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gemeiner Gattung Menschen recht gute Herzen, weil die natur sie einförmig und ohne Falten schuf. – Auch sind die Wünsche gemeiner Menschen mässiger, als derjenigen ihre, welche seit ihrer Geburt an Ueberfluss und Bedürfnisse gewöhnt worden sind. Menschen von gemeiner Gattung bleiben meistens ohne raffinirten Eigennuz, ohne Forderungsgeist, ohne Lüsternheit, unverdorben und zufrieden mit jener Lage, worein sie ihre niedrige Geburt sezte. Doch weiter! Wahrhaftig, meine Liebe, der junge B*** muss seinen Verstand verloren haben, dass er Dir nicht mit derjenigen Sanftmut und Liebe begegnet, die deinem blutenden Herzen so nötig ist. – Es ist in der Tat unstreitig; die Leitung eines Weibs, kann den Mann gut oder schlimm machen. – Das Wort Mann verfängt sich so leicht in den Schlingen der Wollust und verliert durch einen einzigen hinreissenden blick seine Stärke. Denn nie ist das Herz eines Mannes zur Tugend und zum Laster empfänglicher, als wenn er in den Armen der Liebe schwelgt. – Sonst wäre es schon mancher Buhlerin nicht geraten, ganze Länder zu grund zu richten. Ich verzeihe zwar diesem Jungen eine Schwachheit gerne, aber nur soll er nicht ein Mädchen roh behandeln, das die Schonung aller Menschen verdient. Weist Du noch, was der Junge Dir ehemals für entusiastische Briefe schrieb? – Und das Alles sollte bloss Federwiz gewesen sein, wovon sein Herz keine Silbe wusste? – Aber so machen sie's die Helden der Falschheit; schwärmend schreiben sie ihre Moral, ohne ihr Herz zu fragen, ohne überlegung aufs geduldige Papier hin, üben ihren Wiz, und ihr Herz bleibt nicht länger an diesen schönen Lügen kleben, als bis der Brief aus ihren Händen ist. Es ist mir wirklich unbegreiflich, wie man so von Grundsäzzen, von Moral, von Grossmut, von Liebe und Standhaftigkeit in Briefen windbeuteln kann, ohne darnach zu handeln. – Ich selbsten habe mich einst sechs Monate lang von dergleichen giftigen Lokspeisen hintergehen lassen; und als ich nach der Hand die Briefe gegen den Handlungen abwog, da entsezte mich der Abstand, und ich zitterte für junge Mädchen, die sich so gerne und so oft solche gefährliche Speise auftischen lassen, – um nach der Hand zu rasen, wenn das Zutrauen gegen ihren Liebhaber durch seinen Wankelmut in Kot sinken muss! – jetzt ein Paar Worte von deinem Vormunde! Mir graute über sein Betragen. Aber beruhige Dich, Besste, er wird nicht Unmensch genug sein, um deine Schwester darben zu lassen. Du kannst Dich ja bisweilen unter der Hand nach ihr erkundigen, oder dein schicksal ändert sich vielleicht während dieser Zeit, damit Du sie selbst retten kannst. Der tobende Ausbruch deiner leidenschaftlichen Schwesterliebe über die Christenheit, war von Dir sehr stark, sehr feurig. Du fängst an stark kolerisch zu werden. An deinem Feuer ginge ein Mann verloren, Du würdest aus Liebe zur Rechtschaffenheit manchem lokkern Buben die Hölle warm gemacht haben. – Doch nun zur Beantwortung deines leztern briefes, den Du sicher nicht mit gesunder Vernunft schriebst! – Aber Liebe und Güte seien allein meine Wegweiserinnen zu deinem gepressten Herzen, zu diesem Herzen, dessen Leiden einen grossen teil seiner Veredlung ausmachen. – Du bist eine duldende Streiterin für das unsterbliche Wohl deiner Seele, und nie wirst Du es wagen über unsere sterbliche Hülle zu murren, die nach einem schnell hineilenden Traume des Lebens sich von selbst losreisst! – Lass, meine Traute, deinen Geist nicht bis zur Schwachheit heruntersinken, er ist zu grossen Opfern bestimmt, und schimmert erst alsdann mit wahrem Glanz, wenn ihn keine gemeine Tugend adelt. So, meine Amalie, kenn' ich den Wert deiner Seelenstärke, und so, meine Freundin, wollen wir einst eng aneinander geschlossen hin zum barmherzigen Richter, wenn dieser Richter endlich die Fesseln der rebellischen Menschheit von uns lösst. Sanfte, gute Seele, kniee hin vor den allmächtigen Tröster der Unglücklichen, ruf ihm deine Leiden mit warmer, feuriger Zuversicht zu, lass sie ausbrechen, die lindernden Seufzer der Wehmut; weine laut, weine so lange, bis es Dir leichter wird! – Denn der gütige Vater im Himmel lässt auch nicht eine Träne unvergolten! – Ich weis es recht gut, dass der Schwermütige bei der kalten alltäglichen Moral nur noch schwermütiger wird, dass er seinen eignen, den verrükten Sinnen angemessnen Ton haben will, wenn er von dem schaudernden Scheideweg unverlezt zurückkehren soll, der zwischen seinem verhassten Dasein und dem tod liegt. – Der Selbstmord könnte ganz gewiss öfter verhütet werden, wenn Menschen für Menschen aufmerksamer, vernünftiger und sanfter handelten. Derjenige, welcher am meisten denkt und nachsinnt, nährt auch diese Krankheit am meisten in seinem Körper, und gesellt sich dann die hinreissende wirkung eines gallsüchtigen Temperaments noch dazu, so wird sie zur gefährlichen Hypochondrie, deren Folgen oft durch Lebhaftigkeit des Temperaments die gefährlichsten sind! – Fast überall wirket die Sorgfalt der ärzte in jeder andern Krankheit zur Ehre ihrer Kunst; aber in dieser Art Krankheit sind noch wenig ausgezeichnete Kuren gemacht worden. So viele ärzte kennen nicht einmal das heimlich schleichende Gift der inneren Schwermut, und werfen dabei keinen blick in die stille Seelenkrankheit, die beim ruhigsten Puls um sich frisst und manchmal plözlich den Faden des Lebens abreisst, eh sichs der Arzt versieht. – Ich fodere durchaus, dass ein Arzt ein vorzüglicher Menschenkenner sein muss. – Ich fodere, dass er die Teile der verschiedenen Leidenschaften bei jeder Gattung von Krankheiten genau kennen muss. – Ich fodere, dass er die verschiedenen Grade der Reizbarkeit der