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Schritt, der mir eine schaudervolle Zukunft verspricht! – Er ist geknüpft vor dem Altar der Knoten meines ewigen Kummers! – Und nun höre wie deine Freundin für ihr gutes Herz belohnt wird. – Ungefähr einen monat nach der Zurükkunft meines Mannes, genos ich noch selige, wonnevolle Tage, doch die Täuschung wurde kurz hernach in eine schrökliche Aussicht verwandelt. Ich entdekte in meinem mann den leidenschaftlichsten Spieler, den je die Erde trug! – Er war schon so tief in diesem Laster gesunken, dass er mich in dem zweiten Monate meiner Ehe ganze Nächte durch von ihm verlassen mit der Verzweiflung ringen lies. Ich versuchte alles, um ihn durch Sanftmut davon abzuhalten, anfänglich schien es auf ihn zu wirken, er versprach mir Besserung, aber der Schwache täuschte sich selbst, denn er war wieder auf dem alten Weg, eh er mir nur Zeit lies, neue Kunstgriffe der Zärtlichkeit gegen ihn anzuwenden. Die Gewohnheit des Spiels half ihm zur Verstellung, zur Lüge, er täuschte meine Leichtgläubigkeit mit Unwahrheit, wenn er sein langes Ausbleiben mit nichts anders zu entschuldigen wusste. Er ist kalt, rauh, leichtsinnig, nachlässig in seiner Pflicht durchs Spiel geworden. Er nährt nur den Endzwek des Eigennuzzes, und diesen verfolgt er auf Kosten seiner Ehre und seines guten Namens. Er war von jeher Spieler von Profession; und die niederträchtigen Stifter meiner Ehe, sagten mir es nicht, oder wussten es vielleicht selbst nicht. – Aus Barmherzigkeit, Freundin, gieb mir Rat, gieb mit Auskunft, wie ich mich in dieses Elend finden soll! – Mein Mann herrscht unumschränkt über unser beiderseitiges Vermögen, und ist schon so weit verwildert, dass er mir keinen blick in seine ökonomische Lage erlaubt. Er befriedigte zwar bis jetzt die Bedürfnisse des Hauses, lies es mir an nichts fehlen, aber ist übrigens verschlossen und geheimnisvoll. Ich habe ihn beobachten lassen; er verspielt täglich grosse Summen und gewinnt selten; er hat noch überdies die rasende Sucht an sich, das Spiel zwingen zu wollen, und nichts bringt ihn vom Spieltisch weg, wenn er sichs in den Kopf gesezt hat zu gewinnen. Gott! – Gott! – Wie kann ein fühlender Mensch seine Ruhe, die Liebe seines Weibs, die Glückseligkeit seines Hauses dem eigensinnigen Glück des Spiels entgegensezzen? – Lokkere Gesellen sind sein Umgang, eine Art kalter Sorglosigkeit seine Philosophie, Ekkel an Allem, ausser dem Spiel, scheint seine Seele zu bemeistern. Sein Herz dünkt mich nicht ganz böse, aber seine Grundsäzze sind nicht weit her. Er scheint mich mehr im Taumel seiner Leidenschaften zu vergessen als zu verachten. Seine Liebe sucht nicht die moralische Nahrung in meinem Herzen, die unser Beider Glück ausmachen könnte. Er sieht mehr auf die Befriedigung körperlicher Pflichten bei mir, als auf die Beruhigung meines verstimmten Gemüts. Er hat nicht unbefangenen Geist genug, um in den inneren unglücklichen Zustand meines Herzens zu dringen. Er hält mein sprachloses Leiden für Schüchternheit, meine Tränen für Schwachheit, meine Guteit für Einfalt, mein Nachgeben für Sklaverei, meine Liebe für überspannt. So beurteilt er mich, und so bin ich sein geschöpf, aus dem er machen kann, was er will. Heimliche Raserei hat sich schon oft meiner bemächtigt, oft war ich im Begrif bei Erblikkung der nächsten lebenden Kreatur in lautes Geheul auszubrechen und ein Menschenherz zu suchen, das Anteil an meinen Leiden nähme! Bloss die Schonung unsers beiderseitigen guten Namens hielt mich bis jetzt noch von Entschlüssen ab, die fürchterlich ausfallen könnten! – In vier Wochen kommt mein Oheim von seiner Reise zurück; wie werde ich mein Verbrechen vor ihm entschuldigen können? – Wie werde ich erscheinen, vor einem mann, der Freude an mir zu erleben glaubte? – Wie werde ich beben, ihm das geständnis meiner übel getroffenen Ehe zu entdekken! – Wie grässlich wird mein selbstgewähltes schicksal seine Vorwürfe erschweren! – Er wird mich von sich stossen, er wird mich meinem Gram überlassen! – Ich werde erliegen unter der Last meines Elends! – O Freundin! – MitleidenMitleiden mit deiner äusserst schwermütigen

Amalie.

LXVI. Brief

An Amalie

Du hast mich, meine Liebe, während dieser vier Monaten manche Träne vergiessen machen! – Nichts ist quälender, als Ungewisheit über den Zustand einer Freundin, die man so liebt, wie ich Dich liebe. – Oft nahm ich mir vor, Dir zu schreiben, aber doch wagt ich es nicht, weil ich eine Ahndung im Herzen fühlte, die mich zurückschrökte! – Wer weis, in welcher Lage sie lebt? – Wer weis, ob sie Briefe ohne aufsehen empfangen kann? – Wer weis, ob sie ihrem Gatten diese geheime und offenherzige Korrespondenz anvertraut hat? – So, und dergleichen sagt ich mir wohl tausenderlei vor, bis endlich dein Brief kam, der mich bis zum unbegreiflichsten Gefühl beugte! – über jedes andere Laster, das dein Gatte an sich haben möchte, wäre ich nicht so erschrokken, als über seine Spielsucht, denn diese ist das entsezlichste unter allen! – Ein Spieler vergisst Gott, natur und Menschen! – Jedes Laster der Männer kann gesättigt werden, wenn ein vernünftiges Weib den Zeitpunkt zu nuzzen weis, wo die Leidenschaften den Mann zum kind machen. Aber Spielsucht ist ohne Sättigung, ist beinahe untilgbar aus dem Herzen eines Mannes, der das Spiel zur Hauptleidenschaft werden lies. Der Wollüstling kehrt zurück, wenn die Nachsicht seines Weibs ihn zur überlegung zwingt, wenn er einzusehen anfängt, dass er das