ihrer Jugend fühlen und unterscheiden lehrt. Deinem Herzen muss freilich ein solcher grausamer Mann Zentnerschwer auffallen! – Aber, glaube mir, ein einziger guter Geistlicher, der sein Herz vor Religionshass, vor Dummheit und Vorurteil verwahrt, hält uns für alle übrigen schadlos. In jedem stand findet man eine grössere Anzahl Sünder als Tugendhafte, nur ist dieser geheiligte Stand mehr den Vorwürfen ausgesezt, weil er von der Religion zum guten Beispiel bestimmt ist. – Die Beschreibung deines edeldenkenden Oheims in K*** versüsste mir den Aerger wieder, den mir dein anderer Oheim verursachte. Was für ein trefliches Herz, was für gute Grundsäzze muss dieser Menschenfreund nicht haben? – So ein glänzendes Beispiel der Menschheit sollte billig die Verehrung eines jeden gränzenlos geniessen. Tausend Segen dem Wohltätigen, und Dir tausend Küsse von
Deiner Fanny.
XLI. Brief
An Fanny
So wie ich Dir leztin schrieb, reisste ich von A... nach W... und diese gefühlvolle Träne, die jetzt in meinem Auge glänzt, hat sich auf dem einsamen grab meines Vaters darein gedrängt! – Wie war es mir möglich diesen schaudernden anblick zu ertragen, als ich in das fürchterlich stille Zimmer trat, wo bloss der Geruch des Todes und meine arme, weinende Schwester mich bewillkommten? – Das arme Kind fiel mir hastig um den Hals und stotterte etwas vom Papa und dergleichen. – Dieser Auftritt der sprechenden natur würde jedem eine Träne des Mitleids entlokt haben, wenn er anders zum geheiligten Tempel der Empfindung jemals Zutritt gehabt hätte. – Ein treues, gutes Dienstmädchen, die sich schon lange bei uns aufhält und meine Schwester leidenschaftlich liebt, entzükte mich bei dem Eintritt ins Haus durch den herzlichen Anteil, den sie an unserm schicksal nahm. gewiss, Fanny! – Auch unter gemeinen Leuten gibt es Seelen von höherm Schwung der Empfindungen, und manches gute Menschengefühl geht im niedrigen stand verloren, weil es so selten Anlass bekömmt sich zu üben. Der junge Vetter B*** ist auch noch hier, empfieng mich aber flüchtiger, als ich vermutet hatte. Man sagt der gute Junge hienge an dem Umgang eines Weibs, die eben nicht viel taugte, und daher mag wohl sein ehmaliges Gefühl für Freundschaft und Wohlwollen einen kleinen Stoss erlitten haben. Indessen war er doch äusserst gebeugt über den schnellen Hintritt meines Vaters und seines Wohltäters. – Man versicherte mich, dass er beim Begräbniss desselben, in ein lautes, fürchterliches Stöhnen ausgebrochen wäre. Der Bedaurungswürdige verlor mit mir Unterstüzzung und Trost, und wird eben so wohl als ich dem flüchtigen, ungewissen Schiksale Preis gegeben. Noch ist unser Aller schicksal unentschieden. Unser Oheim in K*** befahl sein Gutdünken darüber abzuwarten. Was mich aber sehr kränkt, ist der verachtungswürdige, niederträchtige Vormund, der so bald er den Todesfall erfuhr, unverzüglich hieher reiste, vermutlich um seine interessirte Grausamkeit aufs Aeusserste zu treiben. Er überraschte mich mit der schröklichen Nachricht, dass er entschlossen wäre, meine Schwester mit sich zu führen und von den Interessen unsers Vermögens im Kloster erziehen zu lassen. Ich verbat mir diese Unternehmung aufs Ernstafteste und berief mich auf die Entscheidung unsers Oheims, der jetzt Vaterstelle bei uns Kindern vertretten würde. – grosser Gott! – Freundin! – Was höre ich? – Was ist das für ein Lärm, der mein Ohr erschüttert? – Ich muss nachsehen; mein Herz schlägt ängstlich! – Bald bin ich wieder bei Dir. . . . . . . . . . . .......................................... . . . . . . . . . . . O, bei dem Allmächtigen; das ist zu viel! – Zu viel in einer Christenheit, die uns Gerechtigkeit vorheuchelt und dabei Barbarei ausübt!!! – Ha! – So hat er es denn mit Gewalt weggerissen, das Opfer seines unersättlichen Geizes! – O, meine Schwester! – Meine Schwester! – Du bist auf ewig für mich verloren! – Teure, einzige! – So bist du denn wirklich in der Gewalt dieses hungrigen Satans, der zu sehr Andächtler ist, um kein Bösewicht zu sein! Barmherziger Richter der Gekränkten! – In diesen, von den Tränen armer Waisen feuchten Händen liegt also die ewige und zeitliche Glückseligkeit meiner Schwester! – Wenn mir dieser einzige Gedanken nicht meine Seele zerreisst, o! dann hat diese Seele Heldenstärke, um mehrere Angriffe von dergleichen Scheusalen zu ertragen! Verzeihe, Liebe, dem Schwindel meines Kopfs und den Bangigkeiten meines Herzens, wenn ich in Wildheit ausarte! – Wenn mir jetzt die Sinnen nicht ihren Beistand versagen, so will ich Dir erzählen, was ich gesehen, was ich gehört habe: Als ich mich dem Auftritt nahte, der mich im Schreiben dieses briefes unterbrach, fand ich wegen der Uebergab meiner Schwester den heftigsten Streit zwischen Vetter B*** und meinem vor Galle rasenden Vormund. Wir alle sträubten uns bis zum Entsezzen gegen sein Vorhaben, wir hielten das Kind fest, das er uns mit Gewalt wegreissen wollte, B*** eilte nach hülfe, mich riss in dem entscheidenden augenblick meine Heftigkeit zur Sinnlosigkeit hin. – Gewalt ging während dieser Pause über Recht; er schleppte das wehrlose Kind zum Wagen, und führte sie mit sich ins Kloster. – Die natur hatte mir während dieser Ohnmacht nicht den lezten Stoss gegeben; ich musste noch einmal zum neuen