Wahrheit nicht böse sein können, die nur die Schuldigen trift. – Keine Würdige wird sich so leicht in meine Schilderung eindringen, dahingegen eine Getroffene sich vielleicht von selbst aus beleidigter Eitelkeit verrät. Aufrichtigkeit war von jeher mein erster Grundsaz, und ich kann unmöglich durch dieselbe meine Mitschwestern beleidigen, wenn bei ihnen die Verstellung nicht schon ganz die Aufrichtigkeit verdrängt hat. – Zu dem kümmere ich mich auch um unser Geschlecht zu wenig, als dass sein Zorn mich kränken könnte. Weiberzorn ist ja oft so ungegründet, und gränzt so sehr an tausendfache Dummheit! – Der Neid meines Geschlechts war von meiner ersten Jugend an mein Gegner, und meine Gespielinnen verfolgten mich oft aus Gewohnheit, aus Langerweile, aus Hang zur Verläumdung, aus Misgunst, nie aber aus überzeugung eines an mir entdekten Lasters. Ich liebte sie als Menschenfreundin alle, wie sie mir aufstiessen, aber schäzzen konnte ich, wegen ihren abgeschmakten Bosheiten, nur wenige. – Wirklich, meine Amalie, ausser Dir wird wohl mein Herz ewig der Freundschaft und achtung für dieses Geschlecht verschlossen bleiben. – Aber, nicht wahr, meine Teuerste, heute verweile ich zu lange bei einem Punkte, der fast den ganzen Raum dieses briefes anfüllt? – Nun will ich aber auch geschwind wieder zu dem Aufentalt deines Klosters zurückeilen: Ich zittere für deine Gemütsruhe, meine Liebe; ich entdekte in deinem Briefe zu viel Schwermut, um diese einsamen Mauern nicht als deine heimlichen Mörder zu betrachten, die Dich durch ihre betrügerischen Reize zur tödtlichen Melankolie hinreissen werden! – Es liegt eine gefährliche Anlage zur Verrükkung der Sinnen in Dir; Du nährst mit Wollust einen Hang, den das Unglück schon so tief in deiner Seele Wurzel fassen lies, um ihn wieder so leicht ausrotten zu können. Hüte Dich, Amalie, vor zu langwieriger Einsamkeit, sie würde in kurzer Zeit dein Blut vollends verdikken. – Und dann, wenn ich noch die Bedürfnisse deiner Empfindsamkeit bedenke, o, so möchte ich laut aufrufen: O gütiger Allvater im Himmel! schenke meiner Amalie bald wieder einen andern, bessern Gatten, in dessen Armen sie für Leib und Seele Nahrung findet! – Lebe wohl, liebenswürdiges Weibchen, und vergiss nicht deine traute
Fanny.
LXXXVI. Brief
An Fanny
Seit vierzehn Tagen bin ich hier, bei den sogenannten englischen fräulein. – Das Kloster ist ein sehr altes Gebäude, hat aber einen sehr hübschen Garten. – Die Damen dieses Stifts sind meistens adeliche, die aus Familienverdrüsslichkeiten, aus Hang zur Einsamkeit, oder sonst aus geheimen Ursachen diesen Aufentalt wählten. Auch nach dem Gelübde haben sie immer noch die Freiheit zu heiraten. Ihr Orden scheint bloss eine Geburt des weiblichen Eigensinns zu sein, um unter Müssiggang und verschiedenen Zänkereien ihren Launen abzuwarten. Die ältern fräulein hängen sich an Bigotterie und ihre hässlichen Folgen; die jüngern ergeben sich den schönen Wissenschaften und der Liebe. Doch muss ich es gestehen, es gibt unter diesen Damen, troz den vielen männlichen Besuchen, selten auffallende Szenen, die ans Aergerliche gränzten. Sie misbrauchen ihre Freiheit nicht, sondern folgen willig der weisen Leitung einer vernünftigen Oberin, wenn sie das Glück haben, eine solche Führerin zu besizzen. – Die Beschäftigung einiger Damen ist Erziehung der Jugend, und die schulen, worin mehrerlei Sprachen gelehrt werden. Aber auch da hat das Vorurteil in der Erziehungsart seine Stelle eingenommen; freilich nicht so stark, wie in andern Nonnenklöstern; aber dennoch werden die Kinder steif und abgeschmakt erzogen. – Ein mechanisches Einerlei ist die Beschäftigung ihrer Kostgängerinnen von frühe bis Abends. – Die arbeiten dieses Häufchens von jungen Mädchen teilen sich unter Nähen, Strikken, Beten, Essen, Schlafen, Schwazzen und die Erlernung eines unregelmässigen Dialekts der französischen Sprache. – Die Schulaufseherinnen geben sich zu wenig Mühe, die aufkeimenden Gefühle der Liebe in ihren schon etwas erwachsenen Kostgängerinnen zu studieren. Das achtzehnjährige Mädchen wird eben so strenge als das achtjährige bewacht, und muss seine Gefühle heuchlerisch unterdrükken. Männer statten bei ihren Lehrmeisterinnen Besuche ab, und reizen dadurch die Einbildungskraft eines empfindsamen Mädchens, die bei ihrer harten Einschränkung sich das nemliche Vergnügen wünscht. Und dann die Verschiedenheit der Herkunft dieser Mädchen, die alle beisammen wohnen und schlafen müssen, ist die gefährlichste Lage für ein gutartiges Gemüt, das, vom übeln Beispiele hingerissen, alle Unsittlichkeiten einsaugt, die durch Kinder aus dem Pöbel getrieben werden. Die jüngern werden von den ältern in allerhand Untugenden unterrichtet, und lernen oft vor der Zeit die Triebe der natur kennen. Schwazhaftigkeit, Neid, Boshaftigkeit und andere üble Gewohnheiten, keimen unter ihnen im Stillen, durch böses Beispiel erzeugt, hinter dem Rükken ihrer Lehrmeisterinnen auf, die ihre kurzsichtigen Augen nicht überall haben können, um so viele Kostgängerinnen in ihren einzelnen Leidenschaften zu beobachten. Die Tochter eines Edelmanns wird oft von der Tugend eines Bürgermädchens beschämt, und dann im Gegenteil wieder die Tochter eines Edelmanns durch das rohe Laster eines Bürgermädchens verdorben, ohne dass es ihre Lehrmeisterin einmal gewahr wird. Keine von diesen Mädchen erhält ihrem Stand angemessene Bildung. – Mich dünkt, der blose Eigennuz ist der Endzwek dieser Erziehungsanstalt; denn mehrmalen wird eine reiche unartige Bürgerstochter im Schoosse ihrer bestochenen Lehrmeisterin verzärtelt, da indessen die ärmere adeliche unter der rohen Behandlung des grossen Haufens mitlaufen muss. Man untersagt zwar den Kindern die Lesung guter Bücher nicht, aber man lehrt sie über kein Buch urteilen; öffentliche Vorlesungen, durch welche die Kinder so viele Vorteile auf einmal erhalten, sind gar keine hier gebräuchlich. Man sucht den Kindern bloss