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doch gewiss Jedem begreiflich. – Kann der grosse vorurteilsfreie Kaiser Joseph zu dem lezten seiner Beamten Sie sagen, so dünkt mich, wirds der Kaufmann gegen seine Bedienten auch tun können, wenn er anders nicht beim blosen Häringsfang ist erzogen worden. Der Kaufmann und sein Bedienter verrichten beide die nemlichen Geschäfte, und wenn der erstere den grössten Nuzzen davon zieht, so sehe ich gar nicht ein, warum er dem leztern grob begegnen soll. – Der Unterschied zwischen dem Herrn und seinem Diener besteht nicht in der niedrigen, sklavischen Behandlung, wohl aber in der gegenseitigen achtung, die sich beide verhältnismässig und nach Masgabe des beiderseitigen Betragens schuldig sind. Geld und Glück gibt uns kein Recht, auf minder glückliche verächtlich herabzusehen. Verdienste, Fleis und Talente sind unserer achtung würdig, sie mögen wohnen in welcher Gegend der Erde sie wollen. Es muss einem Handlungsdiener von gutem haus äusserst empfindlich sein, wenn er mit den Livereibedienten per Er behandelt wird. Woher hat ein Kaufmann das Recht seinem Mitgehülfen so viel Uebergewicht fühlen zu lassen? – Vorurteil ist es, vom Stolz erzeugtes Vorurteil, das ohnehin harte schicksal eines Untergebenen nicht erleichtern zu wollen. – Wenn der Herr sein Ansehen auf keine gelindere Art, als durch dergleichen Herabsezzung zu behaupten weis, dann ist er mit seinen Untergebenen zu beklagen, weil der erstere die ihm gehörige Ehrerbietung sklavisch erzwingt, und der leztere aus Zwang bloss mürrisch seine Pflichten erfüllt. – Der Kaufmannsstand sollte sich in unsern Gegenden so viel möglich von den Sitten des Pöbels zu unterscheiden suchen. – Es ist ein würdiger, nüzlicher Stand; Fleiss und gute Einrichtung sind seine ersten Pflichten; schmuzziger Eigennuz aber, Rohheit und Hochmut erniedrigen ihn. – Es ist mir unbegreiflich, wie man unter diesem stand, bei so häufigen Glücksgütern, doch so wenig Bildung des Herzens und der Sitten trift? – Der Fehler liegt in der Erziehung. Kaufmannssöhne werden in ihrer ersten Jugend als Ladenjungen zu Knechtsarbeiten verdammt. – mancherlei niedrige Verrichtungen und schmuzzige arbeiten sind ihre Beschäftigungen. In Gesellschaft von Knechten und Mägden vergessen sie ihr Herkommen, lernen eine pöbelhafte Lebensart, in welcher sie sich noch zu vervollkommnen suchen, weil es ihnen Pflicht scheint, sich in diese Gesellschaft schikken zu müssen. – Endlich geht in so einem armen Jungen alles Ehrengefühl verloren, erhabene Begriffe werden bei ihm erstikt, er lernt nicht denken, nicht empfinden, und lebt wie ein gutwilliges Lasttier auf seiner unwürdigen Laufbahn fort, bis ihn sein schicksal zum Bedienten erhöht. – Da sizt er nun wieder vom Morgen bis in die späte Nacht am Schreibtisch wie angenagelt, krizzelt seinen troknen Schlendrian fort, und zittert wie ein Gefangener, wenn ihn sein roher, eigennüzziger Gebieter in einer augenbliklichen Erholung überrascht. So viele mit Vorurteil bestrikte Herren nehmen sich sogar die Freiheit heraus ihren Bedienten nüzliche Bücher zu verbieten, und schränken junge Leute bei müssigen Stunden zuchtausmässig ein. O der steifen Dummheit, die ihrem Nebenmenschen jeden Weg zur Weltkenntniss und zur Bildung abschneidet! Wie kann so ein junger Mensch Geist und Denkkraft erhalten? – Wie kann er ein taugliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft werden? Wie kann er als Herr einst vernünftiger gegen seine Untergebenen handeln, wenn er selbst so elend ist behandelt worden? – Pöbelhafte Sitten, Unempfindlichkeit, Grobheit, Vorurteil müssen bei ihm ewig hervorscheinen, weil es die ersten Eindrükke sind, die er, als sogenannter Hundsjunge, in seiner frühen Jugend einsog. – Väter und Mütter, lasst euere Kinder Zuschauer von allen Beschäftigungen werden, die zu diesem stand gehören; aber hütet euch wohl, sie ausser einem Notfall selbst an niedrige arbeiten zu gewöhnen, sie kommen dadurch mit dem Pöbel in Gemeinschaft. – Ladenkehren, Einheizen, Kinder herumschleppen, Betten machen, u.s.w. sind lauter unwürdige Beschäftigungen, die ihr Herz und ihre Bildung verunedeln. – Bald schreibe ich Dir wieder mit eben dem Herzen, das nur Dir gehöret.

Amalie.

LXXVII. Brief

An Fanny

O meine guterzige Freundin! – Das war wieder für mich ein entsezlicher Auftritt! – Ein Auftritt, der jedes warme, fühlende Menschenherz zum innigen Mitleiden hinreissen muss! – Ich will Dir ihn schildern diesen Auftritt, wenn ich es vermag: – Vor einigen Tagen musste mein Mann einen Transport Mannschaft nach G.... liefern. – Mein Oheim befürchtete diese Mannschaft möchte in den Händen der Unteroffiziere eben nicht am sichersten sein. – Aus diesem Grund riet er meinem Mann, er möchte aus Vorsicht selbst mitreiten. – So sauer nun diese kleine Reise meinen Mann ankam, so durfte er meinem Oheim doch nicht widersprechen, und es geschah. – Er machte sich nebst seinem Bedienten auf den Weg, geriet aber auf der Rükreise in eine Spielgesellschaft undGott erbarme sich seiner und meiner! – – Er verspielte in eben dieser Gesellschaft Pferd, Geld und alle übrigen Kostbarkeiten, die er bei sich führte. – Ha! – Meine Fanny! Wie erschrak ich, als sein Bedienter mit dieser Nachricht bei mir anlangte! – Der Kerl versicherte mich, dass Verzweiflung auf dem nächsten Dorf sich seines Herrn bemächtigt hätte! – Starrend, staunend sah ich dem Burschen ins Gesicht, konnte weder denken noch handeln, alle Fassung hatte mich verlassen! – – Es war mir unmöglich dieses Elend meinem Oheim anzukündigen! – Ich sah jetzt seine Wut, seine Verwünschungen zum voraus! – Und konnte ich es ihm verdenken diesem guten mann, der sein ganzes Vermögen, seine Ruhe, seine Gesundheit an einen lüderlichen