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ohne Gruss ins Zimmer! – Angst, Seelenangst überfiel mich Armselige! – Er schien weder meine Krankheit, noch meinen Gemütszustand bemerken zu wollen. Der beleidigte Hochmut empörte sich in ihm bei dem Gedanken sträflich zu sein, und übermannte ihn so sehr, dass er sich einen ganzen Tag lang ohne Speise zu sich zu nehmen in sein Zimmer verschloss. Er schien gar keine Reue zu fühlen. Die notwendigkeit, wieder von meiner Seite hülfe annehmen zu müssen, machte ihn beinah rasend! – Und doch zwangen ihn seine Werbungsgeschäften, dass er mir durch seinen Diener Geld abfodern lies. Ohne den mindesten Vorwurf schikte ich ihm die ganze Summe. Seit dieser Zeit sah ich ihn mit keinem Auge. Mein Unglück ist meine einzige Gesellschaft! – O Fanny! Warum nicht auch der Tod? Wenn es in einer solchen Lage Verbrechen ist, ihn zu wünschen, o so vergieb Allsehender, der gebeugten

Amalie.

LXXVIII. Brief

An Amalie

Holdes, liebes Malchen, es würde mir Sünde scheinen, Dich in deiner wirklichen Verstimmung nicht zu trösten. Meine Amalie, ich schrieb eine Lüge! Denn welches menschliche Wesen hat in einer solchen Lage Trost für Dich? – Keine Macht, keine Gründe, keine bittende Freundschaft vermögen Dich von einem Untier zu trennen, das Dich mit Hohngelächter zum Abgrunde hinschleppt! – Bist Du denn seiner Misshandlungen noch nicht müde? – Hängt dein Herz noch immer an einem Barbaren, der Dich lebendig tausendfach würgt und doch nicht tödtet! – O das Weiberherz ist eine geringe Waare, die jeder Schandbube misbrauchen kann, wenn er sie einmal im Besiz hat. – Teure Märtirerin der unaussprechlichsten Leiden, komm in meine arme; verlass ihn den verabscheuungswürdigsten Unmenschen; er ist für Dich und für die Tugend unwiederbringlich verloren! – Wo Ehre weicht, weicht alles was zum rechtschaffnen Mann gehört. – Gott im Himmel! – Er stürzt Dich und deinen Oheim ins Verderben! – Sei vorsichtig, entferne Dich, dieweil es noch Zeit ist! – Deine Standhaftigkeit ist eine Sünde, die Du auf Kosten deines Lebens und deiner Gesundheit begehst. – Warum hörtest Du nicht schon lange auf meine Warnungen? – Warum folgtest Du nicht meinem Rate? – Warum öffnetest Du ihm wieder ein Herz, das der Leichtfertige in Stükke zerreisst? – Du bist Weib im vollen verstand, ein schwaches Weib, sonst würdest Du deinem Mörder nicht selbst den Nakken darbieten. Deine sträfliche Guterzigkeit ist anstekkend, Du betörst damit deinen Oheim, reissest ihn mit ins Verderben! Grausames, unbesonnenes geschöpf! Höre die Wahrheit deiner Dich liebenden Freundin, und folge der stimme der Vernunft! – Ich bitte, ich beschwöre Dich jetzt zum lezten Mal, folge meinem Rat! – Wer kann, wer darf ihn tadeln? – Ist er nicht der Menschheit angemessen? – Grausamkeit zu dulden, kann kein Gesez fodern! – Verhärtetes Laster muss hier oder dort gestraft werden, sonst weh dem Unschuldigen, wenn Niemand seine Klagen hören will! – Und, gesezt denn auch, die Ohren der geistlichen Richter wären unter euch Katoliken für so ein Elend taub, so dürfen es doch die deinigen nicht sein, gegen ein Leben, dessen Verkürzung Du einst schwer deinem Schöpfer wirst verrechnen müssen! Was könntest Du wohl länger einem Schurken an seiner Seite nüzzen, der sich mit Lasterwut im Kote herumwälzt? – Oder sind Spielsucht, Mordsucht und Betrügerei etwa nicht hinlängliche Gründe zur ewigen Trennung? – Wenn der eigene Mann sein angetrautes Weib durch Spielsucht der Armut und ihren Versuchungen Preis gibt; ist er denn nicht sträflicher, als der gekannte Böswicht, der nicht wie dieser öffentlich, sondern im Stillen, unter dem Dekmantel der Religion Seelen mordet? – Wenn so ein Meineidiger der am heiligsten Altar Fleis, Sorgfalt und alle Arten von Pflichten schwur, wenn so ein heuchlerischer Lügner mit Satans Grausamkeit, durch Hunger, selbstverursachten Mangel und Misshandlung die Gesundheit seiner Gattin schwächt, und ihr Leben verkürzt: O dann sagt mir, ihr eiskalten Richter, wo gibt es unter der Sonne einen verdammungswürdigern Mörder, als in einer solchen Ehe? – Wie er dann im Dunkeln das an ihn gefesselte Weib dahinwürgt! – Wie er als Mann überall den Stärkern behaupten kann; wie die Menschen geneigt sind, Männerhärte zu entschuldigen, und wie sie dann schreien und wimmern kann, die arme gepeinigte Unschuld, bis der Tod sie von Banden befreit, die leider nur bei den wenigen vernünftigen Protestanten, auf dieser Erde gelösst werden können. – Beim Himmel! – Meine Freundin, zu wenig kann das Auge des Richters in die verschlossene Mauern so vieler unglücklichen katolischen Eheleute dringen, wo Tirannei des Mannes und sanfte Duldung des gekränkten Weibes, das leztere hinwelken machen, weil dasselbe zu viel Ehrengefühl besizt, um zur Schande des erstern, ihr Hauskreuz öffentlich bekannt zu machen! Es ist doch die schröklichste Unmenschlichkeit, dass Tugend und Laster in einer solchen Ehe in einem haus wohnen, an einem Tische speisen und in einem Bette schlafen muss! – Wie leicht kann eine unerfahrne junge Waise, aus Umständen, aus Uebereilung, mit einem leidenschaftlichen Bösewicht ein Band knüpfen und sich dadurch für die ganze Zeit ihres Lebens eine Hölle bereiten! – Bei jeder Klage, die über üble Ehen vor den Richter kommt, sollte derselbe genau alle Umstände der beiderseitigen Unzufriedenheit untersuchen: Oft sind es disharmonirende Gemüter, oft Ausschweifungen und verhärtete üble Gewohnheiten, die eine Ehe ohne hoffnung, dass sie besser werden könnte, vergiften. – Wir haben in katolischen Ländern kein