, wenn es nach einigen Jahren seinen Wohltäter, seinen Erzieher, seinen Vater wieder findet. Allgütiger im Himmel, wie glücklich ich mich da dünkte! wie ich mich auf die Tage freute, die ich nun an der Seite dieses guten Vaters verleben würde! – O liebe, liebe Freundin, der Mann ist gar zu sanft, gar zu gut gegen mich, ich verdiene es beinahe nicht. Aber schröklich stark fühlte ich den Abstand zwischen der Behandlung meines Mannes und ihm. Was der liebe Vater sich meiner freute; wie er jedem Ausdruk von mir holden Beifall zulächelte; wie er heimlich stolz war auf mein Herz, dessen Bildung sein Werk ist; wie er mit Vergnügen sah, dass ich seit einigen Jahren Abwesenheit so gewachsen seie, und wie er dann wieder sein Auge von wir wegwandte, um einer melankolischen Träne Luft zu machen! Gott! dabei muss ihm das Unglück meines Ehestandes eingefallen sein! – – Und denke Dir nur, meine Gute, alle diese Auftritte sah mein stoischer Mann mit einer fühllosen Kälte mit an. O du lieber Gott, was es doch für Menschen in der Welt gibt! – Nichts rührte den Empfindungslosen, als bloss die vorzüglich gute und höfliche Behandlung, mit der ihm mein Oheim und die Uebrigen des Hofes begegneten. Sehr natürlich musste so etwas seiner Eitelkeit schmeicheln, denn der Fürst selbst hatte, in Rüksicht meines Oheims, viele Gnaden für ihn. Den nemlichen Abend ging mein Oheim um unserer Gesellschaft willen, nicht zur fürstlichen Tafel. – Wir speisten alle zusammen auf seinem Zimmer, und kaum waren wir einige Minuten zusammen, so versammelten sich mehrere Kavaliers, und freuten sich über unsere Ankunft. Baron Sch... war auch einer davon; wahrlich, ein sehr herrlicher junger Mann! Er ist der besste Freund meines Oheims, und so ganz gefühlvoller Mensch, ohne Ahnenstolz, ohne Forderungsgeist; nebst einer grossen Seele trägt er ein vortrefliches Herz im Busen und den lebhaftesten Geist im Kopf, der ihn weit über alle Andern erhebt; es ist ein Mann ohne Vorurteil, der bloss der Freundschaft, der Redlichkeit und der Tugend lebt. Er ist sanft ohne Schüchternheit, gut ohne Schwachheit, lustig ohne Wildheit, erhaben ohne Hochmut, wizzig ohne Ziererei; kurz das Muster eines sehr würdigen Kavaliers. Die übrigen, so zugegen waren, sind muntere Herrchens, denen man es ansieht, dass es ihnen nicht am Wohlleben fehlt. – Du kannst Dir nicht vorstellen, liebe Fanny, wie aufgewekt den nämlichen Abend mein Oheim noch geworden ist. Ich säumte gar nicht meinen ganzen Wiz aufzubieten, um alles so gut als möglich zu unterhalten. – Du kennst ja meine Lebhaftigkeit, wenn ich anfange munter zu werden? Schon oft wurde ich nachher über mich selbst ärgerlich, wenn meine überlegung mir sagte, dass eben diese Lebhaftigkeit mir den Schein des Leichtsinns gäbe, der doch gar nicht in meinem charakter liegt. – Aber ich bin nun einmal schon so, und kann nichts halb geniessen, sondern alles ganz, alles äusserst. Doch freut mich in Gesellschaften nichts mehr, als wenn ich Anlass bekommen kann, die Männer recht tüchtig zu satirisiren. Oefter treffen mich dann dabei auch tüchtige Hiebe; und, Fanny, ich bin Dir dann Mäuschenstille dazu, wenn man mir wieder die Wahrheit zurücksagt. Ueberhaupt gefällt mir der fein-satirische Ton in Gesellschaften unendlich. Er muss zwar an keine Beleidigungen grenzen, aber er muss munter, vernünftig frei, nach Laune handeln dürfen. Es ist in Gesellschaften eine wahre Freude, wenn man die Stunden, so unter frohem Gelächter dahineilen sieht. O möchten sich doch die Frauenzimmer mehr aufs Gesellschaftliche verlegen! – Möchten doch die langweiligen, unnüzzen Geschöpfe lernen die Männer mit etwas Besserem, als mit ihrem blosen Körper zu unterhalten. Ausschweifung und Verachtung würde dann weniger obwalten, wenn die Männer nicht an der Seite der Weiber zur erstern aus Langerweile, und zur leztern aus überzeugung schreiten müssten. – Es ist eine ewige Schande, dass die Männer bei den Weibern, bloss Genuss suchen können, und dass die Weiber nichts Besseres zu geben wissen. Daher kommt die gewaltige Mishandlung der Männer, weil so wenig Weiber den guten Ton der Gesellschaft verstehen. Lebe wohl, besste, liebste meiner Freundinnen! –
Deine Amalie.
LXXIV. Brief
An Fanny
Da bin ich Dir schon wieder, meine Teuerste, und will mich recht herzlich mit Dir unterhalten. Wenn Du mir aber so oft antworten müsstest, als ich Dir schriebe, so würdest Du wahrlich nicht viele andere Geschäfte darneben treiben können. Indessen will ich es mit Dir nicht so genau nehmen, wenn Du mir auf drei Briefe nur eine Antwort zukommen lässest, so bin ich völlig zufrieden. Genug ich habe es mir einmal vorgenommen, Dir so oft und so viel zu schreiben, als es mich gelüsten wird. Und auf diese Art, sollst Du heute schon wieder etwas von meinem ungezogenen Mann zu lesen bekommen. – Bedenke einmal, kaum sind wir Beide einige Wochen hier, und schon fängt der Leichtsinnige seine alten Ausschweifungen wieder an, ohne sich Schranken zu sezzen. – Mein guter Oheim hat ihm mit dem besten Zutrauen Geld vorgestrekt; das war gerade sein Verderben, weil er wieder damit aufs Neue zu spielen anfieng. – Ich habe bis jetzt seine Aufführung mit allem Fleiss – bloss um nachher meinen Oheim desto augenscheinlicher davon zu überzeugen – verborgen gehalten. – Wenn der Elende aber so fortfährt, so wird er sich selbst bald