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Nerven zu unterscheiden weis. – Ich fodere, dass er solche Patienten so gelassen, so gefühlvoll, so sanft, so guterzig, wie ein Kind, behandelt; denn wenn der Arzt den Grad der Krankheit nicht durch Zutrauen zu erfahren sucht, wenn er bloss den dummen, troknen, Pulsverkündiger beim Krankenbett vorstellt, so prellt seine Kur am melankolischen Kranken ab und er bleibt Doktor fürs Geld und weiter nichts. – Ich bin weit in der Welt gekommen, und die meisten ärzte, die ich antraf, waren entweder alte, steife, eigensinnige Pedanten, deren Gefühl eben so rostig als ihre Beurteilungskraft aussah, oder junge, flüchtige, schwindelnde, unerfahrne Gekken, die ihre Kunst eben so handwerksmässig trieben, als ob es in der lieben natur eine Lüge wäre, dass alle Krankheiten nach den Verschiedenheiten der Temperamenten müssten behandelt werden. Einsicht, Kenntnisse der menschlichen Leidenschaften, überlegung, genaue Untersuchung des herrschenden Temperaments werden immer die Wege sein, die einem schlussfähigen Mann seine Kuren bei Melankolischen erleichtern. – Eine starke Gemütsbewegung, wilde Konvulsionen, eine Erstarrung der Glieder, dumpfes Aechzen, die Ergiessung des Bluts durch Mund und Nasen, und dann die darauf folgenden Schwachheiten sind lauter Grade der Krankheit, denen besonders das weibliche Geschlecht unterworfen ist, und die dem forschenden Auge des Arztes nicht entgehen dürfen. Nur ist es leider traurig, dass die Herren Doktoren dergleichen Krankheiten manchmal nicht zu unterscheiden wissen, von welchen Leidenschaften sie eigentlich herrühren, – und das öfters für Mannssucht halten, was im grund die tiefste, eingewurzeltste Schwermut ist, deren wirkung von der Verschiedenheit der Schiksale herkömmt. – Unvermerkt eilt der Raum dieses briefes zu Ende, und Du, meine Besste, hättest Ursache über seine Länge zu klagen, wenn Du mich nicht liebtest. –

Deine ganz eigne Fanny.

XLIV. Brief

An Fanny

Dank, Millionen Dank, meine Werteste, für den Trost, den Du mir in deinem leztern Brief mitteiltest. – Du wälztest mir durch deine vortrefliche Moral den Stein der drükkenden Schwermut vom Herzen. Wie künstlich Du mir in meinem verstokten Zustand des Schmerzens Tränen abzulokken wusstest! – Wie Du hineindrangst in die schwache empörende natur, wie Du sie hervorsuchtest, die wankende Tugend aus dem gefährlich kranken Körper! Gott lohne deine Mühe, deine Güte! – Lass nicht ab, Freundin, mich von den Abgründen zurückzurufen, denen mich mein tirannisches schicksal Preis gibt. – Dort in jenen ruhigen Gefilden wirst Du den Lohn deiner Bemühungen einärndten. O, Freundschaft! Gütige Wohltäterin der Menschheit! – Dein Besiz ist Götterseligkeit für den Unglücklichen! – Mit einem Herzen voll unaussprechlicher Güte, mit einem Kopf voll sorge und Wachsamkeit über den innerlichen Zustand des der Freundschaft anvertrauten Guts, hängst du dich fest an die Seite des jammernden Freundes, ruhst nicht eher, als bis der Friede wieder in seine Seele zurückkehrt, woraus ihn namenlose Leiden verbannten. Dieser unendliche Hang des beiderseitigen Wohls, dieses Zittern bei irgend einer Gefahr seines Freundes, diese unersättliche gegenseitige Guteit, diese lautschreiende, nachsichtsvolle stimme im bekümmerten Herzen gegen die Schwachheit eines Freundes, dieses Echo der unauflösslichen Harmonie, ist Uebereinstimmung der Seele, ist Freundschaft, ist Wohltat, die der Schöpfer nur Wenigen erteilte. – Kein Alter, kein Stand ist von dieser festen Vereinigung ausgeschlossen; es braucht nur ein unverdorbenes Herz, gleiche Grundsäzze dazu, und geknüpft ist der Knoten der unzertrennlichen Freundschaft. So gar Lasterhafte fühlen eine Art von Entzükken in ihren Verbindungen, und wie weit seliger müssen die Reize sein, wenn Rechtschaffenheit, wenn Religion, wenn Streben nach dem Zwekke unserer Bestimmung, wenn standhaftes Dulden, wenn Menschenpflichten dieses Band unauflösslich durcheinander schlingen, bis der Tod zur ewigen Dauer es auf wenige Zeit von einander reisst, um es sodann vor dem gütigen Schöpfer desto fester auf ewig zu binden! Die Menschen sind blind, dass sie mehr nach dem Taumel der sinnlichen fieberhaften Liebe greifen, als nach der zweklosen, unveränderlichen Freundschaft. – Die Menschen sind rasend unbesonnen, dass sie so kalt, so wenig aneinander gekettet, so freudenlos, ohne Freundschaft ihr Leben verschlummern. Die Freundschaft hat ihren Wohnsiz im Heiligtum des Herzens, die meiste Liebe klebt am Körper und stirbt ohne Freundschaft für alle Menschen nach der Sättigung. – Nur Freundschaft kann sie zur Beständigkeit anfeuern. Der Kopf des Liebenden muss in dem Gegenstand seiner Liebe, durch Betrachtung seiner moralischen Vorzüge, Beschäftigung finden; seine Verehrung muss für diesen Gegenstand zunehmen, so wie die Neuheit der Sinnlichkeit sich verliert; die Reize der Seele müssen die Wollust zu neuen Entzükkungen auffodern; es muss nach dem Genuss der Liebe eine ausgedähnte Freundschaft daraus entspringen, sonst scheitert die Standhaftigkeit mit dem Rausche der Liebe, und das Ende davon ist tolle abscheuliche Flatterhaftigkeit von beiden Seiten. Doch, meine Freundin, rede ich hier nur von denkenden Menschen, denn die übrigen gehören unters Vieh und werden wie Missetäter von dem Tempel der Freundschaft ausgeschlossen. So viel sagt mir meine natürliche Vernunft, so viel sagt mir mein Herz, das zur freundschaftlichen Liebe ein unstreitiges Recht behaupten will. – Wenn also je ein Glück in der Welt noch auf mich harret, so will ich es in der Freundschaft erwarten. Doch wie kann ich vom Warten sprechen? fand ich dieses Glück nicht schon überschwenglich in Dir? – Bist Du nicht meine Führerin, meine Wohltäterin, meine Freude, mein Alles? – Sind wir beide nicht bloss eine Seele, bloss ein Gedanke? – Giesst sich nicht mein ganzes Dasein mit dem schröklichsten Gewebe