und doch zitterte ich vor dem anblick dieser Schwestern der Fühllosigkeit. – Bang, wie ein entspringendes Reh, irrte ich im finstern Garten herum. Mein Freund Mond hatte sich verhüllt, um meinen Frevel zu bedekken, den ich aus Schwesterliebe beging. Bald sah ich vor meinen Augen den durch mich gekränkten Oheim, bald den funkelnden Zorn der beleidigten Nonnen, die mir mit Bigottengrausamkeit nachfluchten, sobald sie meine Flucht entdekten. – Mit Seelenangst erwartete ich jede Minute meinen Liebhaber! – Fürchterlich, bis zum Entsezzen tobte der Gedanke der Ungewisheit in meinem Busen. – Wenn er dich nicht heiratet! – Wenn er dich bloss entführt und entehrt! – fuhr mir dann bei seinem langen Ausbleiben donnernd durch den Kopf! – Schon hob ich den Fuss um ins Zimmer zurückzukehren, wo das Andenken meines Vergehens unauslöschlich eingeprägt bleiben wird. – Aber eine heilige sympatetische Macht hielt mich zurück. Ich sah meine Schwester mir wieder leibhaft nachschleichen; ich fühlte gleichsam wie sie mich am Rokke festielt; ich sah sie ihre hände ringen; ich hörte ihr dumpfes Aechzen; sie bat mich um die letzte schwesterliche Umarmung; ich haschte nach ihr mit leidenschaftlicher Phantasie, als auf einmal der Wurf eines Steines meinen Sinnen wieder Richtung gab! – Ich eilte schnell dem Orte zu, da dieses Zeichen gegeben worden – sank ohnmächtig.... wohin? – in die arme meines Geliebten! – Mein Herz schlug heftig an seinem Busen; ich bat ihn um Schonung und um Rettung meiner Schwester! – Kampf, Furcht, weniges Zutrauen durchkreuzten meine Seele. – Ich hatte leichte Kleider an, war ohne Schuhe, und der Morgentau überfiel mich mit einer fieberhaften Kälte. – Meinem Liebhaber war für meine Gesundheit bange; er schwur mir vor Gott, noch eh der Tag anbräche mein Gatte zu werden! – So liess ich mich fortschleppen, um das unauflösliche Band des Ehestandes zu knüpfen. Er hielt auch Wort; denn ehe zwo Stunden vergingen, waren wir vermählt. – Berauscht von Liebe und Wollust, taumelten wir einige Stunden fort! – Doch gränzte mein Entzükken mehr an Wehmut, als an das gewöhnliche Entzükken junger Eheleute! – Mein Gatte machte sich Tages darauf fertig zur Reise nach dem Kloster, wo meine Schwester mit Angst seiner wartete. Er hatte den Entschluss gefasst, sie gutwillig oder mit Gewalt den Händen der Grausamkeit zu entreissen. – Jede Stunde erwarte ich Briefe von ihm, und schröklich ängstlich sehne ich nach der Entwiklung dieses traurigen Romans! – Teure! – Bleib doch meine Freundin, meine Vertraute im Kummer! Solltest Du in meiner Handlung Schwachheit entdekken, so ahnde sie mit Nachsicht; denn sie kommt gewiss aus dem bessten Herzen
Deiner Amalie.
LXII. Brief
An Amalie
Mädchen, Du lässt mich Dinge erleben, die mein Herz angreifen! – So wirst du denn immer und ewig fortbrausen im Wirbel deiner hizzigen Leidenschaften? – Ich möchte die Klosterweiber bei den Köpfen kriegen, dass sie Dir die Ausführung einer Handlung versagten, die deinem guten Herzen Pflicht war! – Warum hast Du ihn aber auch gewählt, diesen Aufentalt der eigensinnigen Bosheit? – Ich wusste es schon vorher recht gut, dass dein Temperament durchaus keinen Widerspruch dulden würde – und besonders da nicht, wo natur, Teilnahme und Rechtschaffenheit Dich zur Rettung auffoderten. Ewiges Weh über die Nichtswürdigen, wenn dein übereilter Schritt übel ausschlägt! – Gutes unbegreifliches geschöpf! – Aus Guterzigkeit opferst Du Dich selbsten auf, um deine Schwester zu retten. Aus Guterzigkeit wagst Du Ehre, guten Namen und vielleicht die ganze Ruhe deines Lebens! – Wer kann so ein Herz begreifen? – Wer kann es bezahlen? – Wer kann ihm an Güte gleichkommen? – Es ist wahr, der Brief deiner Schwester dringt bis ins Innerste! – Aber Freundin! – Freundin! – Wie kühn und männlich wagtest Du es, aus einem Kloster zu entspringen, da unbeschreibliche Schande dein los gewesen wäre, wenn man Dich eingeholt hätte! – Du bist rasch in deinen Unternehmungen, Du bist standhaft in deinen Entschlüssen, Du bist fürchterlich in deinem Zorne, wenn man ihn reizt! – Darf ich es sagen, ohne Dich zu beleidigen? Du besizzest grosse Tugenden, hast aber auch zugleich Anlage zu grossen Ausschweifungen. Bloss dein Herz bürgt mir dafür, dass die lezteren nie zum Ausbruch kommen werden, wenn es so geführt wird, wie ich es wünsche. Also jetzt, liebes Malchen, bist Du in den Armen deines Gatten, ruhst unter dem Schuzze Dessen, der dir Alles sein muss? – Amalie! – Darf ich Dich wohl mit wenigen Worten um Nachsicht, um Sanftmut, um die strengste Erfüllung deiner Pflichten gegen ihn bitten? – Erwarte in deinem Mann bloss den Menschen mit allen seinen anklebenden Gebrechen, und Du wirst Dich dadurch weniger selbst täuschen, Du wirst Geduld mit seinen Fehlern haben. Die Männer sind oft launigt, mürrisch und roh. Fasse Dich auf alles, liebes Kind, dann wirst Du jeder seiner Leidenschaften mit Vernunft begegnen. – Wenn dein Mann seine Pflichten erfüllt, so bist Du ihm die der deinigen doppelt schuldig – als Gattin und als dankbare Freundin. – Und wirst Du endlich einst Mutter, o dann teile mir deine Freude mit, lass mich sie mitempfinden diese reizende hoffnung deines verjüngten Ebenbildes. – Gerne würde ich mich heute länger mit Dir unterhalten, aber die Krankheit meiner Mutter hält mich davon ab. – Lebe ruhig – glücklich – und mir hold. – Das wünscht deine ewig