zärtliche Freundin
Fanny.
LXIII. Brief
An Fanny
Von tiefem Schmerz angeschwollen ist mein Herz über die Streiche meines grausamen Schiksals! – Sie ist hin, meine innig geliebte Schwester, sie ist tot! – Der Gram hat sie geopfert! – Sie haben ihren Zwek erreicht, die Mörder ihres Lebens! – Sie haben sie so lange gequält, gemartert, gepeinigt, bis der schwache Körper mürbe war zum grab, das man ihr vorsezlich grub! – – Menschen-Grausamkeit geht über allen Ausdruk, denn sie ist so manchfaltig, und hat so viele heimliche Triebfedern zu ihrer Ausübung. – Ich glaube, dass der Richter einst nichts so unbarmherzig strafen wird, als die Tränen, die man seinem Nebenmenschen abpresst. – Wenigstens scheint in der natur nichts sträflicheres, als dieses! – Und doch richten sich die Menschen untereinander lachend zu grund! – Also habe ich denn jetzt Alles mit dieser einzigen Schwester verloren, was meinem Herzen teuer war? – Nun so bin ich denn hingeworfen, in die weite, für mich trostlose Schöpfung! – Vater, Mutter, Schwester, alles ruht in der unendlichen Ewigkeit! – Sie haben mich zurückgelassen, die Grausamen, in einer Welt, wo vielleicht keine Seele mehr mein Herz zu schäzzen weis. In einer Welt, wo ich, ohne von den Banden des Bluts gefesselt zu sein, verlassen herumirre. – Nichts werde ich diesen Teuren mehr mitteilen können, jede Last muss ich jetzt allein tragen! – Zutrauen, Mitteilung, Linderung im Kummer, in welchem Menschenherz werde ich euch wieder finden? – Wenn mein Gatte mein unendlich fühlbares Herz verkennte, wenn er mit Leichtsinn darüber hinweghüpfte? – Wenn ihm die Feinheit meiner Empfindungen unbegreiflich wäre? – Wenn ich mich irren sollte in seinem charakter? – O Tod! – Tod! – wie willkommen wärst du mir dann! – Noch ist er nicht zurück, dieser einzige Mann in der natur, auf dem mein Wohl oder mein Elend beruht. – Er schrieb mir, dass er meine Schwester mitten im hizzigen Fieber angetroffen hätte, dass ihr erster und lezter laut mein Namen gewesen wäre, dass es ihn fast vor Wehmut erstikt hätte, diese Unschuld, diese Jugend am rand des Grabes zu finden! – Dass die Nonnen die Ursache ihrer Krankheit läugneten, und dass der Vormund mehr als jemals den Heuchler spielte. Mit Engelssanftmut starb diese Dulderin der Menschenbosheit! – Mit inniger Seelengüte drückte sie meinen Mann, statt meiner, an ihre sterbenden Lippen. – Mit der heiligsten Wahrheit einer Sterbenden beschwor sie ihn, mir Alles zu werden, was zu meinem Trost gereichen könnte! – Und so, meine Fanny, flog ihr Geist in die arme ihres Erlösers. Ewig wird mir diese einzige geliebte Schwester unvergesslich bleiben! – Ich liebte sie eben so leidenschaftlich, wie ich überhaupt ohne Unterschied des Geschlechts zu lieben pflege. Denn meine Liebe ruht in der Güte des Herzens und nicht in der Wollust. Mit brennender sehnsucht, mit marternder Ungeduld, kann ich den Tag kaum erwarten, wo mein Gatte zurückkehren wird. – Er wird mein Vermögen mitbringen, und wie glücklich bin ich, dass ich dadurch das seinige vergrössern kann! – Bis jetzt hab ich aus Verwirrung der Umstände nicht im geringsten Einsicht in seine ökonomische Lage bekommen. Wenn er ein Betrüger sein wollte, er könnte sein Vermögen ganz verschwenden, ohne dass ich den geringsten Anspruch darauf machen könnte, denn ich habe mich in der rasenden Angst bloss an seine Ehrlichkeit verheiratet. – Glaube mir, Fanny, der Mensch gehört in gewissen entscheidenden Augenblikken nicht sich selbst zu. Ist meine Heirat nicht ein Beweis davon? – Die leidenschaft des Mitleidens bemächtigte sich meiner, und die kalte überlegung bei einem so gewagten Schritt kam da zu spät, wo die Schwesterliebe so mächtig sprach! – Ich habe gelernt das Elend Anderer tiefer zu fühlen als das meinige. Ich habe ein Herz, das nur dann zufrieden ist, wenn Andere es auch sind, Nächstenliebe war mir von Jugend an heilig und feurig ins Herz geschrieben, und wenn es etwa eine Strohseele gelüsten sollte, meine Handlung für übertrieben anzusehen, die will ich auf das Gesez Gottes zurückweisen, das uns laut zuruft; Liebe deinen nächsten wie dich selbst! – Und wer war mir näher als meine Schwester? – Wen liebte ich dazumal feuriger als meine teure Louise? – O du holder verklärter Schatten blikke zuweilen herab mit Mitleiden auf deine hinterlassene Amalie! – Sei mein Schuzgeist im Leiden, meine Führerin auf den felsigten Wegen der gefährlichen Welt! – Deine Unschuld sei meine Fürsprecherin vor dem Trone des Allmächtigen! – Deine Tugend meine Begleiterin, und dein Andenken halte mein Herz der Rechtschaffenheit offen. Traurig ohne Dich werden meine Tage dahinschleichen; aber die hoffnung, Dich einst dort wieder zu sehen, wird mir Stärke und Mut verleihen. Die Tränen, die ich jetzt während dieses briefes weine, seien deiner Liebe geweiht, die Du mir in deinem lezten Atemzug noch zuhauchtest. – Liebste, besste Fanny! – Schreibe es meiner Lage zu, wenn ich deine Seele mit Bildern der finstern Schwertnut anfülle. Wer sollte nicht darüber nachdenken and empfinden? – wenn eben diese Lage mein Herz von allen Seiten angreift! – Hab Geduld, habe Nachsicht mit deiner unendlich leidenden
Amalie.
LXIV. Brief
An Amalie
Liebe, gute Amalie! – Die neue Wunde, die Dir wieder dein schicksal schlug, muss tief in dein Herz gedrungen sein! – Aber ist es nicht der