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sie beneiden sogar Andere um diesen anblick. – Nein, das kann ich unmöglich eingehen, liebe Frau Oberin; ich würde mich und das Trauerspiel lächerlich machen! – Für heute schlafen Sie nur ruhig, morgen ein Mehreres von ihrer ergebensten Dienerin!" – Und so verlies ich sie. – – Du sollst nächstens den Ausgang der geschichte erfahren. – Das verspricht Dir

Deine Amalie.

XCII. Brief

An Fanny

denke um aller Welt willen, liebe Fanny! – denke, das Weibergeschmeiss hatte den Mut mich beim hiesigen Bischoff wegen der Aufführung des Trauerspiels zu verklagen. Die bissigen Schlangen raunten heulend und schluchzend diesem mann manche Lüge ins Ohr, die ihren Klagen über mich sicher Gewicht gegeben hätten, wenn sie nicht zum Glückke an einen würdigen, vorurteilfreien Mann geraten wären. – Dieser brave, unparteiische Richter lies unsere Oberin nebst mir zu sich rufen, und foderte mit Sanftmut und Menschenliebe Beruhigung über eine Sache, der man den Schein des Bösen angehängt hatte. – Was mir die Kühnheit dieser Weiber im kopf wurmte! O das kann ich Dir nicht genug sagen! Demungeachter aber antwortete ich dem Bischoff mit einer satirischen Fassung, die mehr an Spott als an Bitterkeit gränzte. – Der vernünftige Vorsteher lachte am Ende selbst über die tolle Grillenfängerei, womit die Weiber ihn bestürmt hatten. – Nun durfte ich frei eine Unternehmung fortsezzen, auf der ich jetzt eigensinniger als jemals beharrte. – Die Andächtlerinnen verkrochen sich während dieser Zeit brummend in ihre Zellen. Eine lief jetzt zur andern, und es ging an ein heimliches Flüstern, dass der Himmel sich darüber hätte erbarmen mögen! – Ebenfalls von Galle gereizt, lies ich diesen Friedensstörerinnen geradezu den Eintritt in mein Schauspiel verbieten, und kümmerte mich wenig um die ihrige, die sie jetzt untereinander über mich versprüzten. – Alle meine Anstalten zum Stük waren so lärmend, so pompös, dass ich dadurch nicht wenig, ungeachtet ihres Zorns, die Neugierde dieser Bigotten reizte. – Kaum hatten die schönen Vorbereitungen ihren Anfang genommen, und die glänzende Gesellschaft von Zusehern sich versammelt, als eine nach der andern, aus Neugierde hinzuschlich, und sich unter der Menge versteckte. – Der Saal war enge angefüllt von Zusehern, welche grösstenteils die Begierde zu spotten hergetrieben hatte, weil sie hier hinlänglichen Stoff dazu zu finden glaubten. – Schöngeister, Stuzzer, Muttersöhnchen, Maulaffen, Komödianten, allerhand Zeugs hatte sich ungeachtet der guten Anstalten unter die Zuseher gedrängt. Nur die Noblesse sass voll nachsichtlicher Erwartung stille an ihrem angewiesenen Orteund machte ihrer Erziehung nicht durch voreiligen Spott Schande; wenigstens geschah es nicht laut. Schon bei den Proben hatte ich von Kennern zu vielen Beifall in einer Rolle erhalten, die zu sehr zu meiner Schwermut passte, als dass mich jetzt Bangigkeit hätte überfallen können. Auch selbst meine Schülerinnen waren zu gut geübt, um nicht weit erträglicher zu spielen, als so viele hölzerne Schauspieler, die mit ihrer stumpfen gefühllosen Seele so manches gute Publikum verstimmen. – Endlich war das Stük aufgeführt, und Vernünftige waren mit uns zufrieden, Fühlende weinten, Spötter schwiegen, und einige gegenwärtige eitle Gekken schlichen beschämt davon. – Mehrere Personen kamen zu mir hinter die Koulissen, und küssten mich wegen meiner wohlgespielten Rolle mit einer Begeisterung, die mich entzükte. – Ich fühlte aber auch ohne Eigenliebe mit meiner eigenen Teaterkenntnis, dass uns Allen, ausser gehöriger Einrichtung des Teaters, nicht viel zur guten Aufführung eines Stüks gefehlt hätte, dessen gang rasch auf einander folgte, so wie es die Leidenschaften erfoderten. Selbst die boshaften Frazzengesichter von Nonnen weinten über die richtige Vorstellung des Gefühls. – Reichlich durch den allgemeinen Beifall für die Verdrüsslichkeiten belohnt, die ich vorher auszustehen gehabt hatte, verlies ich mit innigem Vergnügen den Gartensaal. gewiss, Freundin! – Es kostet mich Mühe, diesem leidenschaftlichen Hang fürs Teater zu widerstehen. – Aber der Himmel bewahre mich ja vor seiner Befriedigung an öffentlichen Oertern! Nein ausser der dringendsten Not würde ich nie so einen Schritt wagen! – Zu viel kenne ich die jezzige schändliche Verfassung der meisten Bühnen, als dass mich nicht eine solche Aussicht abschrökken sollte! – lebe für jetzt tausendmal wohl, gute, besste, liebste Freundin!

Amalie.

XCIII. Brief

An Amalie

Teuerste, liebste Amalie! –

Ich habe mich satt über deinen Weiberkrieg gelacht! – Der Sieg, den Du aber auch davon trugst, war herrlich! – Du hast es gewagt, dem Vorurteil und seinen Anhängern zu beweisen, dass man ihnen trozzen kann, wenn man anders den Mut dazu hat. Aber nimm Dich in Acht, Amalie, Du wirst überzeugt werden, dass diese geschichte Dir unter dem Weibsvolke Feindseligkeiten zuziehen wird. Die Nonnen werden Dich durch tausend Nekkereien so lange quälen, bis Du ihr Kloster gerne freiwillig verlässest. Die Verfolgung der Bigotterie ist anhaltend hartnäkkig, und ruht nicht eher, als bis der verfolgte Gegenstand sie von selbst flieht, oder zu Boden liegt! – Wie viele brave Männer haben leider dies schicksal schon erlebt! – Der äusserste Winkel der Erde war oft keine sichere Freistätte für solche Märtirer der Wahrheit, die es wagten, den Misbräuchen und Vorurteilen die Stirne zu bieten. Kaiser Joseph und König Friedrich waren die Schuzgötter so vieler von der Andachtssucht ins Elend verwiesener Unglücklichen, die mit der Aufrichtigkeit eines ehrlichen Mannes die Heuchelei entwaffneten, womit guterzige Christen so viele Jahre durch geprellt wurden. Sei vorsichtig, meine Liebe! die Schlingen unter dem Dekmantel der Religion gelegt, sind weit gefährlicher, als Du Dir