1788_Ehrmann_009_64.txt

Spieler gewagt hatte? Ja, Fanny, Alles, Alles, bloss aus Liebe zu mir, aus Menschenfreundlichkeit, aus hoffnung, dass er sich bessern würde. Er gab diesem Undankbaren was er nur immer entbehren konnte; und nun betrogen, von einem Elenden, dessen Aufführung ihm und seiner Ehrenstelle bald öffentliche Schande gedroht hätte! – Jesus Christus! Ich komme fast von Sinnen, wenn ich die Folgen bedenke, die unserer Familie zur ewigen, unauslöschlichen Beschimpfung durch diesen Leichtsinnigen noch bevorstehen. Trostlos kämpfte ich lange mit fürchterlicher Bangigkeit, unentschlossen irrte ich im haus herum, mehr als zehen Mal nahte ich mich der Treppe, um diese Nachricht meinem Oheim zu bringen; aber umsonst, es war mir geradezu unmöglich! – Was? – den grössten Wohltäter unter den Sterblichen soll ich so schröklich beugen! – Dies fuhr mir dann wieder durch den Kopf. – Endlich fing ich an zu rasen, zu wüten, mit den Zähnen zu knirschen, warf mich aufs Bett, rang die hände, bis meine sinnlose Betäubung meine Qual einschläferte. – Ich phantasirte, rief meinem Mann mit grässlicher stimmeso viel erzählte man mir nachherRette dich, armer Sünder! – schrie ichrette dichvor den Händen der Henker! – Siehst du, wie sie dich pakken wollen! – Siehst du! Haltet ein! um Gotteswillen haltet ein! – Hier ergriff ich den Bedienten beim Halse, der jammernd an meinem Bette stunde, und riss ihm in der Verzweiflung seinen Halskragen in Stükke. – Der arme Junge wand sich von mir los, und lief mit Angstschweis bedekt nach hof zu meinem Oheim. Gott! wie dieser gefühlvolle Mann zusammenfuhr, wie er hereilte zu meinem Krankenbette! – Mit aller Wärme eines leidenden Freundes bemühte er sich lange umsonst, mich ins Leben zurückzurufen. Grässlich schwer drückte der anblick meines so schnelldrohenden Todes sein blutendes Herz! – Dieses ängstliche Gefühl schien den Eindruk zu lindern, den er durch die pflichtvergessene Aufführung meines Mannes tief empfunden hatte. – Wenn mehrere Leiden auf den Sterblichen zusammenstürmen, sagte er mir nach der Hand, so sind doch immer diejenigen am stärksten, wofür sich die stimme des Bluts verwendet! – Meine kalte, konvulsivische Erstarrung dauerte noch so lange, bis die Tränen und Küsse meines Oheims mich wieder zum Leben erwekten. – In seinen Armen öffnete ich meine Augen, an seinem Herzen fühlte ich das meinige wieder zum ersten Male klopfen. Hoch pochte mein Busen auf, aber sprachlos war meine Zunge, bis mein Oheim mich versicherte, dass er von Allem unterrichtet wäre. jetzt fing bei dieser Erklärung neuer Schrekken an durch meine Glieder zu schaudern; alle Umstehenden zitterten vor einem Rükfall der Krankheit, und mein Oheim beschwor mich um seiner Liebe willen, ruhig zu sein! – Die natur hatte sich ermattet, ein schwermütiger Schlaf gab mir die wenigen Kräften wieder, die sich noch in meinem kränkelnden Körper zu neuen Leiden befanden. – Als mich nun mein Oheim etwas stärker glaubte, fing er mit Männerkraft an über die Zügellosigkeit jenes Ehrvergessenen auszubrechen: Er ist ein Betrüger! – Er mordet dich und mich! – Wir wollen dieses Ungeheuer der menschlichen Gesellschaft verabscheuen! – Fliehe ihn, meine Tochter! Fliehe ihn! – Er hat mutwillig, mit Vorsaz alle Bande zerrissen! – Ach! um seines Seelenheils willen, mein Oheim, nur diesmal noch Verzeihung! – Nur diesmal! – Heilige Mutter Gottes, hilf mir bitten! – Nur diesmal noch! – Strafbares, zu guterziges Weibchen, versezte er, soll ich seine Laster durch neue Unterstüzzung nähren? – Soll ich mich der Gefahr aussezzen, Schimpf und Schande an einem Buben zu erleben, der die Kühnheit hatte, fremde Gelder anzugreifen? – Soll ich mein Ansehen, meinen guten Ruf, meine geistliche Würde dem Tadel Preis geben, verstokte Sünder durch unbesonnene Guteiten im Laster gestärkt zu haben? – gewiss, liebes Malchen, ich bin es bei Gott müde, länger einen Undankbaren zu schonen! – Er hat meine Ruhe zerstört, er hat dich, meinen Liebling, dem Grab zugeschleppt; er hat mich an Glücksgütern entblöst; was will er denn mehr, der Verwegene? – Um der Barmherzigkeit Gottes willen, mein Oheim, nicht weiter! – Sie tödten mich! – Vergieb, arme gute Seele, vergieb! Der Eifer riss mich hin! – Siehst Du, mein Kind, Dir zu Gefallen will ich jetzt Mann sein, und aus Liebe zu Dir, Herzens-Malchen, will ich auch diesmal auf Mittel denken, unsere allerseitige Ehre zu retten. Nur hüte Dich, dass mir dein Mann nicht zu frühe unter die Augen kommt; denn noch blutet die Wunde, die der schwärzeste Undank mir schlug! – Noch siehst Du blass aus, wie der Tod, meine arme, und trägst die Zeichen der Grausamkeit auf deinem gesicht! – Ich gab diesem edlen mein Wort, dass ich dafür sorgen würde, meinen Mann seinem anblick zu entziehen, und so verlies mich der gute sanfte Vater. – Es dauerte aber nur wenige Stunden, so folgte eine Summe Gelds die dieser herrliche auf seinen Kredit hin geborgt hatte, zum Ersaz für meines Mannes Rükstand. Tages darauf kam der niedrige Sklave seiner Leidenschaften wie ein Verdammter von seiner Reise zurück. Sein Gesicht war zerstört, seine Züge in Unordnung, seine Augen hohl, seine Farbe gelb, seine Haare zerrauft, seine Kleider kotigt, und seine Laune stumm. – Rasch trat er