erst grossmuttermässig aussieht, zu verbieten, das schmerzt. Vorhin ging ich nie so oft zum Spiegel, aber seit mein Vater mir es so macht, bespiegle ich meine altfränkische Haube so oft, und sinne auf Alles, um ihn zu bewegen, dass er mich einen andern Puz tragen lässt. Mein Oheim weis auch schon, dass eine ziemliche Porzion Eitelkeit in mir stekt; aber er zankt nicht in seinen Briefen, er lärmt nicht, vielmehr sucht er sie auf Nachahmung und Ehrgeiz festzusezzen; und wenn ich mein Herz recht untersuche, so ist es mehr auf das Ernstafte, Nüzliche, als auf das Lächerliche angewandt. Es wird sich zeigen. – Wenn Du, meine Liebe, wissen könntest, was für eine Menge avantürische Hofnungen mir durch den Kopf kreuzen, Du würdest lachen. Sollten das wohl Ahndungen von einer besonderen Zukunft sein? Das wollen wir uns von heute in acht Jahren sagen können. Noch Eins! Ich bin eben so faul nicht, wie Du Dir vorstellest; meine Tagesordnung scheint mir doch so ziemlich wohl eingerichtet und vollständig. Aufstehen und ankleiden, in die Kirche gehen, und nach diesem hurtig im haus herumhüpfen und anordnen, so wird es Abend, ehe ich mir es versehe. Dann heisst es meinem Vater vorlesen, eins mit ihm in Karten spielen, hernach auf mein Zimmer, noch eins lesen, und ins Bett. Du kennst ja den jungen B***, den mein Vater vor zwei Jahren nach Mainz schikte? Er bildet sich treflich und schreibt wakkere Briefe. Und wenn er ja gleichwohl ein Kind von jenem vielgeliebten Bruder meines Vaters ist, so zeichnet er sich doch aus. Mein Vater liebt ihn unaussprechlich, ich bin ihm auch recht gut; und da meine Brüder tot sind, so wünsch ich einen Ersaz in ihm. Wie lebst denn Du? Steht es gut um deine Gesundheit? – Bist du noch immer so flegmatisch? Wie glücklich bist Du nicht mit deinem ruhigen Temperament! Ich liebe Dich gewiss feurig, glaube es deiner
Amalie.
XII. Brief
An Fanny
Gutes Mädchen! So hat doch nichts eine Dauer. Schon wiederum Auftritte, die mein Vater mit mir durchlebte, und nun laufen Nachrichten ein, die uns schon wieder drohen. Mir scheint es natürlich was man sagt. Stelle Dir nur einen Mann vor, wie sein Bruder ist, der durch üble Kinderzucht alles in Abgrund liefert; einen Mann, der auf der Haut meines Vaters ruhig forttrommelte, und nun fehlt ihm Lezteres; er ist bloss sich selbst und der Verschwendung seiner Kinder überlassen. Der Aufwand ist gros, die Stüzze ist weg; also wohin? wo aus? Das mag die Vorsicht wissen, ich nicht. Himmel! wenn dieser Bruder uns samt seinem Anhang wieder – Nein, ich mag es nicht ausdenken! Wie! eine solche Last sollte uns wieder aufs neue drükken? Klein ist jetzt unser Aufwand, aber doch hinlänglich. Ja, weis Gott! wenn er grösser würde, so wäre bitteres Elend unser Ziel! O Freundin! wir sollten darben? Kennst Du was Grausamers? Es schrekt mich der blose anblick, wenn ich Andere in solch einer bedaurungswürdigen Lage sehe; wie schwer würde mich erst die Erfahrung selbst drükken! Der Philosoph schränkt seine Wünsche ein, aber was natur und Gesellschaft fodert, an das wird er sich doch nicht wagen. Seitdem wir Menschen so viele Bedürfnisse haben, seitdem sind wir auch unglücklicher. Es ist ja Alles so unregelmässig ausgeteilt, der Schurke ist reich und der Rechtschaffene arm, und doch reich, aber nur in seinem Herzen. Der Mensch muss dem Interesse nachjagen, weil er dazu gezwungen wird. Meinetwegen möchte man Alles versuchen, um ehrlicher Weise Geld zu gewinnen, wenn nur die Menschen es wieder für andere Menschen verwendeten; aber wer hat mehr Geld als viele Menschen? und wer ist harterziger als eben diese? Höre doch noch was! Mein Vetter in Mainz schreibt mir vieles artiges Zeugs. Der Lose, wie er meiner Eitelkeit küzzelt! er nennt mich ein erhabnes Mädchen; er schwört mir Liebe, Freundschaft und Treue zu. Was meinst Du wohl? Sind denn die Männer so guterzig wie wir? Dies Geschlecht ist noch für mich ein Rätsel. Möchte es immer eins bleiben! aber ich zweifle. Mein Gefühl wächst, und ich wünsche mir bald ein solches Untier. Mein Herz, mein Entusiasmus, Alles in mir ist zum Lieben geschaffen. Oft, wenn ich einsam bin, fühle ich mich so leer, so öde, überdies so wünschvoll, und Tränen sind gemeiniglich das Ende meiner Schwärmerei. Wie nötig hätte ich jetzt den Rat meiner Mutter! Aber ach! Freundin! – Du musst sie sein; nicht wahr, Du willst?
Amalie.
XIII. Brief
An Fanny
Dass doch meine Ahndungen fast immer eintreffen müssen! Begreife, wenn Du kannst, liebes Mädchen, meinen wirklichen Zustand. Vor wenigen Wochen kam der Bruder meines Vaters mit acht Kindern hier an; mein Vater vergass bei diesem Anblikke, Folgen und Zukunft, nahm sie auf, und nun ist unser schicksal gänzlich in des himmels Händen. Ja, Freundin! wäre auch diese Last unsern ökonomischen Umständen angemessen, so würde doch eine solche pöbelhafte Gesellschaft für mich Zuchtausstrafe sein. Fünf Mädchen und drei Buben, lauter grobe, boshafte Kinder, die kurzweg Kontraste von meiner Erziehung sind. Kreaturen, die zur Plage andrer guten Menschen in der Gesellschaft herumirren. Geschöpfe, die ohne Grundsäzze erzogen wurden, und