– Sie nährt in ihrem Busen eine zehrende Schwermut, und das Mitleid ihrer Mutter brachte sie auf den Einfall, mich zur tröstenden Gesellschaft auf einige Zeit vom Pfarrer auszubitten. Noch hat er ihr es nicht zugesagt. Wenn es diese Dame dahinbringt, so warten auf mich in der grossen lebhaften Stadt M*** einige Tage Erholung für ein Jahr voll ausgestandner Leiden. – Schon vor einigen Wochen drang der eifersüchtige Vater meiner Freundin auf die Abreise, aber die vernünftige Gattin wusste es mit Anstand zu verhindern, denn seiter ist sie noch immer mit Entwürfen beschäftigt, die jungen Leute zu verbinden und ihre Tochter den Augen des sträflichen Stiefvaters zu entziehen. – Eben dieser Mann ist gar mein Freund nicht, weil ihn das Vertrauen seiner Tochter zu mir ärgert. – Er blikt mit einem gewissen kalten Stolz auf mich herab. Er ist der Busenfreund des Pfarrers, weil gleiche Grundsäzze, gleiche Laster die Harmonie ihres Umgangs befestigen. Man begegnet mir in diesem haus jetzt schröklich erniedrigend; es scheint, als ob man mir mit jedem blick die wenigen Wohltaten vorwerfen wollte, die man mich so aus ungefährer Barmherzigkeit geniessen lässt. – So ist denn überall die Tugend den wütenden Fusstritten des Lasters ausgesezt! – Wird sie denn so fortdauern diese feste, aneinanderhängende Kette von unendlichen Verfolgungen? – Bei Gott! – Es ist unbegreiflich, dass ich rastlos und ohne Aufhören, wo ich nur hinkomme, Menschen finde, die mich durch und durch peinigen und verfolgen! Dieses hartnäkkige, unleidentliche schicksal muss mit mir zur Welt gekommen sein, sonst könnte es mich nicht so grässlich anhaltend verfolgen! Manchem würden diese schnell aufeinander folgende Unglücksfälle unbegreiflich scheinen, und doch sind es lautere, reine Wahrheiten. Wer kann in das unendliche Kaos der Schiksale hineindringen? – Wer kann es fassen, dass eine Waise von der ganzen natur gehasst wird? – Wem wird es glaublich scheinen, dass die Jugend eines elternlosen Mädchens der Tirann ihrer Ruhe ist? – Will so ein Mädchen der stimme ihrer rechtschaffenen Erziehung folgen, will sie, ohne ins Abenteuerliche zu verfallen, ihr Herz rein behalten, was für Stürmen ist sie da nicht ausgesezt? – Es gibt ja der Niederträchtigen so viele, die auf die Verfolgung einer schwachen, wehrlosen Waise ein Recht der Unverschämteit zu haben glauben. – Die Menschen sind fast alle verdorben, und nach dem Sturze desjenigen lüstern, der sich durch seine Unschuld auszeichnet. Wenn der ewige Vater nicht über mich wacht, so weis der Himmel was in der Zukunft noch aus mir wird. – Wer bürgt mir für Standhaftigkeit in gränzenlosen Verfolgungen, in unbeschreiblichen Lagen? – Romanenheldinnen doch nicht? – Die Menschheit bleibt Menschheit, und der Gebeugte unterliegt oft da am ersten, wo er sich sicher glaubt. Ich habe bisher alle Gründe der Moral streng zu meiner Beruhigung hervorgesucht, ich habe mich fest an sie gekettet, ich habe jede Lage wohl überdacht; aber wer steht mir bei drohendem Mangel für die Zukunft? – Mein Oheim ist gütig, aber nicht reich; meine Schwester lebt von meinen Zinsen, die gerade für sie hinlänglich sind; durch Händearbeit zu leben, dazu brauchts überlegung, Geld um sich dazu einzurichten, und hinlängliche Kunst sich mit Prahlerei zu empfehlen. Du kennst meine Schüchternheit, Freundin, besonders da sich bei so einem Gewerbe eine gewisse Art Schamhaftigkeit bei mir einschleicht. Ich bin nicht dazu geboren; nur das schicksal würde mich dazu erniedrigen. Zwar tausendmal besser als lasterhaft werden, aber doch immer ein schwerer Kampf für die Eitelkeit eines Mädchens von gutem haus. Wahrlich, meine Teure, ich würde noch einen solchen Brief anfüllen, wenn ich Dir die Gedanken über mein künftiges schicksal ganz hersagen sollte, wie sie in meinem Kopf herumirren. Nahrungssorge ist eine schrökliche Sache für ein denkendes Mädchen! Du wirst so gut sein und mir nicht eher schreiben, als bis Du wieder einen Brief von mir erhältst. Ich möchte etwa während dieser Zeit abreisen und der Brief in unrechte hände kommen. Lebe wohl!
Deine Amalie.
L. Brief
An Fanny
Wie wirst Du aufspringen vor Wut, meine Fanny! wenn Du hören wirst, was seiter mir begegnete! – Die unbarmherzigste, grässlichste Handlung ist nun an mir vollendet! – Von jenem geistlichen Vetter vollendet, der mich aus Rache verstossen, hülflos, ohne Geld, der Verführung, dem Elend und der grossen Welt Preis gab! – Schröklich wird der Richter einst von ihm Rechenschaft fodern für eine junge Seele, die er auf eine so niederträchtige, schlechte Art in die Welt hineinstiess. – Die Verzweiflung mag nun aus mir machen, was sie will, so geht es auf Rechnung dieses Ungeheuers, der mich gewissenlos und heuchlerisch von sich entfernte. Er hat die Pflichten der Menschheit leichtsinnig zerrissen, er ist meineidig geworden an meinem Oheim, er hat an Gott und an mir ein Verbrechen begangen, das man nur bei Barbaren und nicht unter gesalbten Christen suchen würde. Sein Groll, die Anstiftung seiner Haushälterin, die gute gelegenheit mich mit einer schiklichen Ausrede vom Halse zu bringen, alles half dazu, seine giftigen Anschläge zu erfüllen. – Sie waren gut ausgesonnen, diese Schlingen der überdachten Bosheit. Man lies mich ruhig und ohne dass ich je diese Falschheit hätte merken können, mit der Dame und ihrer Familie nach M*** abreisen. Wir alle argwohnten nichts, sassen zufrieden beisammen im Wagen, und vollendeten in zwei Tagen unsere kleine Reise. Ein feiler Schurke von Bedienten wurde mir unter dem Vorwand, dass er mich bedienen sollte