, mitgegeben. Kaum waren wir in M***, als dieser Bote des Lasters mir ein Billet folgenden Innhalts von seinem Herrn zustellte: "Madememoiselle! Sie haben sich durch ihre wenige Verträglichkeit ihres hiesigen Aufentaltes unwürdig gemacht. Wenn man nicht viel Vermögen hat, muss man sich in alle Menschen schikken können. Schreiben Sie sich nun alle Folgen selbst zu. Sie sind jung, schön, gesund und wizzig; suchen Sie nun ihr Glück in der grossen Welt. – Das Versprechen, das ich Ihrem Oheim tat, war willkührlich, und folglich in meiner Gewalt es aufzuheben. Wenn Sie Ihren eignen Vorteil verstehen, so werden Sie in dem haus Ihres jezzigen Aufentalts so lange schweigen, bis sich Ihnen einige Aussichten öffnen, damit Sie nicht zu frühzeitig das Recht der Gastfreiheit verscherzen. Der Bediente hat Ordre unter einem politischen Vorwand zurückzukehren, und von ihm werden Sie auch ihre wenigen Kleidungsstükke zu Ihrem Gebrauche erhalten. Ich wünsche, dass Ihr Köpfchen geschmeidiger werde, und mehr können Sie doch wahrhaftig nicht von mir fordern."
Ihr ergebner Diener
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Ha! – Fanny! – Ich glaubte zu versinken, als ich diese Beweise der marmorherzigen Grausamkeit las! – Ich warf mich wie unsinnig aufs Bett! – Ich fühlte die Trostlosigkeit eines Fremdlings, der, wie ein überflüssiges Mitglied, von keinem Menschen geschäzt und geliebt, freudenlos in der natur herumwandelt! Meine Börse war so schlecht bestellt, dass sie mir für keinen monat Unterhalt bürgte. Unentschlossen der Dame vom Haus etwas zu entdekken, mistrauisch gegen ihren Mann, niedergebeugt und schüchtern gegen das junge fräulein, verlebte ich zwei schrökliche Tage. – Meine Schwermut lag mit hellen Zügen auf meiner Stirne; Tränen glänzten in meinen Augen, so oft man mich um die Ursache dieser Schwermut fragte. Die Verstellung, die Unterdrükkung meines Kummers presste meine Seele zusammen, mein Kampf machte aufsehen, und die Dame drang in mich. – Antworten konnte ich durchaus von Anfang nicht, denn die Wehmut erstikte mich beinahe. Ich gab ihr das empfangene Billet und harrte zitternd auf ihren Entschluss. Zu allem Glück beruhigte mich diese Mendass dieser Vorfall ihrem Gemahl noch ein Geheimnis bleiben müsste, bis sie die Entscheidung meines Schiksals von meinem Oheim, dem sie den ganzen Vorfall berichten wollte, erhielte. – Das fräulein, die bei dieser Unterredung zugegen war, brausste feurig auf über die schlechte Behandlung eines Verwandten, eines Geistlichen. Mit dem heftigsten Feuer der beleidigten Freundschaft eilte sie zur Feder, und schrieb diesem Unmenschen einen sehr beissenden, empfindlichen Brief. – Sie lies ihn alle die Verachtung fühlen, die er verdiente. So harre ich ungewis und bange, bis zu ferneren Nachrichten von meinem Oheim. gewiss, meine Liebe, nichts ist quälender, als wenn man es weis, wenn man es fühlt, dass man der Menschenhülfe bedarf. Ich sass oft mit marternder Furcht bei Tische, wagte es kaum, das Bischen Gastfreiheit zu geniessen, weil ich alle Minuten ahndete, dass der Herr des Hauses meine Lage erfahren und mich für einen überflüssigen Gast ansehen könnte. Er war ohnehin kalt und mürrisch gegen mich, und das blosse Wiedervergeltungsrecht für die bei dem Pfarrer genossenen Höflichkeiten hielten diesen Mann noch in den Schranken des Wohlstandes. Auf diese Art, meine Freundin, ist deine arme Amalie für diesmal in den Händen des Ungefährs. Ob es mich nun in Abgrund hinschleudert oder nicht..... das sollst Du bald hören von deiner unglücklichen
Amalie.
LI. Brief
An Amalie
Ich würde lügen, meine Teure, wenn ich diese schändliche Entehrung der Menschheit kaltblütig übergehen könnte! Ha! – Religion! – Ha! – Tugend! – Ha! – Menschlichkeit! – Was ist aus euch geworden? – So seid ihr denn von einem Strafbaren auf einmal heruntergewürdigt, der nicht einmal den Schein seiner Würde zu behaupten wusste. So hat er es denn ohne Bedenken gewagt, dieser Elende, deine Jugend, deine Schwachheit dem Laster und seinen Lokkungen entgegen zu stossen? – Mir steht vor Kummer der Verstand stille, wenn ich das Getümmel der grossen Welt überdenke, dem er Dich ohne Rüksicht, ohne Mitleid, ohne Gewissensangst, ohne Vorwurf blosgab! – Mit Abscheu ist meine Seele für so ein Andenken angefüllt! – Und ein Priester wagte es, die Unschuld den Verführungen des Lasters zu opfern? – Wo soll die Tugend Trost finden, wenn er ihr von den Dienern der himmlischen Moral versagt wird? – Ist so ein Aergerniss nicht tausendmal mehr Sünde, als das strafbarste Laster, das doch wenigstens vor den Augen der Welt verborgen bleibt! Wenn Nächstenliebe in so einem Mann ihren Wohnsiz nicht hat, wo soll man sie denn finden? – So hat denn die Unschuld keinen Retter, die Tugend und Menschheit keine stimme mehr? – Kein Vieh lässt sein Junges verhungern, und Menschen begegnen sich einander so fühllos? – Menschen, die durch die Vernunft ihre Pflichten kennen, mit dem Mund vor den Augen Gottes Wahrheit schwören, und dabei eine garstige, rachsüchtige Seele im Busen tragen! – Ich bin hingerissen vom Gefühl der äussersten Traurigkeit, über die Bosheit, die in dem Herzen der Menschen sich heimlich einnistet. Es ist ein trostloser Gedanke für den Guten, wenn er seinen Nebenmenschen bis in Staub der Niederträchtigkeit gesunken neben sich erblikt. In welchem Sturm der zerrütteten Leidenschaften mag dieser harte Mann wohl das für dich drükkende Billet geschrieben haben? – Verblendung für jene Dirne muss ihn hingerissen haben, sonst wäre es unmöglich, dass er mit einem