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merkte den Eifer dieses Jungen nicht, weil er sich eben mit Fremden in ein Gespräch eingelassen hatte; aber stelle Dir nur vor: Der Flegel machte sich dieser gelegenheit zu Nuzze und wich nie von meiner Seite. Er tat sein Möglichstes, aber mit dem half es bei mir nichts. Halte mich ja nicht etwa für spröde! aber lies zuvor die Schilderung dieser drolligten Kreatur: Ein junger müssiger Held, mit glattem Kinn, ohne Gehirn, kraftlos und ungeschikt in seinen Ausdrükken und im Hut verliebt wie eine Kazze. Du weist, dass ich der Liebe gar nicht feind bin; aber da hiess es: Mein Herr! Sie sind zu gütig! – ich wünschte Ihnen eben so viele Vorsicht, – und so weiter. Aber Mademoiselle, können sie mir verdenken, wenn ich in Sie rasend verliebt bin? – Ich könnte unmöglich rasende Leute entschuldigen. – So haben sie denn kein Herz? O ja, sagte ich, und das ein recht zärtliches. Nun wenn das so ist, warum denn? jetzt fiel ich ihm in die Rede: Das Warum und das Darum sind keine Sachen für Sie. – Sie wollen also meine Pein? Sie wollen, dass ichHier haben Sie mein Riechfläschchen, wenn Sie es nicht mehr ausstehen können. Lose Schöne! schrie er aus, wie schalkhaft sind Sie nicht! und Sie mein Herr! wie unerträglich sind Sie nicht! Ich? ich? – fragte er betroffen; bin doch gegen Sie mit keinem zweideutigen Worte aufgetretten! Das hätten sie noch wagen sollen, um ganz ihre Schwäche von einem Mädchen bestrafen zu lassen! – O diese Strafe wäre ja süss. Noch hatte er den halben Gedanken im mund, als der Papa rief: Amalie! nimm deine Schwester bei der Hand, wir gehen zu Bette. Und das taten wir auch, schliefen so ziemlich wohl, stunden wieder früh auf, und nun gings weiter nach W** zu. – bleibe mir gut, Besste! Du weist wie sehr ich bin

Deine Amalie.

X. Brief

An Amalie

Vermutlich musst Du, meine Liebe, deinen lezten Brief, den ich Dir heute auch beantworten werde, abgeschikt haben, ehe Du meine leztre Antwort erhieltest. Ich sagte Dir rund heraus, wie es Dir gehen könnte, wenn Du Dich einmal im Ernste vergaftest. Freilich kannst Du mir entgegenschreien: Freundin! nicht Allen muss es so gehen! Lass sehen, armes Kind, was Du allenfalls einzuwenden hast. O, schon höre ich Dich widersprechen! Wenn ich liebe, so werde ich aus Simpatie und nicht aus Eigensinn lieben. Gut, meine Besste, muss ich Dir sagen, können wir uns nicht täuschen? Glaubt nicht oft ein entusiastischer Kopf, dass er da oder dort Simpatie erhascht habe? Lass ihn nur wieder kälter werden, diesen Kopf; lass ihn seinen Abgott, den er sich nach seiner ganzen glühenden Hizze so schuf, wie es ihm gefiel, noch einmal, lass ihn denselben mit kaltem Blute und kritischer Menschenkenntniss untersuchen, dann gieb Acht, ob es noch Simpatie ist! Glaubst du denn, dass die Menschen so leicht und so oft simpatisiren? Ist nicht der grösste Menschenteil so sehr verdorben, dass man unter einer grossen Zahl Geschöpfe wenige wahre Menschen findet? und wird nicht ein gutes, gefühlvolles Herz zehnmal betrogen, ehe es das Glück hat, eine andere gute Seele zu finden? Es gibt gleichdenkende Menschen, aber selten oder nie findet man sie. Sei mistrauisch, liebes Mädchen, ich bitte Dich, wenn Du dein Herz keinen Mishandlungen aussezzen willst. Ich mag Dir nun keine Silbe mehr weiter zureden, Du möchtest sonst Ekkel bekommen, und das mag ich nicht; also zu deiner Reisebeschreibung: Du bist ein näkkisches Ding! Wenn Du deine Avanturen alle so komisch behandeln könntest, dann würde ich weniger sorge haben; aber nicht allemal wird deine Kritik über deine Neigung siegen; so lang dein Herz noch gesund bleibt, und deine Einbildung nicht verstimmt wird, so hast Du nichts zu fürchten; wenn Dich aber einmal wizzige, galante schöne Herrchens, statt solchen halbreifen Jungen, verfolgen werden, wie wird es dann aussehen? Es gibt Männer, die unser Geschlecht so gut kennen, und die uns tändelnd zur Liebe zu reizen wissen. Du bist offenherzig und empfindsam, Du hast Menschen gesehen aber sie nicht studiert, und was braucht es mehr, um deine Leichtglaubigkeit zu täuschen? Der Himmel bewahre Dich vor solchen Ruhestörern! Sei aufrichtig gegen mich, und Du wirst finden, dass Dich niemand mehr liebt als deine

Fanny.

XI. Brief

An Fanny

Besste! Ich möchte Dir von uns Neuigkeiten sagen, und weis doch keine. Bisher geht alles im alten Trabe fort, und ausser deiner Amalie giebts in unserm haus nichts Abenteuerliches. Du kennst ja meinen Oheim in K**? er ist ein seelenguter Mann! Von ihm erhielt ich zwei schöne Kopfzeuge, die mir aber mein Vater recht sehr verbitterte. Ihm will die alte Mode durchaus nicht aus dem kopf, und ich habe mich ganz in die neue vergaft. Wir Mädchen haben ja unsern besonderen Abgott, ich kann eben nicht sagen, dass ich ihm eigensinnig durchaus alles opfern will; aber eitel bin ich doch, wie wir alle sind. Die Männer sind es mit einem gelindern Ueberzug, und wir sind es in Kindereien. Wenn doch dieser Vater nur suchte, meine Eitelkeit mit gelindern Mitteln zu bändigen! Aber so raschweg, alles, was nicht