1788_Ehrmann_009_26.txt

Klauen reissen, diese arme verwaiste Unschuld; deren verwahrloste Bildung mich einst schröklich in meiner lezten Stunde drükken würde! – Die natur hat mir Jugend, ein gutes Herz, Kopf und Gesundheit gegeben, ich muss dies alles mit meiner Schwester teilen, das sagt mir die wohltätige stimme der natur, das sagt mir mein Gewissen, das sagt mir der Geist meines Vaters, der mich diesem kind zur Trösterin, zur Mutter hinterlies! – Wie viel bittere Tränen wird das arme Mädchen auf dem grab ihres Vaters verweinen! – Was sie jammern wird, die Verlassne, um meine Zurükkunft! – – Was ihrem jungen Gefühle die Bilder des Grams für Wunden schlagen werden! Kaum öfnet sich ihr zartes Herz den Eindrükken der Freude, und schon wird diese Freude durch Angst und Leiden getrübt! – O schicksal! – Du bist manchmal gegen deine Untergebenen zu hart, dass du nicht einmal die blühende Unschuld verschonst! – Fanny! – Wenn ich mir das Kind, neben dem kalten Leichnam meines Vaters, blass und verweint denke, wie sie da steht, einsam und verlassen, seine starre Hand ergreift, sie tausendmal küsst, und nicht weis, an welches fühlende Menschenherz sie sich wenden soll, weil ihr mit dem Vater Alles starb, woran sie sich ketten konnte! – Ich muss mich wegwenden von diesem schröklichen Bilde, sonst beugt es mich zu tief! – Gott! – Wie elend ist der Mensch, wenn er das Bischen Freude wegrechnet, das er während seines unschuldigen Puppenspiels geniesst! – Mit ihm wird Gram und Drangsal geboren und die Freude über seine Geburt ist der Tod seiner Zufriedenheit. Traum des menschlichen Glücks, du bist es, der das hervorragende Elend nur mehr vergiftet! – Weil du die lüsterne Sinnen der Menschen auf einige Minuten zu belügen weisst! – Immer behält das Unglück unter der Menschheit die Oberhand, und wer sich auf etwas besseres freut, hält sich an eine Seifenblase, die mit jedem Hauche wieder verschwindet. Bei meinem Alter sollte mich die natur von allen Seiten anlachen, und doch ist finsterer Tiefsinn das los, was sie mir zuwarf! – Nicht einmal ein wenig Leichtsinn gab sie mir, diese Mutter ihrer Kinder; nein! – So barmherzig war für mich die natur nicht; sie hat mich dafür tief fühlen gelehret, sie hat mir weiche Nerven gegeben, damit ich die Härte meiner Schiksale weit schröklicher als ihre Lieblinge empfinde, die mit ihren kalten Herzen eben dieser natur nicht einmal eine Träne des Danks zu weinen im stand sind! Teuerste! – Du allein bist Zeuge meiner unglücklich verlebten Tage, sei also auch Zeuge meines Dankes, den ich jetzt knieend dem Schöpfer bringe, der mich zu allen diesen Martern bestimmt hat! – Bitte mit mir, Fanny, den Vater im Himmel um seinen Beistand für meine trostlose Schwester und mich! – Gerne würde ich jetzt beim Troste der Religion mit Dir verweilen, aber man ruft mich wegen einem Brief, der vom guten Oheim aus K*** eintraf. Ich muss hineilen, vielleicht entält er Trost! Und dann, meine Liebe, bin ich bald wieder bei Dir...... Fanny! – Das Herz meines Oheims in K*** ist einer Krone wert! – Ist es möglich, dass der Mann bei seinen wenigen Einkünften die reiche Tiegerbrut meiner übrigen Anverwandten in der Grossmut so sehr beschämt! – Im Kloster S... G..... lebt noch ein reicher Oheim zu mir. – Ein Mann, der heimliche Schäzze besizt und sich aus Fühllosigkeit in die Kutte wikkelte. – Kalt, harterzig, voll Bigotterie und Pfaffenstolz ist seine Seele. Geiz und Eigennuz haben die Unmenschlichkeit in ihm erzeugt, – auch nicht eine Träne dringt von uns armen Waisen in sein Felsenherz, das er mit Heuchelei der leidenden Menschheit verschliesst. Und dieser Unmensch, der der geistlichen Würde Schande macht, ist eben sowohl mein leiblicher Oheim als der in K***. Lezterer hat ihn zur hülfe für uns elternlose Kinder aufgefordert, und ein lügenhaftes Kazzengeschrei von geschworner Armut und dergleichen Gaukeleien war seine Antwort. Es ist doch bewiesen, dass dieser harte Mann jährlich eine ansehnliche Summe Spielgeld von seinen Obern erhält, die er freilich mit mehr Sinnlichkeit verschwenden wird, als wenn er es für die hinterlassenen Kinder seines gegen ihm so wohltätig gewesenen Bruders anwenden würde. Es scheint unbegreiflich, dass so verschiedene Herzen durch das nemliche Blut belebt werden können. – Auch mein teurer, gütiger Oheim in K*** ist ein Diener Gottes, aber zur Ehre dieses Gottes gefühlvoll und menschlich, wohltätig, aufgeklärt, barmherzig, ohne Heuchelei, und nicht wie jener unreine Priester der Religion, der aus Eigennuz die stimme der natur erstikket. – Vergieb mir, meine Liebe, wenn ich keine Larve leiden kann, die mancher guterzige Tor nicht so leicht durchsieht, wenn sie ihm unter dem Dekmantel der Andächtelei aufgetischt wird. Tugend an einem Gesalbten zu vermissen, kränkt mich weit mehr, als an andern Menschen, weil er als ein treuer Diener der Tugend, wenigstens nur öffentlich, erscheinen soll. – Wahr ist es, der würdige Priester hat, bei den so sehr verdorbenen Sitten der Priesterschaft, Stärke der Vernunft nötig, um das Vorurteil zu beschämen, und verdient Lorbeeren, wenn er seine Moral aufs gute Beispiel und auf das Wohl der Menschheit festsezt. In diese leztere Klasse gehört gewiss mein würdiger Oheim in K***. Er steht in Diensten seines Fürsten, hat keine andere Einkünften, als die Belohnung