ist es zu tausend Verwirrungen fähig. – Wenn das Herz eines Gatten an kleinen Gefühlen, die zur häuslichen Glückseligkeit gehören, keine Freude mehr hat, so ist in einer solchen Ehe der Friede auf ewig verloren! – Rechnen wir einmal die grossen Laster deines Mannes hinweg, und bleiben wir bloss bei den Kleinigkeiten stehen, die ein sorgender Mann seiner Gattin schuldig ist: – Aber weh uns, meine Freundin! – Ich finde nicht einen Zug in ihm, der von Menschlichkeit zeugte! – Ist er nicht mürrisch, gebieterisch, starrsinnig, unordentlich in seinem ganzen Wesen? – Musst Du ihn nicht wie einen achtjährigen Knaben pflegen? – Bist Du nicht seine Magd, die aus Guterzigkeit seine Erziehungsfehler mit Engelsgeduld erträgt? – Genug davon, Amalie, ich weis tausend Dinge, die Du mir nicht einmal schriebst, und die Dich in meinen Augen zur unbegreiflichsten Märtirerin machen! – Uebrigens, meine Freundin, was kümmert Dich das Gezisch deiner Feinde, bei einer Trennung, die jeder Vernünftige nach genauer Untersuchung billigen muss? – Die Welt und deine Feinde, geben Dir ja deine Gesundheit nicht wieder, wenn Du vor Gram da liegst, am rand deines jungen Lebens! – Dass Du Dich nun, meine Liebe, in deinem Unglück keinen geistlichen Richtern anvertrauen willst, billige ich recht sehr. Sie würden Dir unstreitig dein Elend noch schwerer machen, wenn Du bei Menschen hülfe suchen wolltest, die Dir sie am Ende des Prozesses doch nur zur Hälfte reichten. Du hast selbst Vernunft und edles Herz genug, um in dieser Sache dein eigner Richter zu sein. Wozu brauchst Du erlaubnis zu einer Trennung, die die natürlichste Folge einer so unglücklichen Ehe ist? – Lass sie auftretten, die strengen Richter, und deine Standhaftigkeit bei solchen ausgestandenen Leiden mit der ihrigen abwägen, und ich will verloren sein, wenn einer davon Dir den Sieg streitig machen würde? – Was nun, traute Amalie, die Art bei euch Katoliken Ehen zu scheiden betrift, kraft welcher man Unzufriedene von Tisch und Bett trennt, so gefällt mir dieselbe durchaus nicht. – Die gegenseitigen oft vorkommenden skandalösen Klagen, sind für denkende Zuhörer solcher Prozessführungen ekkelhaft, und die Kosten solcher Prozesse zu gross, um eine blose Trennung von Tisch und Bette dadurch zu erhalten. – Diese Art Trennung macht, im grund genommen, Eheleute noch weit unglücklicher. Sie entgehen freilich dadurch vielen Zänkereien, aber nur zu oft werden feurige an Ehestand gewöhnte Temperamente noch weit unzufriedener. – An solche harte Fesseln gebunden zu sein, die natur für alle Triebe wegen diesen Fesseln erstikken zu müssen, fühllos gegen alles zu werden, was uns aus Liebe das Leben versüsst, mag so ein Zustand nicht eine schleichende Verzweiflung hervorbringen? – Doch, Liebe, jetzt kein Wort weiter mehr über einen Zustand, der mich für Dich, arme, gedrängte, gefühlvolle Seele, so manche Tränen kosten wird! – Sei stark, meine Besste, bring darin der Tugend ein Opfer, das mehr wert ist, als tausend heuchlerische Ordensgelübde einer Gattung Menschen, die sich so leicht der Entaltsamkeit wiedmen können, weil ihre Gefühle abgestorben sind. – Doch bei dieser gelegenheit etwas mehr über die Geistlichen von deiner Religion, wozu mir dein Anmerkung Anlass gibt: Erst seit einigen hundert Jahren trauern diese Armen unter der Last des Zölibats. Vorzeiten war es ihnen erlaubt an dem sanften Busen einer Gattin hinzuschmelzen und im Gefühl der Liebe ihren Schöpfer zu preisen, der natur zu danken, und ihr Herz wärmer zu stimmen für Religion und Rechtschaffenheit, die sie jetzt ehelos und kalt treiben müssen. – Es ist eine wahre Freude, wenn man den zärtlichen, den warmen, gefühlvollen protestantischen Geistlichen betrachtet; wie er sein von Gattenliebe angefülltes Herz jedem seiner Nebenmenschen öffnet, wie er weich ist für Religion und Pflicht, wie er als Vater seiner Kinder, als guter Bürger seine Tage in den Armen seines liebevollen Weibes dahineilen sieht. – Da indessen der katolische Geistliche sein Gefühl tirannisirt, von Langerweile gemartert wird, die Religion kalt und unzufrieden ausübt, oder gar aus Menschenschwäche auf ärgerliche Irrwege gerät. – Gott! – Gott! – Warum duldest Du im Menschen so viele Erfindungskraft, sich unter einander selbst zu grund zu richten? Warum legtest Du Gefühle in die natur, deren mässiger Gebrauch uns unaussprechlich glücklich macht? – Und warum werden denn diese Gefühle von versengten Menschengehirnen uns zum Laster angerechnet? O du guter Gott! – Besser bist Du in deinen Geboten, als es die Menschen sind! – Du strafst nur den Misbrauch deiner Wohltaten. Du schufst uns ja zur Liebe, zur Begattung; und Menschen wollen es wagen deine Schöpfung zu tadeln, Triebe zu unterdrükken, die uns doch so weich zum Guten machen. – Es ist unstreitig wahr, meine Amalie, nur tugendhafte, auf Grundsäzze befestigte Liebe macht den Menschen zum wahren Menschen. O, was man da alles fühlt! In den Armen der Liebe ist Seligkeit genug, um jede andere leidenschaft mit leichter Mühe zu unterdrükken! Aber so lange die Menschen nicht lieben, und nicht durch das Lieben denken lernen, eben so lange wird das Laster noch überall seinen Wohnsiz behaupten. Lebe wohl für heute, teures Malchen!
Deine Fanny.–
Zweiter Band
LXXXI. Brief
Amalie an Fanny
Liebenswürdigste! –
Ich habe Dir heute eine sehr interessante Begebenheit zu erzählen, und kann mich also nicht an die Beantwortung deines lezten briefes binden. Zudem ist ja der Inhalt desselben auch schon beiderseits beantwortet, also