ihre übrigen Stunden auf ihren einsamen Zimmern. Ich kann Dir die wenige Lebensart und den Mangel an Aufklärung dieser Klözze nicht hinlänglich beschreiben. Ihr Verstand ist verwildert, ihre Sitten sind pöbelhaft, ihre Andacht maschinenmässig und ihr Umgang bis zum Entsezzen roh und bäurisch. Es scheint sogar, dass sie ihr Bischen auf den schulen gelernten Studentenwiz vergessen haben, denn sie reden die ganze Tischzeit entweder gar nichts, oder doch alles mit einem solchen gravitätischen Tone, den sie sich gewiss bei den bauern müssen angewöhnt haben. Wenn mir so von ungefähr die Namen Gellert, Gessner u.s.w. entwischen, o dann rasen diese Bigotten vollends und nennen mich öffentlich einen Freigeist. Ich habe die Wut des Despotismus nirgends fürchterlicher gefunden, als sie hier in B** unter diesen Söhnen der Dummheit herrscht. Menschenscheu, ungesellig, mürrisch leben sie, alle von einander entfernt. – Einer von diesen Kaplänen ist dem Geize bis zum Entsezzen ergeben. Er verbirgt sein zusammengescharrtes Geld in alte Scherben von zerbrochnen Krügen, er trägt, so wie unsere Bedienten sagen, bei der Sommerhizze kein Hemde, um die Wäsche zu ersparen, und läuft im blossen Schlafrok im Zimmer herum. Er rafft auf der Strasse die kleinsten Stükchen Papier zusammen und schreibt seine Predigten darauf; – brennt kein Licht und hört fleissig Beicht, weil sie hier in B** bezahlt wird. – Er hält sich eine alte Rosinante von Pferd, um beim schlimmen Wetter auf die Pfarre und beim guten Wetter zu den Bäurinnen auf die Sammlung zu reiten. Sein Anzug besteht aus einem uralten Kapotrokke, aus einem schmuzzigen Häubchen, aus dem man Oehl sieden könnte, aus selbstgeflikten Schuhen, die Peitsche in der Hand und den Sporn im Kopf, macht er manchen solchen Ritt, und kommt nie ohne Beute zurück. – Ich erstaunte, als ich diese Priester sah, die unmöglich zur Ehrfurcht reizen können. Sie haben leztin über mich und meine kleinen Spöttereien meinem Vetter, dem Pfarrer, heimlich in die Ohren geflüstert, als stünde ich mit meiner Lebhaftigkeit auf dem geraden Weg zur Hölle. – Wunderlich! – Als ob die Tugend nirgends, als in einem geschraubten Wesen stekken könnte. – Ich habe sie alle zusammen bei Tische für diesen Einfall büssen gemacht, ich nekte sie dafür, bis ich satt war, die Herren in Harnisch kamen, mürrisch aufstanden und brummend meine Gesellschaft verliessen. – So einsam dieser Ort ist, so unterhält mich doch die drolligte Karakteristik dieser Herren mit Herzenslust. So viel also, meine Liebe, für heute. Lebe wohl, und erinnere Dich deiner bessten
Amalie.
XLVII. Brief
An Fanny
Du musst gewiss auf deinem Landgut sein, meine Freundin, dass Du mir meinen lezten Brief so lange unbeantwortet lässest; oder es halten Dich vielleicht deine vielen Geschäften ab. – Bei mir ist es nun ganz anders, ich habe dann und wann ein müssiges Stündchen, das ich Dir schenken kann, und meine Leidenschaften haben in meiner Seele nicht allein Plaz, sie müssen sich ergiessen können. Wirklich liefert mir mein schicksal hinlänglichen Stoff, um täglich davon schreiben zu können. Stell Dir vor, unsere Haushälterin bekam aus Eifersucht auf einmal den Raps, davon zu laufen. Nun so muss mich denn der Neid immer und ewig verfolgen? – Ich habe diesem geschöpf nichts zu Leide getan; es müssen Heimlichkeiten dahinter stekken, sonst hätte sie nicht den Mut gehabt, mich, als Anverwandte, um kleine Vorzüge zu beneiden, die mir der Herr des Hauses einräumte. Ich habe nun um ein anderes Mädchen geschrieben, der dieser Dienst sehr willkommen sein wird. Es wird mir in jedem Betracht sehr lieb sein, wenn diese neue Haushälterin bald eintrift. – Denn der Herr Pfarrer, mein Vetter, wird täglich stürmischer gegen mich, und sein Betragen schmerzt mich um so mehr, weil es das Zutrauen meines Oheims hintergeht. Ich wage es nicht, diesem Wohltäter etwas von den zügellosen Absichten dieses Mannes zu melden, es möchte ihn zu sehr schmerzen. Ich studiere Tag und Nacht, um diesem Verführer mit Vernunft auszuweichen. Meine hülflose Lage, entfernt von meinem Oheim, fodert durchaus eine gemässigte Sprödigkeit und doch die strengste Rechtschaffenheit, wenn er es zu weit triebe. Unglück macht den Menschen überlegen, und nötigt ihn zu handeln, wie es die Klugheit fodert. Leib und Seele zittern mir oft, wenn er mich zur Ausrede umsonst und um nichts auf sein Zimmer rufen lässt. Ich habe immer, eh ich dahin komme, eine Treppe zu steigen, auf welcher ein Kruzifix steht. Die Gefahr des drohenden Fehltritts empört sich in mir bei dem Anblikke dieses Bildes unsers Erlösers. – Mein unverdorbnes Herz wallt der religiösesten Empfindung entgegen, und noch immer flehte ich knieend vor diesem Bild um Mut, um Standhaftigkeit in diesen Versuchungen. Schamhaftigkeit und Ehrengefühl haben mich bis jetzt noch nie verlassen, und ich kann es nicht begreifen, warum just ich, ohne schön zu sein, doch die Sinnen reizen muss? – Just ich, muss durch solche Gefahren laufen, da mir die natur reizbare Nerven und ein fühlendes Herz in den Busen gab. – Doch ist wahrlich der Kampf eines jungen Mädchens, die ihr Herz frei hat, kein so grosser Triumph, wie ihn die Romanendichter schildern, denn der Widerstand gegen einen Ungeliebten streitet mit keiner Neigung, und die Verachtung gegen den Verführer erwekt in dem Mädchen hinlänglichen Ekkel, der es zu jenem halsstarrigen Eigensinn der Widerspenstigkeit bringt, den ein solches Mädchen mehr der Disharmonie der