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seiner Leiden in deinen für mich offnen Busen? – Lass uns dieses Ineinandergiessen mit dem feurigsten Kuss versiegeln; lass uns einander unaufhörlich auch in den Stunden unserer Verirrungen mit der offenherzigsten Aufrichtigkeit begegnen, und die wirkung dieses Betragens wird mächtiger auf unsere schwachen sündhaften Anlagen zur Besserung wirken, als das donnernde Gebrumm im Beichtstuhl eines gewaltätigen, unduldsamen, halsstarrigen Priesters, der von der schwachen Menschheit oft ohne Einsicht, ohne überlegung, ohne in die natur der Dinge zu dringen, mit Feuer und Schwerd, als strenger Teolog, mehr fodert, als er selbst in der nemlichen Lage zu vollbringen im stand wäre. Auch im Beichtstuhl, so wie am Krankenbette, meine Freundin, gehört tiefe Menschenkenntnis und viele, sehr viele Unterscheidungskraft den Schwachen von dem Boshaften, den Bigotten von dem wahren Andächtigen, den vernünftigen Mann von dem leichtgläubigen, phantastischen Bürger zu unterscheiden. – Auf das Herz, auf den guten Willen des Menschen, auf seine Begriffe von der Sünde muss der einsichtsvolle Priester einen blick werfen, da muss er hineindringen, und das Laster nach dem Grade von Zutrauen seines Beichtkindes zu vertilgen wissen. Er muss nicht Einen wie den Andern mit der nemlichen feuerspeienden Moral behandeln: Der Pöbel will sklavisch sein Urteil hören, der Vernünftige will überzeugte Beruhigung haben. Aendert doch so oft bei dem weltlichen Richter der kleinste Umstand, der zur Entschuldigung des armen Sünders angeführt werden kann, das Todesurteil; warum denn nicht im Beichtstuhl, wenn die Fehler aus der natur der Dinge in etwas können entschuldigt werden? – Die Protestanten beichten freiwillig und öffentlich ihre Fehler, und diese Fehler werden von ihnen keinem schwachen, gebrechlichen Nebenmenschen dem Detail nach zur Schau aufgetischt. – Und doch dringt wahre Reue dieser Christen sowohl und oft viel besser zum Schöpfer, als wenn die Reue bloss aus Furcht der Höllenstrafe bei den Katoliken von ihren Priestern erpresst wird. Man lasse dem katolischen Pöbel die Ohrenbeicht, weil es einmal heisst, dass die Gewohnheit hie oder dort einige Schamhafte von der Sünde abhält; – doch gehört diese mechanische, diese von der Politik erzwungne Tugend in die Reihe jenes pöbelhaften Verdienstes, das nicht aus freiwilliger Pflicht das Böse unterlässt. Wenn der Priester in der Beicht nicht künstlich in das menschliche Herz zu schleichen weis, wenn er den Grund desselben nicht zu erforschen sucht, wenn er nicht hartnäkkige Laster von Schwachheit, Gleisnerei und Mechanismus von der wahren innigen Zerknirschung des Sünders zu unterscheiden weis, was nüzt denn dem Lasterhaften und dem Schwachen ein solches einförmiges Geschwäz von Zuspruch, das an dem Erstern aus Gewohnheit abglitscht und den Leztern gar nicht rührt? – Ueberhaupt, meine Freundin, ich könnte Dir über diesen Punkt noch vieles sagen, was meinem Verstand unbegreiflich ist, wenn ich nicht dächte, dass dergleichen Spekulationen für andere Köpfe als die unsrigen gemacht sind. – Und nun zu einer Neuigkeit: – Mein lieber Oheim in K*** hat sich entschlossen mich bei einem anverwandten Landgeistlichen zu Besorgung seines Hauswesens unterzubringen. – Eine Aussicht zu deren Ergreifung mich die notwendigkeit zwingt, auch weil mir der hiesige Aufentalt beim jungen B*** täglich saurer gemacht wird. Du weist ja, dass mein Oheim keine eigne Wirtschaft führt, sondern am geistlichen hof lebt und mich nicht zu sich nehmen kann. – Von dem charakter dieses Landgeistlichen weis ich Dir nichts zu sagen, aber so viel weis ich, dass sich mein Oheim sehr lange bedachte, eh er sich entschloss, mich ihm zu übergeben. Er hätte gewiss nicht darein gewilligt, wenn ich ihn nicht so dringend um die Abänderung meiner verdrüsslichen Lage gebeten hätte. – Der junge B*** taumelt jetzt blind fort in den Armen seiner Buhlerin. Glück der Liebe kann es für diesen Jungen nicht sein, denn sie stekt sein Herz zur Verderbnis an. Ich bedaure ihn herzlich und wünschte, dass ihn ein würdigeres geschöpf von dieser garstigen leidenschaft heilte, die ihm diese künstliche Kokette einzuflössen wusste. Für heute genug des Geschwäzzes; und nun lebe wohl, Besste, einzige, Liebe aller Lieben!

Deine Amalie.

XLV. Brief

An Amalie

liebes, gutes Malchen! – Dein lezter Brief freute mich unendlich, weil er das Gepräge der wieder heranrükkenden Heiterkeit auf deiner Stirne an sich trug. – Deinem Herzen ist Anteil nötig. Ich fühle es, ich bin es überzeugt, dass Du die ganze Zeit deines Lebens nicht ohne Etwas wirst aushalten können, woran Du Dich nicht in deinen Trübsalen ketten kannst; das ist das schicksal jedes gefühlvollen Herzens, jedes feurigen Kopfes; sie müssen sich ergiessen, sie müssen sich mitteilen können, sonst gerät dieses Herz und dieser Kopf aus Mangel an Mitteilung auf Abwege, die nach dem gang des Temperaments schon manchmal in gefährliche Leichtgläubigkeit ausarteten. Dein Temperament ist nun eben nicht das glücklichste, es gränzt zu sehr an Schwermut. Doch lass es gut sein, meine Freundin, und arbeite ihm wakker entgegen, diesem Feind deiner heitern Stunden. Dein warmes Herz ist ja zu allem Guten offen, und wie unendlich sind diese Gefühle fürs Gute und Schöne in der lieben natur, die deine Aufmerksamkeit beschäftigen können. Der Denkende hat nie Langeweile; der Denkende fühlt jedes Glück doppelt; der Denkende ist auch einsam zufrieden. – Nur hüte Dich, Dir zum Denken solche Gegenstände zu wählen, die deine Schwermut reizen und dein Temperament in Gährung bringen. Deine Empfindungen über die Schwermut sind meisterlich aus deinem Herzen entworfen. Mit Wollust las ich diesen herrlichen Schwung von Einbildungskraft, mit Entzükken wiederholte ich diese Gefühle der innigsten, vertrautesten Freundschaft unter uns, und bedaure