seiner Dienste, und ist doch dabei so überschwenglich menschenfreundlich, als ob ihm das schicksal überflüssige Glücksgüter zugeworfen hätte. – Reich an gutem Herzen wird dieser Mann von allen Unglücklichen verehrt, geliebt und, ich darf es wohl sagen, als eine feste Stüzze der Religion, als ein duldender Christ, als ein sanfter biederer Freund der Elenden beinahe angebetet. – O, dieser Gute! – Er beschwört mich, über den Verlust meines Vaters nicht meine Gesundheit aufs Spiel zu sezzen, er wundert sich über meine übertriebene Kleinmut und öffnet mir sanft sein neues Vaterherz, drükt mich in Gedanken tröstend an seinen Busen, und ist willig, sein Aeusserstes für uns arme Waisen zu tun. Nur bittet er um Zutrauen, um Beruhigung, um Schonung meiner Gesundheit. In wenig Tagen reise ich auf seinen Wink zu dem grab meines Vaters und in die arme meiner bessten einzigen Schwester. – Vergiss deine gebeugte Amalis nicht! –
XL. Brief
An Amalie
Liebe, teure, unglückliche Freundin! – Wenn mich in meinem Leben jemals, mit all meiner Religion, ein schicksal gebeugt hat, so ist es das deinige! – So anhaltend – so unaussprechlich, wie es Dich verfolgt, – so Kummer auf Kummer – ist meinem Gefühle unbegreiflich. – Die feurigste Einbildungskraft des geschiktesten Dichters wäre zu schwach, um das hartnäkkige Unglück so hinlänglich zu ersinnen, wie die Wahrheit deines bittern Schiksals es mit sich führt. – – So bist Du denn zum Leiden geboren? – Bist Du denn geboren, um Alles neben Dir unglücklich zu machen, was mit Dir harmonirt? – Die gütige, sonst so mitleidige natur rächt sich wahrlich an Dir, denn sie gab Dir ein schmelzendes Herz, einen unglücklichen Schwung der Einbildungskraft, Weiberschwäche und ein unendliches, ineinander gewebtes, unerbittliches schicksal! – Aber sie gab Dir auch Vernunft, eine Vernunft deren Stärke über die leidenden Teile des Körpers mächtig zu herrschen im stand ist. – Lass sie immer auf den gekränkten Busen rinnen, die Tränen des schwächlichen Körpers, lass es ausklopfen das bange, vom schicksal geängstigte Herz, es ist das los der unvollkommnen Menschheit, es ist die Versicherung künftiger Belohnungen, wenn wir mit Christenstandhaftigkeit die Hand küssen, die uns dazu bestimmte. Wenn der Tod einen Vater oder eine Mutter vom kind reisst, so lässt dieser traurige Verlust einen Wiederhall zurück, der die ganze natur im kind erschüttert! – Trift es nun ein fühlendes, bebendes, schwaches Mädchen, dann schleppt er sie hin, der zehrende Gram zum Altar der Tränen und der Wehmut! – Ich begreife deinen Jammer, fühle ihn mit, und wenn warme Tränen der innigsten Teilnahme Linderung schaffen können, nun so drükke ich Dich an mein Herz, Amalie, und diese Tränen seien Dir so lange geweint, bis es Dir leichter wird ums kranke Gemüt. – Du mildes, gutes geschöpf! – Mit welcher Engelsgüte sprichst Du von dem Wohl deiner Schwester! Er wird deine Seufzer hören, der mächtige Vater der Waisen, er wird sie aufzeichnen ins Buch der Ewigkeit, die Güte deines unverbesserlichen Herzens! Wenn deine Schwester das Ebenbild deiner Güte wird, so seid ihr zwei Mädchen, die der Schöpfung zur Ehre ihr Dasein erhielten. Ich will Dir nicht schmeicheln, aber innigst gerührt über den grossmütigen Zug deiner Sorgfalt wegen der Erziehung deiner noch unmündigen Schwester, möchte ich es die ganze Welt wissen lassen, was Du für ein Mädchen bist! – Vortrefliche Freundin! – Die schönste Gabe Gottes ist dein Herz, ein Geschenk, worin für Dich und Andere tausendfaches Wohl liegt! – Wohl für Andere, weil es sich so gränzenlos mitteilt, aber auch Weh für Dich, weil es zu unaussprechlich tief fühlt! – Bei dem festen Band unserer Freundschaft beschwöre ich Dich, verkürze die Tage deines Lebens nicht durch übermässigen Gram! Lerne Dich selbst schonen um deines bessten Oheims, um meinetwillen! – Die Stunden unsers Traums sind so kurz, und warum willst Du in der Blüte deiner Jahre mit gewaltsamer Hand ihren Lauf hemmen? – Deine Schwermut ist Dir zur Wollust geworden, ich gönne sie Dir gerne, diese Schmeichlerin des leidenschaftlichen Tiefsinns, ich selbst opfere dieser Göttin der denkenden Leiden oft genug mit blutendem Herzen, aber nur überlasse Du Dich nicht zu viel dem schmeichelnden Gifte, das deine Gesundheit untergräbt. – Ich kann zwar die allzu lustigen Mädchen auch nicht leiden, denn ihr Leichtsinn macht ihre Seele stumpf und verjagt jedes Gefühl, was zum ernstaftern Glückke der Menschheit beiträgt. – Eine zum stillen Leiden gewöhnte Seele ist allen Eindrükken der Tugend offen, nur muss Wiz und Laune bei einem ganz liebenswürdigen Mädchen durch eigne überlegung die Wunde der Schwermut zuweilen ausheilen, die durch die Kenntniss des menschlichen Elends in ihr ist aufgerissen worden. Dein Oheim in S... G..... ist das, wozu ihn der Eigennuz umschuf; das abscheulichste aller Laster! – Ein Laster, das alle andere überwägt und den Menschen zur grässlichsten Harterzigkeit verleitet. Siehst Du nun, meine Liebe, die gute Mutter natur hat Schatten ins Licht geworfen, da sie ihn und seinen herrlichen Bruder schuf, damit der Leztere das in der Religion verherrliche, was der Andere, der gleichfalls ihr Beschüzzer sein sollte, an ihr versäumte. Die Priester sind Menschen wie wir, und hangen, was ihren moralischen charakter betrift, von der Erziehung, vom Beispiel und von ihren Leidenschaften ab, die nur darum auf Unkosten ihrer Nebenmenschen gehen, weil man so wenig Priester in