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staune über mein Geschlecht, bemitleide es, und schweige. Doch nun zur katolischen Beicht: – Der Menschenkenner, der Philosoph im Beichtstuhl ist mir immer verehrungswürdig, aber den übrigen Lastträgern der Bigotterie sollte man dieses Amt durchaus verbieten. Sie machen den gemeinen Mann zum Märtirer seiner Sünden, und haben nicht Kopf genug, das Zutrauen des Denkers zu gewinnen. Warum wählt denn die weltliche Obrigkeit die Mitglieder ihres Gerichts, so viel möglich, aus der aufgeklärten Klasse von Menschen? – Nicht wahr, bloss darum, damit keinem Schuldigen zu wenig und keinem Unschuldigen zu viel geschehe? – Eben so gerecht sollte es im Beichtstuhl aussehen. Die Vernunft muss da ohne Vorurteil mit offnen Augen hinblikken, das Ohr muss mit Weltkenntniss zu unterscheiden wissen, und das weiche Herz des Priesters muss da Mitleid fühlen, wo es selbst vielleicht schon oft mit der nemlichen Schwachheit gefehlt hat. – Nun aber, meine Liebe, will ich abbrechen, mit dem Gefühl der ewigen festen Freundschaft

Deine Fanny.

XLVI. Brief

An Fanny

Ha! – Meine Freundin! – So ist denn alles Betrug, Heuchelei und Verführung, wo ich nur immer meinen Fusstritt hinsezze! – Der Oheim in K*** rief mich vor kurzem zu sich und übergab mich mit Tränen der Rührung jenem weitschichtigen geistlichen Vetter, wovon ich Dir leztin sprach. Du hättest sie hören sollen, die seelendringende Moral, mit der mich mein Oheim diesem schwarzrökkichten Heuchler empfahl. – "Sie kennen meine Lage, sagte er zu ihm; Sie wissen, dass ich dieses Mädchen nicht bei mir behalten kann, handeln Sie grossmütig, handeln Sie edel an ihr, sie ist eine Waise, und in den Jahren, wo sie Schuz, wo sie hülfe benötigt ist. – Die Rechtschaffenheit dieses Mädchens sei Ihnen heilig! Sie ist lebhaft, aber hat dabei ein gutes Herz. – Rein und unverdorben ist ihr charakter, er teilt sich mit vollem Zutrauen Andern mit. – Sie hat Vernunft, aber nicht hinlängliche Menschenkenntnis. Sie ist gerade in den Jahren, wo jeder Trieb in ihr zum Kampf und jede leidenschaft zur Gefahr wird." – So dringend sprach dieser Edle dem Verführer ins Herz. – Endlich reiste ich in seiner Gesellschaft ab. – Die Reise ging nach einem benachbarten gräflichen hof, wo eben dieser Geistliche noch zuvor den Grafen, seinen Freund, besuchen wollte. Arglos, voll Zutrauen sass ich neben ihm im Wagen, dachte an nichts, als an meinen zurückgelassenen Oheim. – Der Stern, den dieser Elende auf der Brust trug, glänzte mächtig, aber um destoweniger das Herz, das darunter schlug. Seine prächtige Equipage, die vielen Bedienten, die auf jeden Wink von mir lauerten, um ihn zu erfüllen, kurz der grosse Ton, auf den wir reisten, gefiel meiner Eitelkeit unbeschreiblich, bis mir endlich auf einmal die schleichenden Gefälligkeiten dieses Weichlings verdächtig wurden. Ich hätte eher die Welt verwettet, als von so einem mann Absichten auf mich armes verlassenes Ding vermutet. Und doch, meine Fanny, fiel es diesem Verworfnen ein, mich mit Reden zu ängstigen, die mir die ganze Abscheulichkeit seiner Seele verrieten. Gott! – Was werden das für Tage werden, in der Gewalt eines solchen Weichlings! – Zwar ist mir mein freier Wille und mein Abscheu fürs Laster Bürge für jeden Fehltritt, wenn derselbe auch zu unverschämt dringend würde. Ein Mädchen, das Ehrengefühl und Kopf hat, läuft wohl Gefahr geplagt, aber nicht so leicht überrascht zu werden. Doch weiter: Wir blieben also etliche Wochen an obbemeldtem hof. Die Tage, die ich daselbst verlebte, waren mir zur Last. Ich sah da die Falschheit mit Schmeicheleien, mit Büklingen und mit Küssen verschwistert; ich sah die Lüge im goldenen Kleide prangen; ich sah Wollust, Harterzigkeit, Eigennuz, Betrug, Heuchelei vom Morgen bis in die späte Nacht in voller Bewegung. Dummheit, Neid, Torheit, Verläumdung wurden in das Gewand des Wizzes gehüllt. Redlichkeit, Gefühl, Menschenliebe hatte der Ueberfluss sogar aus dem Herzen des untersten Küchenjungen verjagt. Diese Höflinge schwelgten wie unsinnig im Laster und waren unter einander so wenig vertraut, dass sich Einer vor dem Betrug des Andern fürchtete. Du kannst Dir leicht denken, was bei diesem Gaukelspiel das arme simple Naturmädchen für eine alberne Rolle spielte. Man gaffte mich an, ich machte es wieder so, man lachte, ich weinte, und als man mich um die Ursache fragte, war meine Antwort, in meinem land wäre es gebräuchlich, die Verrükten aus Mitleid zu beweinen: – und doch küsste man mir für diese aufrichtige Grobheit die Hand. – Diese Begegnung gab mir Mut bei jedem andern lächerlichen Anlass ohne Herzdrükken zu räsonniren. – Es geschah rundweg, schweizerisch, wie ich mir es dachte. – Einige Zofen rümpften zwar bisweilen die Nase darüber, aber die Männer hielten mich dafür ziemlich schadlos. Es ist doch immer wahr, dass es leichter ist mit Männern fortzukommen als mit Weibern, besonders wenn die leztern einmal anfangen ins Antike zu gehen, dann mischt sich die Schlange Eifersucht gleich ins Spiel. Auf einmal hatte nun dieser Hofbesuch ein Ende und wir reiseten der Pfarrei zu. Der Ort besteht aus einem grossen Schloss, das Dorf ist eine halbe Stunde weit davon entfernt. – Diese Pfarrei hat sieben Kirchen unter sich, ist gross, und ihre Einkünften beträchtlich. Sieben Kapläne sind zur Besorgung der Pfarrei bezahlt. – Sie halten sich im Schloss auf, speisen mit uns und verfaullenzen