Da sinkt sie hin in einem Winkel des Zimmers, das Opfer der schröklichsten Grausamkeit, kämpft mit der augenscheinlichsten Lebensgefahr, schreit zu Gott um Beistand, ringt die hände, und bittet im Stillen ihren Henker um den lezten Todesstreich! – So ein armes, schwaches, empfindsames Weib sollte noch länger ihre feinen Glieder peinigen lassen! – O menschliches Gesez, ich würde dich verabscheuen, wenn du das fodern wolltest! – Du hast wohl getan, Freundin, Dich zu entfernen, jede Pflicht ist nur dann heilig, wenn unsere Selbsterhaltung nicht darunter leidet! – Wie kann die Religion, wie können die Gesezze von Dir ein so teures Opfer fodern? – Ist Deine Entfernung nicht Klugheit? – Nimmermehr kann ich zugeben, dass Du Dich neuen Auftritten blosgiebst. Lass ihn fortwandeln, den Verworfnen auf dem Wege, der zum Abgrunde führt! – Bleib seinem Auge verborgen; sorge für deine Gesundheit, und bitte den Allgütigen um Standhaftigkeit in deinem Entschluss. O Amalie! – Was wäre Dir bevorgestanden, wenn Du geblieben wärest! – Mord und Tod wäre vielleicht das Ende dieser unglückseligen Ehe! – Wer weis, ob Dich nicht Raserei zu einem blutigen Entschluss verleitet hätte! – Ich kenne den Grad deiner Leidenschaften und deiner Melankolie. Dank dem Ewigen im Himmel, dass Du weg bist! – Nimm hin tausend Küsse von Deiner
Fanny.
LXX. Brief
An Fanny
Dein lezter Brief traf mich etwas ruhiger. Nimm meinen wärmsten Dank für dein Mitleiden. Noch nie hab ich Dich mit solchem Feuer mein Wohl verteidigen gehört. – Noch nie hast Du Dich unterstanden, als aufgeklärte Philosophin, Pflichten gegen Andere mit der gesunden Vernunft abzuwägen. – Die Liebe zu mir riss Dich hin, die Liebe zu mir lies Dich vergessen, dass kleine Tugend kleines Opfer, und grosse Tugend grosses Opfer fodert. – Was wäre es denn auch gewesen, wenn er ihn zum Krüppel gestossen hätte, diesen elenden Körper, der über kurz oder lang doch zu Staub werden wird? – Seine Mishandlung war doch im grund bloss Uebereilung und Krankheit des Gehirnes. Wäre ich so glücklich nur eine Spure von Besserung in ihm zu entdekken, so müssten tausend solche Mishandlungen nichts gegen meine Geduld sein! – Die ganze Welt sollte mich dann nicht von ihm trennen, die ganze Menschheit nichts über mich vermögen, und alle Leiden meines kranken Körpers würde ich für lauter Andenken ansehen, die mir halfen über mich selbst zu siegen. Tugend ist in wahrhaft tugendhaften Menschen eben so äusserst standhaft, als gross das schwelgende Laster beim Niederträchtigen ist. – Unverdorbene Menschen können unmöglich mit Willen lasterhaft werden, denn die Leidenschaften unterjochen ihre Begierden, aber nicht ihren Willen. Noch hängt mein gutes Herz an dem bedaurungswürdigen Gegenstand der schröklichsten Erinnerung. Noch kann ich mir den Gedanken der süssen Wiedervereinigung nicht aus dem kopf bringen. Was wird er machen? – Wie wird er gerast haben über meine plözliche Entfernung? – Wie wird ihn in einsamen Stunden das Andenken an sein Weibchen ängstigen? – Wie werden beissende Vorwürfe seinen Schlaf stören und sein Leben vergiften! – O du gütiger Gott im Himmel, und an allem dem bin ich Schuld! – Warum verlies ich einen unglücklichen Gatten, den die leidenschaft des Spiels zu Boden drückte, um diese Frazze von einem jugendlichen Gesicht, um diese mürben Knochen zu schonen? – Ha! – Ich bin eine Verworfene! – Eine Pflichtlose! – Eine Nichtswürdige! – Wie konnte ich mich so zur gemeinen Gattung von Weibern herabstimmen? – Wie konnte Rache in meinem Herzen Plaz finden, das bloss der Pflicht offen stehen soll? – Freundin, deine Philosophie mag gut sein, aber sie beruhigt weder mich, noch mein Gewissen! – Lass mich hineilen in die arme meines Gatten, der mir gewiss verzeihen wird! – Handlungen, die nicht aus bösem Herzen kommen, verzeiht man ja so leicht! Auch mein Oheim wünscht unsere Wiedervereinigung. – O Gott! – Wenn das Zurükkehren nur schon überstanden wäre! – Ich schäme mich vor meinem mann zu erscheinen, der jetzt Beweise von meiner wankenden Tugend hat. – Nun habe ich sein Zutrauen verloren, ich arme! – Sieh herab, Vater meines Schiksals, sieh herab auf mich Elende, erfülle meinen feurigsten Wunsch, wieder zu meinen ehemaligen Pflichten zurückkehren zu können! Sünde ist ja nur das, was mit Vorsaz und Bosheit geschieht; und davon weis ich nichts. – Schwachheit ist das Erbteil eines gefühlvollen Herzens; aber Tugend wohnt darin, wenn der Gram es nicht verwildert. O hätte mein Gatte überlegung genug, dränge er mit tiefer Untersuchung in mein Herz, wie glücklich könnte er sein! – Ich fühle mich so ganz Nachsicht gegen seine Fehler, so ganz Guteit gegen sein wildes Wesen, so ganz Sorgfalt für sein Wohl! – Es sollen nicht zwei Tage vergehen, so bin ich wieder bei ihm, diesen Schritt bin ich den Augen der Welt und meiner Pflicht schuldig. Ist es wieder nicht von Dauer, so habe ich mir doch nichts vorzuwerfen, so bin ich doch nicht sträflich. Siehst Du, Freundin, so kämpft der Mensch auf dieser armseligen Erde mit Tugend und Laster, mit Leben und Tod, mit Elend und Glückseligkeit, mit Rechtschaffenheit und Versuchung, bis sie heranrükt die Stunde, wo wir Rechenschaft geben müssen, und wo der barmherzige Richter alles selbst untersucht. Wohl mir, wenn ich einst vor ihm mit reinem Herzen erscheinen kann; wohl mir, wenn er nur Schwachheit und kein Laster