im Unflate aufwachsen. Mancher Plage kann man, wenn man sie vorsieht, ausweichen; aber dummen, bösen Menschen, die täglich um uns sind, wie ist es möglich diesen auszuweichen? Ach Fanny! wie bitter ist doch die Jugend deiner Amalie! Mein Leben besteht aus zu manchfaltigem Verdruss, als dass in mir nicht verschiedne Wünsche entstehen sollten. Ich liebe meinen Vater, aber ich würde seine Kniee weit feuriger umfassen, wenn er sich von den Unwürdigen loszureissen suchte; aber sein gutes Herz lässt ihn nicht; geduldig stürzt er sich in sein eigenes Verderben, und ist ungehalten, wenn ihn seine Tochter deswegen ahndet. So ganz von Gram übertäubt fiel mir leztin ein, weg – weit weg von diesem haus! – Undankbare! Deinen Vater kannst du verlassen? – Gott kennt mein Herz, es ist nicht Undank; es ist eine volle Seele, die alles dieses nicht länger erträgt. Ueberdenke nur, Freundin! wie gräslich mir alle die Ausschweifungen, alle die unsinnigen Schwärmereien meiner Vettern und Basen auffallen müssen. Keine Ordnung, keine Ehre, keine Tugend lässt sich in der geringsten Handlung blikken. Meinem Vater selbst muss es heimlich über diese zügellose Kinder ekkeln. Unser Haus gleicht einem Zuchtause, in dem man alle Gattungen von Gebrechen antrift; nur bin ich unter diesen Tollen am meisten zu bedauren; denn ich muss das werden aus Gram, was die andern aus Leichtsinn sind. Wahrhaftig, meine Besste, ich fühle mich ganz am rand des Trostes. Ich ehre die Vorsicht, aber wenn der Mensch sich selbst gedankenlos stürzt, dann verdient er ja diese Vorsicht nicht. Und was tut denn mein Vater anders, als aus seinen Kindern Elend zögeln? Meinem Oheim zu K*** werde ich schreiben; der soll reden, der muss reden, sonst ist er mein Oheim nicht. Schlafe wohl! Es schlägt zwei Uhr, und noch versagt mir die natur ihren Zoll.
Amalie.
XIV. Brief
An Amalie
Liebe Freundin! Dein schicksal ist wirklich wider Dich, und besonders in Rüksicht deiner wirklichen Lage. Schon freute ich mich über deine Ruhe, schon dachte ich, es wird besser werden, denn sie sind fort von Dem, der sie zu grund richten wollte. O Freundin! wie oft täuschen wir Menschen uns doch, und freuen uns über ein Nichts! Das ist gerade der Fall, wenn ich auf Dich zurücksehe; ich möchte Dich so gerne gründlich trösten: aber finde ich wohl hinlänglichen Trost, um Dich zu beruhigen? Ich will tun was mir möglich ist. Wahr ist es, das ungeschliffene Betragen deiner Basen ist und muss für Dich auffallend sein. Denn deine Bildung und ihre Ungezogenheit sind zu starke Widersprüche, als dass Du dadurch nicht solltest gekränkt werden. Doch was ist zu tun? Aendern wirst und kannst Du sie nicht; dulde sie, so lange es dein schicksal fodert, beruhige Dich mit einem edlen Stolz, der Dich weit über sie wegsezzen muss. Es gibt Geschöpfe in der Welt, die man nicht einmal einer Verachtung würdiget, und Verachtung ist doch der letzte Grad, mit dem man einen Beleidiger strafen kann. Deine Basen verdienen Mitleid, aber ihre Eltern verdienen Verachtung, denn ihr Betragen ist eine blose Folge ihrer Erziehung. Strafbar sind jene Eltern, die ein so wichtiges Werk versäumen, wovon unser ganzes Leben abhängt; aber noch unglücklicher sind ihre Kinder, wenn sie ein Opfer der dummen Nachlässigkeit ihrer Eltern werden müssen. Dein Vater ist sehr bedaurungswürdig, und ihr armen Kinder seid es mit ihm. Siehst du, Freundin, dass zu gut nicht gut ist? Ein allzu guter Mensch ohne überlegung gleicht einem trägen Insekte, das sich aus Schlafsucht tretten lässt, ohne seinen Untergang zu fühlen. Nie muss man über Andern sich selbst vergessen. Die Menschheit selbst bürdet uns keine Pflicht auf, wenn sie auf Unkosten unsers eigenen Wohls geht. Es gibt auch blöde Menschen, die man für gut ausgiebt, und im grund sind sie es nicht. Ihre Wohltaten verschwenden sie mehr aus Schwachheit als aus überzeugter Güte. Jede Wohltat muss ihren Endzwek haben; aber bei solchen Menschen kann sie keinen haben, weil sie sie ohne Vernunft so oft unwürdig verschwenden. Das ist wirklich der Zustand deines Vaters, er macht sich und seine Kinder elend, tut Gutes aus Unbesonnenheit, und nährt das Laster, weil es über seine Schwachheit siegt. Traue auf Den, der die Quelle deines Kummers einsehen muss. Ich bin zu sehr über deinen Gram gerührt, als dass ich Dir mehr sagen könnte. Schreibe mir bald wieder, nie soll es an mir fehlen, Dir ewig zu sagen, dass ich Dich mit Tränen in den Augen heute verlasse. Lebe wohl, Amalie!
Fanny.
XV. Brief
An Fanny
Ich schrieb Dir lange nicht, Besste, und würde es jetzt noch nicht tun, wenn Du nicht ein so gutes geschöpf wärest. Es muss Dir ja über meinen Ton ekkeln; doch nur mein schicksal und deine Güte sind Anlas zu meinen Klagen. Ich könnte es nicht allein ertragen, wenn ich es auch nicht mitteilen dürfte. Oft weine ich so in einem Winkel und umfasse eine Säule oder einen Fensterstok und bilde mir ein, er nehme Anteil an meinen Leiden. Könnten wir uns nicht mitteilen, wir wären weit unglücklicher; das ist so etwas, worinn wir fühlen, wie gut unser Schöpfer ist. Stelle Dir nur vor, liebe Freundin, ein neuer Mischmasch von Unordnungen nimmt jeden Tag in unserm haus