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Gemüter als der Tugend zu verdanken hat. – Meine Sinnen habe ich so ziemlich durchs Denken in Ordnung gebracht, und wenn mich Liebe einst nicht überrascht, dann glaube ich schwerlich, dass es andere Wege dahin bringen werden. Es ist übrigens ein trauriges schicksal um dasjenige eines Mädchens, der die natur keine Glücksgüter zuwarf. Armut ist fast immer das Grab der Unschuld, und ein armes Mädchen muss äusserst aufmerksam die lokkenden Wünsche zum Wohlleben aus ihrem Herzen zu verbannen suchen, wenn ihre Entaltsamkeit nicht wanken soll. Gestern erhielt ich einen Brief von meiner lieben Schwester: Der Vormund hat sie ins Kloster gestekt, wo sie zwar ordentlich bedient wird, aber wenig Hoffnung zur Bildung ihres Geistes haben kann. Sie beschreibt mir mit sehr naiven Zügen die steife Erziehungsart der Nonnen, und bittet, ich möchte sie so bald als möglich aus diesem haus der Sklaverei erretten. Bitter nagt der Gedanke der Unmöglichkeit an meinem Herzen. Mit der feurigsten Wollust würde ich es tun, wenn es in meiner Gewalt stünde. Wenn ich mich je einst zu einer Heirat entschliesse, geschieht es bloss um den Schuz dieses Mädchens auszumachen. Nun, meine Besste, schreibe mir bald, deine Briefe sind für mich alles, was man Entzükken in den Stunden der trüben Einsamkeit nennt. – Lebe wohl bis dortin! Das wünscht Dir dein trautes

Malchen.

XLVIII. Brief

An Amalie

Schon wieder, meine gütige, nachsichtsvolle Freundin, lies ich zwei Briefe von Dir zusammenkommen; aber da Du meine Familiengeschäften kennst, so wirst Du mir es gewiss nicht übel deuten. Dein schicksal, liebes Malchen, hasst Dich entsezlich, dass Du immerfort auf unrechte Menschen stössest, gerade als ob alle bloss auf Dich lauerten, nur um Dich zu kränken und zu martern. – Du hast Dich indessen unverbesserlich in einer Lage gezeigt, wo jedes Mädchen vielleicht gestrauchelt hätte. Bleib standhaft, meine Freundin, der Tag der Rettung ist vielleicht nicht mehr ferne. – Mit Abscheu durchdrang mich die Schilderung jenes Mannes, der deinem Oheim hoch und teuer versprach Vaterstelle an Dir zu vertretten; – jenes Mannes, der mit der heiligsten Würde seine Begierden nicht zu bemeistern weis; jenes Mannes, der mit seinem grauen kopf auch graue Leidenschaften in sich nährt. Glaube mir, meine Liebe, wenn sich die katolischen Geistlichen begatten dürften, so gerieten sie auch minder auf Abwege. Die natur ist eine mächtige Bestürmerin des menschlichen Herzens und wenig Menschen sind ihrer Triebe mächtig. Ich begreife nicht, warum man in dem Menschen durch Gesezze Empfindungen erstikken will, die dem Schöpfer und seiner Macht Ehre machen. Der Mensch ist ein Tier, dessen Willen der Vernunft untergeordnet ist, er hat durch diesen Willen seine tierischen Triebe einzuschränken, zu verfeinern gelernt, aber aus dem Körper ganz vertilgt sind sie darum nicht, diese Triebe der schwachen Menschheit; – und eben darum verdienen die Menschen, die man zwingt den Keim der gährenden Menschheit zu unterdrükken, mein wahrhaftes Mitleid. – Nur müssen Geistliche von gewissem Alter, wie dein Verführer ist, nicht darunter gerechnet werden, denn da sind es nicht mehr Wallungen der hinreissenden Jugend, es sind Ueberbleibsel der sich angewöhnten Wollust. – Du hast vollkommen Recht, Dich so gegen diesen Mann zu betragen, wie es deine Grundsäzze erlauben. – Die Tugend verdient erst alsdann eine Krone, wenn sie von der Vernunft einen strengen und wichtigen Sieg erhält. Die Beschreibung deines Hoflebens war lebhaft. Am hof findet man freilich das meiste Verderbnis. – Häufig eilen da die Herzen der Fäulnis zu, die Vernunft wird durch das Geräusch verjagt, die überlegung vom Taumel übertäubt, und die Sitten durch das Beispiel vergiftet. Kaltblütig lernen da die Menschen lügen, der Leichtsinn ist die herrschende Triebfeder, Galanterie die Sprache der Gewohnheit, und so weicht das Menschengefühl für Wohlwollen und Tugend aus dem Herzen eines Höflings. Mistrauen wird einem jeden Höfling zur Regel, weil er selbst schwarze Falschheit im Busen trägt, und eben darum fürchtet er diese Falschheit mit so vieler überzeugung an Andern. Wenn dann unter diese Menschen hinein ein unverdorbnes Herz gerät, so wird es von ihnen gleich einem Fremdlinge betrachtet. Die Weiber buhlen bei hof bis es ihnen die natur versagt, und die Männer werden durch frühe Ausschweifungen zu jungen Greisen. Doch weiter zu deinen possierlichen Kaplänen. – Nimmermehr hätte ich mir in einem Winkel der Erde solche Originale geträumt. Ist es möglich, dass man sie duldet, ist es möglich, dass das Vorurteil noch so in voller Stärke da tront? – Diese Menschen müssen gar nicht denken, sonst würde sie die natur selbst der Aufklärung etwas näher bringen. Ich bilde mir ein, dass diese Geschöpfe ihre Stunden so gleichgültig wegschlummern, so lange sich die Maschine, in der sie stekken, fortwälzt. Unwissenheit ist ihnen zu vergeben, denn es ist Mangel an Erziehung, an Einsicht; aber Eigensinn, Verdammungsgeist, Teologenwut, ist sträflich, ist Meineid an der natur, die alle Menschen von jeder Religion zum ewigen Frieden schuf. – Der Mensch kommt unwillkührlich zur Welt, der Mensch wird in der Folge das, was seine Eltern aus ihm ziehen; und wer wollte es da wagen, dem Unschuldigen die Belohnung abzustreiten, die ihm von der Vorsicht in seiner Religion geöffnet wurde? – Wozu denn Eigensinn und Zänkereien in der Religion, wenn es dem mächtigen Richter im Himmel selbst gefiel, mich in dieser oder jener Religion geboren werden zu lassen? – Das Kind in Mutterleib ist das Werk der Allmacht; seine