1788_Ehrmann_009_59.txt

wirklichen Liebe zu reizen, o dann darf, bei Gott, keiner besorgen, dass sie ihm untreu werde. – Aber er muss Vernunft, leidenschaft, Güte des Herzens besizzen und das Ehrengefühl eines Weibes anfachen können, auch manchmal kleinen Grillen auszuweichen wissen, und dann möchte ich das empfindsam denkende Weib sehen, die so einen Gatten nicht bloss lieben, sondern anbeten würde! Versteht sich, wenn anders ihr Herz noch von Modesucht und Lastern frei ist. Die angeborne Güte eines Weibes ist so leicht für die Glückseligkeit eines Mannes zu gebrauchen, wenn der Mann Feinheit genug hat, diese Güte zu seinem Vorteil zu nüzzen und ihren Schwachheiten mit männlichen Grundsäzzen zu hülfe kommt. Das Weib ist nicht als Furie geboren, sie wird erst zur Furie gemacht, wenn ihre Güte durch Mishandlung verhärtet, ihre Schwachheit durch Bosheit gereizt, und ihre Sanftmut durch Undank beleidigt wird. Das, meine Liebe, wäre gerade dein Fall, Du würdest das besste, getreueste, herrlichste Weibchen auf Gottes Erdboden sein, wenn deine Güte erkannt und nach Verdienst behandelt würde. Harre standhaft meine Traute, vielleicht knüpfest Du einst ein anderes Band, das Dir doppelte Seligkeiten verspricht. – Doch noch Eins: Brich den Briefwechsel mit dem Jungen ab, der an Dich schrieb; er ist ein undankbarer Tollkopf, der zu spät an deine Rettung dachte. Die Liebe ist erfindsam, sie zwingt zwar nicht immer die Umstände, aber bei kalten, furchtsamen Menschen zwingen immer die Umstände die Liebe. Ein Weibergeklatsch, das Gebrumm der Verwandten kann leicht einen haasenfüssigen Liebhaber wanken machen. Aber so etwas, das wanken kann, war nie Liebees war Lüge, es war Betrug, es war elender Alltagskram! – Warum liess denn der Einfältige von Dir ab, sobald er fand, dass Du das Mädchen wärest, welches sein Leben beglückken könnte? – Warum überliess er ein junges, unerfahrnes Mädchen dem Ungefähr der Lage? – Warum überdachte er nicht statt Deiner die Folgen deiner Verbindung? – Du gabst ihm ja Nachricht von deinen Aussichten; hätte er sich nicht wenigstens als Menschenfreund, um den charakter deines Mannes erkundigen sollen? – Er brachte Dir aus Stolz ein Opfer seiner leidenschaft, und liess sich dabei fühllos, unvorsichtig einem Abgrund zugängeln, worein er sich jetzt selbst gerne noch stürzen möchte. Brich ab, Amalie, mit diesem unvernünftigen Geschöpfe, und erinnere Dich deiner Dich liebenden

Fanny.

LXXIII. Brief

An Fanny

Zürne doch nicht, Herzensfreundin, dass ich Dir erst jetzt Nachricht von mir und meinem schicksal gebe. Gerade so, meine Traute, wie ich Dir leztin schrieb, kam es mit dem Werbungsgeschäft zu stand; ich und mein Mann sind dermalen schon bei meinem Oheim in K... Du würdest staunen, Liebe, wenn ich Dir die vielen Verdrüsslichkeiten hinlänglich beschreiben könnte, die mir aus übler Wirtschaft meines Mannes noch vor meiner Abreise über den Hals fielen. – Ich glaube, es kann keine verdrüsslichere Lage in der Welt sein, als die, wenn man Schulden bezahlen soll, und es aus Unvermögen nicht kann. – Ich meines Teils, wüsste mich in diese Lage gar nicht zu finden. Mein Mann kümmerte sich gar nichts darum, lief aus dem haus, und überliess mich armes schüchternes Ding leichtsinnig den Grobheiten des Pöbels. Du glaubst nicht, was ich da für eine einfältige Figur spielte, als man Anforderungen an mich machte, zu stolz, um eine solche Erniedrigung nicht zu fühlen, und zu redlich, um unsere Gläubiger mit Lügen abzuweisen. – Endlich raffte ich mein Bischen Geschmeide zusammen, zahlte wie ich konnte, und wir reisten in Gottes Namen ab. Dass uns nun mein Oheim mit aller Wärme empfieng, das versteht sich von selbst, und davon bist Du auch zum Voraus überzeugt, weil Du sein Herz kennst. Dass aber mein guter Oheim beim ersten anblick meines Mannes blind war, das wirst Du wohl nicht ganz begreifen können? Es war wirklich ein sonderbarer Auftritt! – Denn Du weisst, mein Mann trägt die untrüglichste Larve eines sehr soliden Mannes an sich. Der feinste Menschenkenner hat Mühe verborgene Leidenschaften auf seinem gesicht zu entdekken. Er scheint gleichgültig gegen alle Versuchungen des Lasters und trägt das Ansehn eines tiefdenkenden Philosophen auf seiner Stirne. Als ihn nun mein Oheim mit dieser Maske zu sehen bekam, rief er mir bei Seite, und flüsterte mir ins Ohr: Malchen, Malchen! Du hast mir die Unwahrheit geschrieben; dein Mann sieht zu redlich aus, um das zu sein, was du behauptest... Nur Geduld, lieber Oheim, sagt ich ihm wieder ganz leise zurückes wird sich schon zeigen, wenn Sie ihn einst näher kennen. – jetzt wurde mein Mann auf unsere geheime Unterredung aufmerksam, und wir kehrten beide wieder zur Gesellschaft zurück, die sich eben versammelt hatte. – Dann fing man zusammen an zu essen, zu trinken und sich wechselseitig über unsere Ankunft zu freuen. Ich sass sehr nahe an der Seite meines guten Oheims, griff nach seiner Hand, so oft es sich schikte, und küsste sie mit Entzükken! Mein Herz klopfte diesem herrlichen mann bei jeder Bewegung entgegen, und ich ärgerte mich über die eiskalten gespräche von Reisen und dergleichen, mit denen man sich während der Essenszeit unterhielt. Mein von Dankbarkeit volles Herz war unter dieser Zeit zum Weinen, zum Küssen gestimmt. – Ich hätte gerne mit der feurigsten Liebe alles getan, was nur ein fühlendes zärtliches Kind zu tun im stand ist