünchen, ein grosses Hindernis sein. Diese heimlichen Sünderinnen scheuen sich nur, öffentlich von Beinkleidern zu sprechen, und sättigen dann ihre verborgene Lüsternheit unter vier Augen. – O, man traue nur keinem weib, wenn sie Ziererei affektirt! denn dadurch verrät sie gerade Kenntnis des Lasters. – Ein schuldloses geschöpf gibt jedem Kleidungsstük den einfachen Sinn, und findet ohne Erfahrung des Gegenteils nicht leicht eine Zweideutigkeit darinne. – Glaube mir, Besste; die Frauenzimmer, welche am ersten über ein anstössiges Wort in Gesellschaft schreien, hören es am liebsten, und entdekken nichts Neues darin. Die wahre Tugend bleibt mitten in allen Versuchungen kalt, und hängt unerschütterlich fest an den Grundsäulen ihrer Reinheit. – Das Frauenzimmer, das beim übeln Beispiel zwischen Verachtung und Wohlgefallen einen Mittelweg findet, ist gewiss das vernünftigste und tugendhafteste. Ein feiner Scherz entehrt ein Frauenzimmer eben so wenig, als ganz gewiss eine grobe, kühne Zote sie in Gesellschaften beschämt. – Aftertugend herrscht so allgewaltig in diesem Punkt unter den Frauenzimmern, und nur wenige wissen sich durch feinen Wiz die achtung eines Menschenkenners zu erwerben, der heuchlerische Ziererei von der Aechteit des Karakters zu unterscheiden weiss. – Wenn die Weiber über ihr los nachdenken wollten, sie würden bis zu ihrer lezten Stunde nicht fertig. – Doch, meine Besste, für heute muss ich von Dir Abschied nehmen, weil es meine Geschäfte erfodern. – lebe indessen ruhig, zufrieden, bis deine Fanny Dir bald wieder sagen wird, wie sehr sie Dich liebt! – –
XCIV. Brief
An Fanny
Liebste, Teuerste! –
Lass mich an deinem Busen ausweinen, und hilf mir dann tragen! – Der Kummer fängt wieder aufs Neue an in mein Herz zu schleichen – und meine Schwermut rükt an ihre vorige Stelle. – O des elenden Kerls von einem mann! Er schreibt seit seiner langen Abwesenheit auch nicht eine Zeile des Dankes an meinen Oheim. Er kümmert sich mehr um seine Hunde, als um sein armes Weib. Dürftigkeit und Gram könnten mich hinraffen, ehe der Undankbare nur einen laut von Erbarmung von sich hören liesse. Das Herz dieses Ruchlosen ist verstokt; er hat mich jetzt auf ewig verlassen. Nun so lebe denn wohl, grausamer Störer meiner zeitlichen Ruhe! – Geniesse dein leichtsinniges Leben, Bösewicht, bis wir uns einst an jenem Tage wiedersehen, wo der Allgewaltige dir die Last meines Elends vorwägen wird! – Gott möge an dir die Flüche nicht ahnden, die dein Leichtsinn mir abzwingt! – Du – du Verworfener! – wusstest mich in Ketten zu lokken, die ich nun mein ganzes Leben hindurch verzweiflungsvoll nachschleppen muss! – Gebunden ist jetzt meine Freiheit an dich, Sünder! – O Freundin! – verloren sind in der Zukunft für mich alle Freuden der Liebe! – Erstikken soll ich meine Gefühle für fremde, aber bessere Herzen. Widerspenstig gegen dieses Gebot werde ich hinwelken, bis mein Blut aus Raserei stokt! – Gott im Himmel! – Sieh herab auf meine Kämpfe! – Erbarme dich meines Händeringens! – Sieh, wie ich ringe und streite, um der Menschen grausame Gesezze zu befolgen!