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einer schlaflosen Nacht, sind meistens bittere Tränen mein erstes Frühstük. Fanny! – Fanny! – Was wird es noch werden mit deiner armen Amalie? – Wie werde ich mich herausreissen aus diesem neuen Auftritt meines unglückseligen Lebens? – Alles stürmt wieder mit neuen Kräften auf mich los! – Mein Oheim in K*** ist mit seinem Fürsten auf sechs Monate in entfernte Länder verreisst, und kommt zu meiner Schwester Verderben zu spät zurück. – Er befahl mir in meinem jezigen Aufentalt bis zu seiner Zurükkunft ruhig zu harren. Noch will er nicht zu meiner Verheiratung seine Einwilligung geben, und mein Freier dringt jetzt mehr als jemals auf meine Entscheidung. Seine Klagen über Ungewisheit zerreissen mein Herz! – Es ist mir unmöglich, jemanden um meinetwillen leiden zu sehen! Er war vor einigen Tagen heimlich hier, und jammerte so fürchterlich, dass mein banges Herz darüber laut pochte! – Ich bin äusserst traurig über seinen Zustand; seine leidenschaft erwekt in mir jene taumelnde Unruhe, die so oft an Liebe gränzt. – Ich fühle, dass ich ihm mehr, als bloss gut bin.... Die Entfernung von andern Männern, sein eifriges Bestreben, sein weiches Herz, die hoffnung, dass ich durch diese Verbindung meine unglückliche Schwester retten könnte; o diese hoffnung ist es, die einen Wunsch in mir nährt, den ich mir kaum einzugestehen traue. – Ich will ihn zum Vertrauten meiner Leiden machen, diesen rechtschaffenen Mann, ich will ihn bitten, sich meiner Schwester anzunehmen, und er wird es tun. – Dann meine Liebe, dann gebe ich ihm zum Lohne meine Hand. – Frau von D*** schreibt mir, dass ich die hoffnung dieses jungen Mannes nicht länger martern sollte. Sie schreibt, dass er seit unserer lezten Zusammenkunft weit unglücklicher herum irre als vorher. Dass er zum Spotte der Menschen, wie ein bleicher Schatten herumschleiche, und dass sie es mir auf mein Gewissen gäbe, wenn ich die Verbindung nur noch um einen monat verzögerte. – Aber um Gotteswillen, die Frau muss nicht wissen, dass mein Oheim abwesend ist, und dass mir seine Befehle heilig sind! – Sie muss nicht wissen, dass ich keinen Schritt aus dem Kloster wagen darf, der meine Ehre, meinen guten Namen, und das Zutrauen meines Oheims enteiligen würde! – Warum will mich denn die Frau zu einem Verbrechen zwingen, um die schmachtende leidenschaft eines Mannes zu befriedigen, der mein Mitleid, meine Liebe ohnehin schon hat? – Die Frau hat für diesen Mann viel gutes Herz; sie hat alles angewandt, meine Eitelkeit für ihn in Gährung zu bringen. Sie schilderte mir ihn so reizend, als es ihr nur möglich war. Sie schreibt, dass er wirklich wieder in Kriegsdienste getretten wäre, und dass er mir in der niedlichen Uniform gewiss mehr als vorher gefallen würde. Das ist wohl eine böse Frau von D***! Nicht wahr, Fanny? –

Amalie.

LIX. Brief

An Amalie

Liebstes, besstes Malchen! – Ich bin Dir zwo Antworten schuldig. Aber Du sollst sie heute reichlich ersezt bekommen. Also zum Voraus zu deinem erstern Briefe, in welchem Du mir so treffende Klosterschilderungen lieferst: Du bist glücklich, dass Du nicht unter die Klasse von armen Nonnen gehörst. Menschen, die sich mit gesundem Körper begraben! – Menschen, die es wagen, aus Eigendünkel der Schöpfung zu widersprechen! – Menschen, die aus Fantasterei ihren Leib kasteien, und dabei ihre Seele zu grund richten! – Menschen, die dem Ewigen freventlich ins Richteramt greifen! – Kurz, arme, bedaurungswürdige Menschen, die blind nach Fesseln, nach ewiger Unzufriedenheit haschen! Möchte es doch jedem Monarchen einfallen, Bande zu lösen, die unmöglich zur Seligkeit dienen können. Möchten die Grossen der Erde mit forschendem blick hineinschleichen in die von Tränen der Unzufriedenen feuchten Mauern des Klosterkerkers! – Möchten sie fühlen, möchten sie hören, wie der wütende Gram so vieler Nonnen laut wimmert! – O dass eine milde Hand diese nach Freiheit seufzenden Mädchen trösten und retten möchte! – O, dass diese Hand rächen möchte die misbrauchten Rechte der natur! – Dies, meine Teuerste, sind gewiss die wärmsten Wünsche meines inneren! – Was nun die Erziehung anbelangt, die in Klöstern gegeben wird, so ist es leicht zu begreifen, dass sie die Kinder mehr verderbt, als bessert, Weiber, die aus Vorurteil sich untereinander selbst martern, können unmöglich gute Menschen bilden. Das leidige Vorurteil ist das Grab der Vernunft, der Tod der Tugend und des guten Herzens. Man muss hell sehen, selbst empfinden und viel denken, wenn man Kinder erziehen will. – Es erfodert den schärfsten blick, die reifste überlegung und die richtigsten Kenntnisse der menschlichen Leidenschaften, die in jedem kind verschieden wirken. Besonders sollten die Nonnen einen mitleidigen, nachsichtsvollen blick mehr auf mannbare Mädchen werfen, bei denen sich der erste und heftigste Trieb der Liebe zu melden pflegt. Sie sollten sich dieser jungen Mädchen Zutrauen zu erwerben suchen; dies wäre der einzige Weg, sie durch eben diesen Trieb der Liebe sanft zu ihrer Pflicht zu führen. Aber wie roh, wie unmenschlich, wie strenge werden von den Nonnen eben diese armen Mädchen behandelt. Man bewacht ihre Handlungen, aber nicht ihre Begierden, man droht ihren Leidenschaften, und macht die Liebe zum Eigensinn ausarten, man kerkert sie ein, und zeigt ihnen dadurch den Weg zu heimlichen, frechen Zusammenkünften. Die Nacht muss alsdann die Stelle des Tages vertretten,