1788_Ehrmann_009_71.txt

Boden warf! – Wie eine unschuldige zum Gericht verurteilte arme Sünderin hob ich das Buch mit gänzlicher Ergebung wieder vom Boden auf! Ich fühlte den Angstschweiss auf meinem gesicht; doch, ohne den geringsten laut von mir zu geben, erwartete ich jeden augenblick den lezten willkommenen Druk von einem Rasenden, der seine Vernunft verloren hatte! – Auch hatte das Leben für mich wirklich zu wenig Reize mehr, um wegen dieser elenden Last nach hülfe zu rufen. Ich schämte mich seiner Ausschweifungen zu sehr, um ihre schändlichen Folgen fremden Leuten zu offenbaren. Ehrengefühl übertäubte jetzt in mir die Furcht des Todes, und so sehr sich auch mein junges Blut gegen diese vielleicht plözliche Zernichtung sträubte, so war doch meine Seele stolz genug, mit Männerstärke den Ausgang dieser Mörderszene ohne das geringste Winseln abzuwarten! – Kaum hatte ich dem Schöpfer einen reuigen Seufzer über meine Sünden zugeschikt, so ergriff mich das Ungeheuer beim Halse, und war zum Morden bereit!!! – Jesus sei mir gnädig! – rief ich ihm halb röchelnd zu! – Dieser halb erstikte Schrei brachte ihn wieder zur Vernunft, und er lies ab von einer Handlung, die ihn in Henkershände würde geliefert haben, wenn er sie vollendet hätte! – Die Todesangst mit all ihren Bangigkeiten trieb mich arme jetzt von einem Zimmer ins andere! – Ueberall suchte ich Erbarmen und Rettung! – Bis ich endlich auf einmal dem Ausgang der tür zutaumelte, forteilte zu meinem Oheim, und mehr tot als lebendig zu seinen Füssen hinstürzte! – Ich lag bis den andern Morgen betäubt im Blute, das durch die heftige Wallung durch Mund und Nase sich drängte! – Die geschwinde Oeffnung einer Ader kühlte aber auch bald wieder die fieberischen Zukkungen ab, welche diese Angst mir zugezogen hatte. Doch kaum konnte ich meinen Mund vor Schwachheit wieder öffnen, so war mein erstes Wort: Verzeihung dem Unsinnigen, der bloss aus kranken Sinnen nach meinem Blute dürstete! – Noch stand mein Oheim versteinert an meinem Bette, als diese Erinnerung ihn schnell aufwärmte zur feurigsten Rache!!! –

"O des marmorherzigen Mörders! – schrie er jetztHa! – Bei meiner Priesterwürde seis geschworen, ich will ihm durch meinen Fürsten Schranken sezzen lassen, diesem grässlichen Untier! – Ich will hineilen zu den Füssen meines Fürsten; meine grauen Haare sollen meiner Forderung das Gewicht der Wahrheit geben! – Ich will ihm diese brennenden Tränen eines Greises auf sein Herz weinen; er wird mich hören, er wird ihn aufsuchen lassen, den Böswicht, der meine alten Tage mit der unmenschlichsten Grausamkeit vergiftet! – Lass mich, mein Kind! – lass mich! – Bald sollst du von deinem Vertilger befreit werden! –"

Schon wollte der gefühlvolle Mann aus meinen kraftlosen Händen sich loswinden, als ich meine lezten Kräfte sammelte, und mich ihm fest an den Hals warf! – Mein heulendes, dumpfes Schluchzen tönte unserm nahen Freunde grässlich in die Ohren! – Ganz unvermuter kam jetzt Baron von Sch.... ängstlich ins Zimmer geeilt, und fand uns beide in dieser erschütternden Stellung! – Aber doch war dieser würdige Mann stark genug, meine fest angeklammerten hände von dem Halse meines Oheims zu lösen. Er wandte alle Künste der Beredsamkeit an, ihn zu besänftigen.

"Nein, mein Freund, – sagte erSie müssen sich nicht durch ihn beschimpfen, wenn Sie seine Schande dem Richter aufdekken. Trennen Sie Amalien auf ewig von ihm, und überlassen Sie den Verworfenen seinem eigenen Verhängnis! –"

Nun, liebste, teuerste Fanny, hast Du hier eine Nachricht, die Dir gewiss willkommen sein wird. Gott gebe mir Kraft zur Ausführung, und Dir gebe er glücklichere, zufriedenere Stunden, als deine Amalie erlebt! – –

LXXXIII. Brief

Fanny an Amalie

Meine Besste!

Wollte der Himmel, dass alle Martern deiner sinkenden Kräfte deinem abscheulichen mann auf die Seele fielen, damit er büssen möchte für deine Gesundheit, die er Dir so mörderisch raubte! – Gott! verzeihe mir es! – Noch nie hat mein Herz Böses gewünscht. Aber wäre es denn auch möglich, den Wert und die Leiden einer Amalie zu kennen, und nicht Dem zu fluchen, der so einen Engel mishandelt? – O meine guterzigste Dulderin! – Wenn Du mich je liebtest, so raffe Dich auf von den Gefahren des Todes, die so drohend deiner warten! – Um Gotteswillen pflege mit aller Vorsicht deiner Gesundheit! – Bei meiner Liebe, bei den heiligsten Banden der Freundschaft beschwöre ich Dich, muntere Dich auf, verscheuche durch Zerstreuung den Kummer, der dein armes Herz benagt! Der Gedanke, Dich vielleicht zu verlieren, ist für mich eine folternde Angst, und reisst mich zur tiefsten Wehmut hin! – So selten findet man auf Erden ein Herz wie das deinige, und wer würde mir denn die Wonne der süssesten Vereinigung wiedergeben, wenn Du für mich hinwelktest in den Staub der Verwesung? – Ha! – deine fürchterliche Schwermut hat mich durch und durch erschüttert! – Was doch dein schicksal ein unglaubliches Labyrint ist! nur wenige Menschen würden seine andauernde Härte begreifen. – Ich selbst mit all meiner überzeugung stand schon oft staunend dabei stille, und schlug die hände über mir zusammen, wenn mir die Erfahrung für die Wirklichkeit bürgte. Die meisten Menschen würden deine geschichte für das Hirngespinste irgend eines melankolischen Dichters halten, wenn sie ihnen unter die Augen käme, denn man ist zu sehr gewöhnt, in Romanen Lügen zu finden. Auch