in einem Lichte zeigen, worüber mein Oheim staunen wird. – Da er nebst dem so viele Werbungsgelder in Händen hat, so ängstige ich mich fast zu tod, denn es sind lauter Reize fürs Spiel. – Auch ist er sehr unordentlich und nachlässig in seiner Pflicht. – Gott! wie kann bei so einem Betragen sein guter Name vor den Stabsoffizieren ohne Argwohn bleiben? – Selbst seine Untergebnen murren über seine Lüderlichkeit; und Militärdienste sollten doch heilig sein; die geringste Nachlässigkeit darin ist ein Verbrechen. – Will denn um Gotteswillen dieser Mann nicht begreifen lernen, dass er ganz anders handeln muss, wenn er seiner Uniform Ehre machen will? – Allgütiger, gieb ihm doch Vernunft und Rechtschaffenheit! – O möchte er als ehrlicher Mann sein Leben durchwandeln! Möchte es mir nie an Geduld fehlen, seine Aufführung zu ertragen; denn bessern werde ich ihn doch nimmermehr! – Nun aber, holde Fanny, will ich von diesem Punkte abbrechen, sonst werde ich wieder schwermütig, und schade meiner Gesundheit. – Also zu etwas anderm! – Und das wäre? Was meinst Du wohl? – Eine kleine Beschreibung vom hiesigen Orte will ich Dir jetzt liefern: Der Hof ist ein altes adeliches Stift, das aus lauter stiftsmässigen Kavalieren besteht. Sie erwählen unter einander selbst ihren eigenen Fürsten, der zugleich souveräner Herr seines Landes wird. – Dieser Fürst hält sein eigen Militär und alle Zierden eines vornehmen Hofes, ist aber nebst den übrigen Stiftsherren einem geistlichen Orden zugetan, zu dessen Pflichterfüllung einige Stunden des Tages in der Frühe gewiedmet werden. – So bald nun diese Stunden der Andacht vorüber sind, so geniessen die Geistlichen alle möglichen Freuden eines weltlichen Hofes. Sie halten grosse Tafel, fahren, reiten, haben prächtige Zusammenkünften, ergözzen sich auf ihren Landgütern, stellen Jagden an, u.s.w. Doch geschieht dies alles, wie ich glaube, mit Erlaubnis ihres Fürsten. – Ich muss überhaupt die ganze schöne Einrichtung dieses Hofes loben; nur eines gefällt mir nicht; und es will mir durchaus nicht in den Kopf, dass zwischen diesem hof und der so nahe daran gebauten protestantischen Stadt, bei unsern aufgeklärten zeiten, noch ein Bischen Religionshass Plaz findet. – Aber leider ist es nur zu wahr, man nekt sich von beiden Seiten; man ist gegen einander mehr kalt als brüderlich, mehr mistrauisch als gütig, mehr böse als christlich, und das alles aus eingewurzeltem Vorurteil, das sich wie Klettensamen in den Familien fortpflanzt. – Uebrigens haben bei allem dem die schönen Wissenschaften auch in der Stadt ihren Wohnsiz. – Versteht sich, wie in den meisten Reichsstädten, nur in einigen Häusern. Eben das ist auch die Ursache, warum der vortrefliche, aufgeklärte junge Baron Sch..., so wie mein Oheim, sehr freundschaftlich mit diesen Häusern verbunden ist. Es herrscht unter diesen Denkern, troz der Verschiedenheit ihrer Religion, eine Harmonie des Geistes, die kein katolischer Bigottismus und kein protestantischer Eigensinn zerstören kann. – Pressfreiheit, Duldung der bessten Schriften ist auch da zu haus; und was braucht es mehr, um sich einst die herrlichste Aufklärung von beiden Seiten zu versprechen? – Mein Oheim arbeitet unermüdet an der beiderseitigen Duldung. Ueberall erblikke ich in ihm den tätigen Menschenfreund. Wirklich hat er auch einen jungen Anverwandten bei sich, den er selbst erzieht. Was der neunjährige Knabe für Talenten zeigt, ist nicht zu beschreiben; und dann die liebevolle, schöne Art meines Oheims ihn zu bilden, lässt mir von diesem Jungen alles Gute hoffen. – Er ist jetzt schon frei und natürlich in seinem Betragen, offenherzig, gut und sanft, sein Herz öffnet sich allem Guten, das in der lieben natur liegt. Der wakkere Junge liebt seinen Oheim eben so sehr, als ich ihn liebe. So viel für heute, traute, liebe Fanny, von deiner Dich gewiss liebenden
Amalie.
LXXV. Brief
An Amalie
Willkommen, liebe Freundin, mit deinen herzigen zwei Briefen! – Armes bedaurungswürdiges Malchen, so quält Dich denn dein Mann noch immerfort! – Der Unbesonnene, konnte Dir vor eurer Abreise durch seine Schulden noch Plagen verursachen! – Weis denn der Fühllose nicht, dass, um Schuldner zur Geduld zu verweisen, eine gewisse Unverschämteit oder Schamlosigkeit erfodert wird, die Du gewiss nicht in deiner Gewalt hast? Fast immer ziehen mit Schulden beladene Menschen, denen es an Kühnheit mangelt, den Kürzern, und werden von eigennüzzigen Gläubigern aufs empfindlichste beleidigt. – Besonders, wenn sie es mit Pöbel, oder noch weit ärger, wenn sie es mit jüdischen Kaufleuten zu tun haben. – Nichts macht den Kaufmann harterziger als Eigennuz. – Man wird sehr wenig wahre guterzige Leute in dieser Menschenklasse finden. – Der hassenswürdige Eigennuz macht die meisten von ihnen grausam, unempfindlich und stolz. – Um dieses Lasters willen haben die wenigsten Kaufleute Gefühl für Grossmut und fürs gesellschaftliche Leben. An den Eigennuz gewöhnt, fühlen sie nicht den Mangel Anderer; von dem Geize beherrscht, tirannisiren sie ihre Nebenmenschen; im Ueberfluss vergraben, kennen sie die Empfindungen der Armut nicht; und so bleiben sie von der Gesellschaft zurückgezogen für sich, stolz auf ihr Geld, und unerträglich für den Vernünftigen. Kann man etwas Widrigeres sehen, als einen alten Geizhals von Kaufmann, der steif wie Holz und mürrisch wie ein Menschenhasser, hinter seinem Geschäftpult neben seinem Geldkasten sizt? – Taub für das Elend der Dürftigen, lebt derselbe bloss für seinen Eigennuz. Möchte sich doch dieser Stand