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mehr für Menschenfreundlichkeit bilden! Möchten die lieben Leutchen in ihren Reichsstädten aufhören ihre steife Etikette zu behaupten, welche sie zum Spott für Fremde und zur Ehre ihrer Geldkisten beibehalten. – Männer und Weiber aus diesem stand verfallen fast immer auf zwo Extremitäten: Die erstern sind entweder kahle, pedantische, unerträgliche Murrköpfe; oder aufgeblasene französirende, junge Gekken. Und so geht es gerade mit den Weibern auch: Ein teil opfert der Alfanzerei und dem Vorurteil, und der andere dem Hochmut und der Koketterie. Ich kenne keinen dümmern, hervorstechendern Stolz, als den Stolz einer Kaufmannsfrau. – Bald werden sie anfangen sich in Gesellschaften ihre Kapitalien vorzurechnen, um dadurch den ersten Plaz auf einem Sofa zu erringen. Wem dies etwa unglaublich scheint, dem mag folgende wahre geschichte zum Beweise dienen:

Zwei hochmütige, auf ihr elendes Geld stolze Kaufmannsweiber, befanden sich vor einigen Wochen in einem Schauspielhause, und nahmen den Plaz einer dreisizzigen Loge ein. Die Loge war nicht geschlossen, sondern fürs Geld dem ersten Bessten zu Befehl. Ein braves munteres Weibchen, die Gattin eines Tonkünstlers, geriet aus Zufall in diese nemliche Loge, und wollte den dritten noch unbesezten Plaz einnehmen. Die Kaufmannsweiber, von sinnloser Eitelkeit hingerissen, weigerten sich dieser Frau Plaz zu machen; aber unser Weibchen, die als Künstlersfrau sich besser fühlte, als diese seichten, lieblosen Seelen, bestund auf dem begehrten noch freien Sizze, und lies sich für ihr Geld nicht abweisen; nach langem Zanken mussten die Kaufmannsweiber dennoch rükken; – aber jetzt ging es unter ihnen an ein Ohrenflüstern, das gar kein Ende nahm. Unser liebes kleines Weibchen aber dachte indessen auf Wiedervergeltung für diese abgeschmakte Aufführung; und siehe da, auf einmal wusste sie die schönste Ohnmacht zu fingiren, die ihre Nachbarinnen nicht wenig erschrökte. Nun trat Heuchelei bei diesen Frazzenseelen an die Stelle der Menschenliebe, und geschwind wurde der Ohnmächtigen mit Riechfläschchens zu hülfe geeilt. – Das Weibchen wurde gerüttelt, aufgeschnürt und mit wohlriechenden Wassern begossen, bis sie sich wieder erholte und die eine Kaufmannsfrau sie fragte: Madame, wird Ihnen noch nicht besser? O Sie haben uns sehr erschrökt! – Ach nein! – erwiderte die boshafte KrankeAch nein! – Es kann mir hier unmöglich besser werden, denn es riecht zu stark nach Stokfischen, nach Oehl, nach Sardellen, u.s.w. Im nemlichen augenblicke erscholl von den Umstehenden ein lautes Gelächter, und jede Ekke des Teaters war mit dieser Anekdote in einem Hui angefüllt. – Alles, was im Schauspielhause war, fing an zu zischen, zu stampfen, und zu pfeifen, bis die zwo Huldgöttinnen der Dummheit von einer Menge Buben begleitet nach haus eileten. – Die Künstlersfrau aber trug das Lob eines wizzigen Weibes davon, und würde um diesen Preis wohl gerne noch mehr solche Ohnmachten ausstehen.

Und nun, meine Besste, hast Du hier den wahren Beweis meines obigen Sazzes, über den hervorragenden Hochmut der meisten Kaufmannsweiber. – Doch jetzt auch ein Paar Wörtchen über die Liebe zu deinem Oheim: – Dieser Edle muss nun ganz gewiss seine Herzenslust an Dir gehabt haben, wenn Du so glühend von Dank an seiner Seite sassest. – O wie sehr verdient dieser Vortrefliche deinen Dank, und Du das namenlose Entzükken danken zu können. Uebrigens, Teuerste, kümmere Dich nicht in Gesellschaften über das Vorurteil in Ansehung deiner Lebhaftigkeit. Der Umgang eines denkenden Mädchens muss Feuer, muss Freiheit haben, sonst tut er keine wirkung, und macht die Männer in Gesellschaften gähnen. Munterkeit und ein Bischen wildes Wesen an einem Mädchen ist reizender, als der geschraubte, ängstliche Ton der Blöden, die unter dem Wort Wohlstand ihre wenige Beredsamkeit und ihre flegmatische Dummheit verbergen. Gerade diese Mädchen müssen die Männer lehren den blosen Schein vom Laster selbst zu unterscheiden. – Sie müssen sie lehren einen blick ins Innere eines Mädchenherzens zu werfen. Sie müssen über alles das die Männer lehren, dass nichts als ein liebenswürdiger Umgang das ächte Mittel ist, die Männer vom Tierischen abzuhalten. – Die herrlichste aller weiblichen Künsten ist, die Männer mit Kopf zu unterhalten. – Dieser Vorzug gehört der Hässlichen so wie der Schönen, und nur zu oft welkt die leztere durch Krankheit frühe schon dahin, dahingegen die erstere mit ihren untilgbaren Reizen ihr ganzes Leben hindurch glänzet. O Mädchen, Mädchen! wie lange wird es noch dauern, eh ihr die Kunst, durch Vernunft zu gefallen, so hinlänglich werdet studirt haben, dass die Männer (den Körper ausgenommen) über euern Umgang nicht mehr die Nase rümpfen? – So eben unterbricht man mich. Noch einen Kuss, und jetzt ein warmes Lebewohl von

Deiner Fanny.

LXXVI. Brief

An Fanny

Liebe, traute Freundin! – Muss mich doch gleich hinsezzen und Dir dein Leztes beantworten: – der Stoff, den Du darin über den Stolz der Kaufmannsweiber berührst, verdient wirklich meine Aufmerksamkeit. Deine Gedanken darüber sind richtig; ich selbst habe es auf meinen Reisen erfahren, wie trokken, ungesellig, hochmütig und von oben herab einer Fremden in den meisten Handelsstädten begegnet wird. Und was mich noch dabei am empfindlichsten ärgerte, ist die niedrige Behandlung ihrer Dienerschaft. – Wenn ich so von ungefähr einen blick in ein Komptoir tat, was ich da für dummen Stolz erblikte! – Dieser unzeitige Despotismus der Kaufleute gegen ihre Bedienten schien mir ungerecht und verachtungswürdig. – – Jeder Untergebene gehört in der Menschheit in eine gewisse Klasse; aber dass die Kaufmannsbedienten nicht in die Livereiklasse gehören, ist