dieser Art auch im Einzelnen untersucht, der ohne Geld, ohne Nebenwege gedrängten Eheleuten zu hülfe eilt. – – Ha! – Meine Fanny! Das war bloss ein kleiner vorübereilender Trost, der mir in meiner kummervollen Lage nichts hilft. – Zaghaft ist jeder Unglückliche, und selten wagt es ein Weib sich dem Trone eines Fürsten zu nahen, wenn es auf Unkosten eines Gatten gehen soll. Und nun sage selbst, meine Freundin, was bleibt mir übrig? Soll ich mich an geistliche Richter wenden, die eine unglückliche Ehe kaum dem Namen nach kennen? – Soll ich diesen harten ans Zölibat gewöhnten Menschen meine Leiden vorjammern, die nur zu oft fremdes Elend gar nicht einmal begreifen. – Angejocht an ihren geistlichen Stand, tragen sie zu wenig Kenntnis der Welt in ihrem umnebelten kopf, um sich hinlänglich in die Lage einer unglücklichen Ehe hinein denken zu können. Und wenn denn auch unter diesen Richtern zuweilen ein denkender Kopf ist, der von keinem Vorurteil sein Gefühl erstikken lässt, was würde mir dieser einzelne nüzzen, da hingegen so viele andere zum Unheil der Menschheit ihre eingeführten grausamen Rechte behaupten müssen! O! für mich ist in dieser Welt keine menschliche hülfe mehr! Ich bin an Bande gefesselt, die Menschendummheit so enge, so unauflöslich bei meiner Religion zusammenknüpfen! – Es ist schröklich, schröklich, die ganze Zeit seines Lebens lebendig tot ans Laster verheiratet sein zu mussen; aber doch ist es nun einmal so, und der gütige, gerechte Gott im Himmel gebe mir Stärke, das fürchterliche Verhängnis zu dulden, das mir seine Geschöpfe auflegten! Glaube mir, Fanny, wenn unsere Geistlichen sich begatten dürften, so würde hie oder dort einer fühlen, wie übel ausgeschlagene Ehen das Leben zur Hölle machen können. Ha! – Wie würden sie eilen diese nun so kurzsichtigen Schwärmer, um ein Band zu lösen, unter dessen Druk auch sie schmachten müssten. – Nun aber leben diese vom Vorurteil selbst gefolterte Menschen schwer – schwer ihrer erzwungenen Entaltsamkeit nach, und befriedigen ihre Triebe im Stillen, mehr oder weniger, nach der Anlage ihres Temperaments und vermöge ihrer Grundsäzze. – Mich deucht, dass nur durch langes – langes Nachdenken und durch strenge Beobachtung ihrer selbst in ihnen können Triebe erstikt werden, denen so viele Tausend unterliegen. Der Körper wird beim bequemen Leben, bei nahrhaften speisen so leicht Herr über die Seele, wenn er nicht durch äusserste Aufmerksamkeit fleissig bewacht wird. So viel gestund mir leztin ein helldenkender, braver junger Geistlicher selbst. – Doch, liebe Fanny, wo gerate ich hin? ich moralisire über Andere und vergesse mein eigenes Elend. – Vergessen? – O gewiss nicht – gewiss nicht! – Meine teilnehmende Freundin! es drükt zu schwer in dem Herzen deiner armen, armen
Amalie.
LXXX. Brief
An Amalie
Meine teuerste Amalie! Was kann ich Dir auf deinen lezten Brief weiter sagen, als was ich Dir schon zu wiederholten Malen gesagt habe? – Du bist zu gut, zu nachsichtsvoll gegen Fehler, die einer dritten person Abscheu erwekken müssen. Nicht immer, meine Freundin, ist Guteit Tugend. Wenn diese Guteit das Laster nährt, dann wird sie sträflich. Erschöpft sind beinahe meine Worte, Dich zu einem Entschlusse zu bewegen, den Du über kurz oder lang doch ergreifen musst. Ich wollte mein Leben daran sezzen, dass dein heilloser Mann Dich noch einst von selbst verlässt! – Gieb Acht, wenn die Hülfsmittel erschöpft sind, an denen er sich bis hieher erholte, was dann geschieht? – Ich sehe ins Innerste seines Herzens: Eigennuz hält ihn noch an Dich, und sonst kein anderes Gefühl. – Dein Heldenmut, Dich im Stillen martern zu lassen, ist überspannt. – Der gütige Gott im Himmel fodert von seinen Geschöpfen kein so teures Opfer, das dieselben zernichtet. – Er schuf uns zur Eintracht, und wenn wir in der Welt unglücklich genug sind, diese Eintracht unter unsern Mitbrüdern nicht zu finden, dann ist es unsere Pflicht, die Verfolger zu bedauern, aber nicht unsere gebrechlichen Körper unter ihre leichtsinnigen Bosheiten zu schmiegen. Ein jedes getrettene Tierchen sucht Rettung und hülfe; und wenn es sich dann zur Verteidigung zu ohnmächtig fühlt, dann ist Flucht der erste Trieb dem es folgt. Und kann denn etwas Hüfloseres unter den Menschen gefunden werden als ein Weib, die in Ansehung der Stärke sogar bei ihrer Schöpfung den Kürzern zog? – Wenn Sanftmut und Tränen das Herz eines Mannes nicht zum Mitleiden bewegen, was bleibt ihr dann übrig, einen so mächtigen Wütrich zu besänftigen? Das Vorurteil hat schon von Anbeginn der Welt seinen Tron aufgeschlagen; der Mann fühlt sein Uebergewicht und lässt es so oft dem armen schwächern Weib auch wieder fühlen. – Aber jetzt, meine Werte, komme ich auf den Punkt, ob Du in der Entfernung von deinem mann glücklicher sein wirst oder nicht. – Hier sagt mir meine Vernunft: Ja, Du wirst glücklicher sein. Ist es nicht besser, bloss das traurige Andenken seiner Misshandlungen zu tragen als die Misshandlungen selbst? – Und wie kann Dir dein Gewissen über einen Schritt Vorwürfe machen, zu dem er Dich selbst durch sein Betragen reizt? – Du verlässt ja keinen Gatten, Du verlässest einen Peiniger, der Dich nur desto ärger martert, weil er deine Mutlosigkeit kennt. Ich wette alles, dass er sich in lokkern Stunden, über deine Guterzigkeit noch tapfer lustig macht. – Ich kenne das menschliche Herz: hat es einmal einen übeln Bug, dann