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, und sah meine Flüchtlinge den Zoll ohne Anstand passiren. Das Glück war auch meiner Verkleidung günstig, und bei meiner glücklichen Nachhausekunft dankte ich feurig dem Vater im Himmel für diesen Mut bei Drangsalen von so besonderer Art! – Mein Mann schien sich der überstandenen Gefahr zu freuen; aber doch wurmten ihm noch die schönen hinterlassenen Rekruten im kopf. Statt des Dankes erhielt ich von ihm ein unzufriedenes Gebrumm über übereilte Zagheit eines furchtsamen Weibes und so weiter. Mein Oheim hingegen drückte und küsste mich für diese Handlung. – Du, meine Fanny, sollst mich aber bei leib nicht darüber loben. – Hörst Du, Liebe? Besser, gar keine Antwort auf diesen Brief! Denn Du weist ja, Lob verderbt nur zu gerne das ohnehin so sehr zur Eitelkeit gestimmte Herz eines Weibes. – So denkt Dein

Dein Malchen.

LXXXII. Brief

Amalie an Fanny

Innigstgeliebte Freundin! –

Fünf volle Wochen schrieb ich Dir keine Zeile! – gewiss, meine Teuerste, ich wollte Dir durch die Nachricht von meiner sehr wankenden Gesundheit keinen Kummer verursachen. Ein schleichendes Fieber hat mich seiter keinen Tag verlassen. Die ärzte bezweifeln mein Aufkommen, und behaupten, es wäre verschlossner Gram, der im inneren wütete. – Mein Zustand gleicht jetzt einem im Stillen lodernden Feuer, das heimlich um sich frisst. Bei mir sind die Leiden nun so hochgespannt, dass ich weder weinen noch klagen kann. Eine sprachlose Kälte für alles was in der natur ist, hat meine Seele eingenommen, und beherrscht mich von frühe bis Abends. Diese stumme Fühllosigkeitsagen die ärzteseie meiner Gesundheit weit nachteiliger als das in laute Klagen ausbrechende Gefühl, das sonst bei geringern Leiden, als die jezzigen sind, bei mir gewöhnlich war. Mich dünkt, eine heimlich nagende Verzweiflung hat sich in meiner Seele eingeschlichen, und der letzte empfindliche Streich, den mir mein Mann ohnlängst versezte, wird vielleicht auch der letzte Stoss sein, den er meinem Leben gab! – Ich fühle so etwas Drohendes in diesem kranken Körper, das mir jetzt sehr willkommen sein würde, wenn es lindernde Ankündigung meiner nahen Auflösung wäre! – Aber ach, eine so schnelle und glückliche Erlösung gönnt mir die natur nicht! – Sie hat sich an mir vergriffen, da sie meinem Körper dauerhafte Anlage schenkte, diese unbarmherzige Erhalterin meines Lebens! – Sie hat mich zur anhaltenden Verzweiflung geschaffen, und ahndete wohl nicht, dass gränzenloses Elend meine armseligen Tage verbittern würde! – Doch wozu diese Klagen für ein Herz, das nicht einmal mehr die süsse Wonne der Mitteilung fühlt? – Sonst war es mir Linderung, Dir Tränen vorzuweinen, die mir das Unglück abnötigte. Aber nun ist sie vertroknet die Quelle dieser Erleichterung; aller Trost ist unvermerkt aus meiner Seele gewichen, und dumpfe Raserei an seine Stelle getretten! – Ich will Dir jetzt mit dem eiskalten, verstokten Gefühl einer Trostlosen die barbarische Grausamkeit erzählen, die ich wieder aufs Neue von meinem mann duldete! – Eines Abends hatte das Spiel denselben wie gewöhnlich, gehasst. Schon rükten die schwermütigen Dämmerungsstunden heran, und noch harrte ich seiner, von bangen Ahndungen gemartert, am Fenster. Tausendmal blikte ich mit hochangeschwollenem Herzen den schönbeleuchteten Himmel an, als ob ich seine Gestirne um Mitleid anflehen wollte! – Die schauerliche Stille der Nacht harmonierte so ganz mit dem Kummer, der schwer auf meinem Herzen lag! – Eine wollüstige Schwermut riss mich zu Träumen hin, die man gedankenlos geniesst, wenn der leidenschaftliche Gram in dem Herzen eines Melankolischen ein Kaos von unnennbaren Ideen erzeugt. Nur bisweilen wekte mich die schauervolle Erinnerung meines abwesenden Mannes aus diesem fürchterlichen Schlafe! – Ich sah ihn jetzt am Spieltische fremde Gelder in leidenschaftlicher Hizze darwerfen, zur Befriedigung des schändlichen Eigennuzzes seiner lokkern Mitgesellen! – Meine Tränen rollten auf seine sträflichen hände, und flehten um Mitleid, um Erbarmung! – Erschrokken blikte der Leichtsinnige um sich, und sah sein vom Kummer blasses Weib vor seinen Augen stehen! – Das Gefühl schien einige Minuten seine Rechte behaupten zu wollen, aber rasch, von dem übermannenden Laster hingerissen, vergass er im nemlichen augenblicke wieder seine leidende Gattin, die zitternd am Spieltische ihr schicksal erwartete! – So, meine Freundin, schwärmte meine herumirrende Phantasie fort, bis das Knarren meiner tür mich darin störte, und der Bediente Licht brachte. Es war schon neun Uhr vorbei, und noch schwelgte mein Mann in den Armen des Lasters, da indessen meine Tränen stromweise flossen! – Ich hatte nicht den Mut mich um ihn zu erkundigen, denn wie leicht würde sein vom Spiel gereizter Zorn mir Tod und Verderben gedroht haben! – So oft nun die Glokke eine neue Stunde anzeigte, eben so oft fuhr mir ein schmerzhafter Stich der grausamsten Ungewisheit durch die Seele! In dem Drang meiner unbeschreiblichen Marter eilte ich zu meinen Büchern, und wählte Cäciliens Leiden zur Zerstreuung. – Der Jammer dieser Dulderin milderte auf einige Minuten den meinigen. – Ich sah dieses guterzige Mädchen als eine Gehülfin meiner Leiden an, die durch gleiches Schliksal an mich gekettet, meine Drangsalen mit mir teilte! Ganz in diese für mich so passende Lektüre vertieft, durchblätterte ich mehrere Stellen dieses so herrlich schönen buches, das so ganz meinem Kummer Nahrung gab! – Auf einmal öffnete sich die tür des Zimmers, und mein Mann erschien in der Furiengestalt eines Wütrichs! – Kaum vermochte ich mich aufrecht zu halten! – Noch staunte ich ihn zitternd an, als er rasch mit verbissner Wut das aufgeschlagene Buch vom Tische auf den