leichtsinniger Schurke bedenkt, dass oft die Seligkeit eines beschimpften Mädchens auf dem Scheideweg steht zur ewigen Verdammnis! – Befriedigt sind nun seine Triebe im Schoose einer vertraulichen Unschuld, die, durch Schwüre erweicht, das hingab was an ihr heilig sein sollte, um dann durch seinen gebrochnen Eid reif zu werden, als Kindermörderin, zum Schaffot! – Schröklich wird Gott einst so einen Bösewicht richten, der mit Tiegergrausamkeit zwei Geschöpfe auf einmal mordete! – Wie er dann da stehen wird, der meineidige Ehrendieb eines guterzigen Geschöpfs, die von Kunstgriffen besiegt, ihm eine lange Ewigkeit durch flucht! – Gott! – Gott! – wie mich dieser Gedanke hinreisst zum heftigsten Eifer! – Ich muss abbrechen, Fanny! – Mein Herz fühlt zu viel, bei einer Sache, die man in der Welt so häufig antrift. – Gute Nacht für diesmal! – gute Nacht! –
Amalie.
XC. Brief
An Amalie
Herzens-Weibchen! –
Du hast in deinem Brief mit Wahrheit und Nachdruk über den beiderseitigen Betrug in der Liebe gesprochen, und ich stimme Dir von grund des Herzens darin bei. Nur zuerst noch ein Wörtchen von der weiblichen Eitelkeit: – Ja, meine Freundin, diese abscheulichste aller Torheiten beherrscht das weibliche Geschlecht bis zur Sträflichkeit. – Auch das dümmste Weib ist selten zum Puz zu dumm. Es scheint, als ob die Eitelkeit im Mutterleibe schon auf die Töchter fortgepflanzt würde. Diese sträfliche Neigung hält unser Geschlecht vom Denken ab, und macht aus Menschen bloss Affen, die sich nach der Modegrille drehen. So viele Weiber taumeln träumend, mit ihrer Eitelkeit beschäftigt, die Tage ihres Lebens durch, und erinnern sich erst auf dem ungepuzten Sterbebette, dass sie Diebinnen der kostbaren Zeit waren. – Der Fehler rührt von der Mutter her, weil sie durch eigenes Beispiel ihrer Tochter leichtsinnig den Weg des zeitlichen und ewigen Verderbens zeigt. Ein elender Wunsch zu gefallen, macht die alte Matrone eben so erfinderisch im Puzze, als das junge schlecht erzogene Mädchen, die unter der Leitung ihrer koketten Mutter ihre grössten Pflichten über der Mode versäumt. – Die erfinderischen eiteln Frauenzimmer haben die Reinlichkeit in kostbaren Staat verwandelt, der Ehemänner zu grund richtet, und Jungfrauen zu Buhldirnen macht. Dieser abscheuliche Hang öffnet das Herz eines Weibes dem Neid und der Misgunst. – Ehrabschneiderei hat unter den Frauenzimmern am meisten ihren Aufentalt, weil ihre eiteln Herzen so leicht über den schönern Puz ihrer Gespielinnen bluten. Kurz, Eitelkeit ist für ein schwaches weibliches Herz der erste Wegweiser zu allen Ausschweifungen. Kein Laster hält schwerer unter den Weibern auszurotten, als gerade Eitelkeit. – Eben durch diese wird oft im ehrlichsten weib eine heimliche Eroberungssucht genährt, die über kurz oder lang ihren Mann gewiss beschimpft. – Nur die liebende Gattin unterhält mit Geschmak und mässigem Aufwande ihre reinlichen Kleider, und gefällt ihrem liebenden mann weit besser, als die übertünchte Kokette ihrem buhlenden Stuzzer, dessen flatternder Neigung sogar am schönsten Puzze ekkelt. – Würden die Weiber über ihre Bestimmung mehr nachdenken lernen, so bliebe ihnen zur verschwenderischen Eitelkeit keine Zeit übrig, die sie dann mit Buhlen oder Schminken tödten müssen. Sie tragen ja bloss ihre verhunzte Larve zu Markte, und kümmern sich nicht, um den leichtgläubigen Käufer, wenn er nur ihre Eitelkeit, ihren Eigennuz befriedigt. – Die Männer haschen mit ihren feurigern Trieben bloss nach dem, was sich ihnen so leicht darbietet, und vergessen im Taumel ihrer Befriedigung, dass sie eine öffentlich feile Waare vor sich haben. Eine Menge solcher feiler, eitler Weiber sind nicht im stand, eine Männerseele zu reizen, und mitten im Genuss schon verlieren sie des Mannes achtung. – Dann eilt dieses Männervolk auf den Flügeln der Wollust und Galanterie von Körper zu Körper, und vermisst bei so vielen Weibern das, wodurch er zur ernstaften moralischen Liebe gefesselt werden könnte. gewiss, Freundin! – Viel ist es auch die Schuld der Weiber, dass die Mannsleute überall hin flattern und so oft der blossen Schale nachjagen. Die üble Gewohnheit, nur Bedürnisse zu befriedigen, reisst unter jungen Leuten so sehr ein, dass sie darüber Menschenliebe, Ehre, gutes Herz und Rechtschaffenheit aus der Acht lassen. Wenn ihre rohen Triebe gesättigt sind, dann kümmern sie sich wenig um das Geschehene, und wenn es auch die grässlichsten Folgen nach sich zöge! Der vorbeieilende Taumel des Temperaments verhärtet das Herz eines Jünglings gegen das Weheklagen eines Gegenstandes, der seinem Körper bloss augenblikliche Dienste leistete. Kopf und Seele wird bei einer solchen Handlung zu wenig in dem flatternden Jüngling interessirt, als dass eine solche Gehülfin durch ihren Dienst auf einige Schonung und Rüksicht hoffen könnte. Die bloss tierische Befriedigung ist der äussersten Harterzigkeit fähig. Jünglinge, die ihre Leidenschaften nicht durchs Denken verfeinern, verkennen am rand des Grabes noch ihr eigenes Blut; und nur zu oft fliessen die Tränen einer verführten Unschuld für ihren angewöhnten Leichtsinn ohne sie zu rühren; leicht vergessen ist von den Grausamen ein Mädchen, die sich ihren Lüsten anvertraute. – Treulosigkeit in der Liebe ist ein so gemeines Laster, dass man es unter den Menschen schon ohne Ahndung duldet. Der Fehler dieser Unbeständigkeit liegt auch sehr viel im weiblichen Geschlechte, weil es die Männer aus Mangel am Denken zu nichts Besserm gewöhnt. – Leichtsinn in der Liebe ist so üblich unter den Mannsleuten geworden, dass ein rechtschaffenes Frauenzimmer bei einem Liebesantrag eher zwanzig Jünglingen ins Gesicht schlagen sollte, ehe sie es wagte, Einem zu glauben. – Die guterzigsten Mädchen werden gerade am meisten betrogen,