Karakteristik eines Schauspielers zu entziffern, als sein Spiel selbst; besonders bei dem Frauenzimmer kann man es beinahe auf den Wink erraten, welcher charakter im bürgerlichen Leben ihnen eigen ist, wenn man sie lange und ohne Vorurteil beobachtet. Die Kokette wird in der sanftesten Rolle mit einer gewissen Frechheit hervorblikken, und das gutgezogene Mädchen wird im Gegenteil in der ausschweifendern Rolle der Kokette doch hervorschimmern. – Und gesezt, beide von dieser Art Schauspielerinnen hätten es auch in ihrer Kunst so weit gebracht, die Täuschung fast glaubbar zu machen, so ist es doch für den ächten Menschenkenner nichts Unmögliches, so eine person in Rollen, die sie bloss als Künstlerin liefert, zu karakterisiren und ihren sittlichen Wandel zu entdekken. Wenn der Kopf einer Schauspielerin in Rollen, die nicht auf ihren charakter passen, allein arbeitet, so merkt es der feinfühlende Kenner recht gut, dass das Herz dabei fehlt. – Wenn gewisse Sinnen des empfindsamen Zuschauers nicht durch das vollkommene Spiel des Schauspielers befriedigt werden, so wird er über kurz oder lang das Fehlende am Schauspieler entdekken, woraus er die Hauptleidenschaften seines Karakters von seiner spielenden Rolle unterscheiden kann. – Der Schauspieler selbst, so weit er es auch im Studium gebracht hat, muss es an sich fühlen, dass ihm entweder der Ton, das Gefühl, oder das Wahre fehlt, wenn er in einer Rolle spielt, die nicht mit seinem charakter harmonirt. Erinnere Dich, meine Liebe, dieser Bemerkungen, und sie werden Dich zu Kenntnissen führen, die bloss in der natur liegen und also untrüglich sind. Es gehört aber lange Erfahrung und eine genaue Beobachtung dazu, sonst kann man sich leicht irren; besonders junge Mädchen, die des Schauspielers sittlichen charakter bloss aus der glänzenden Rolle beurteilen, und ihm eben die Tugenden ausserhalb der Bühne zuschreiben, die ihnen ihre Neigung für sein Spiel (es mag gut oder schlecht sein) eingiebt. Man ist auch gar zu sehr geneigt, den charakter im sittlichen Leben nach der Güte einer Rolle abzumessen und man betrügt sich nur zu oft grässlich, denn die Moral ist auch in dem mund eines Nichtswürdigen geduldig, und sträubt sich nicht, ob sie ein guter oder böser Mensch auf die Welt bringt. Dazu gehört aber tiefe Kenntnis der Kunst, wenn man unterscheiden will, ob der Spielende der natur seines Karakters gemäss arbeitete; ob er die Moral als trugloser Heuchler so darstellte, dass man es für Harmonie mit seinen Tugenden halten kann; oder ob er bloss durch die Kunst eine glänzende Larve trägt, die durch Festigkeit auf der Bühne, durch seine eigne Einsicht für den Zuschauer so täuschend wird, dass man das für die Sprache der Tugend hält, was blose Gewohnheit im Handwerk ist. – Manchem unschuldigen Mädchen glitscht so ein moralischer Pasquillant unvermerkt ins Herz, und reizt mit seinem Flitterstaat ihr Auge so sehr als ihr Zutrauen. Denn dem Mädchen oder dem Jungen ohne Erfahrung ist es unbegreiflich, dass es Schauspieler geben könne, die mit der Moral so vertraut sind, und doch dabei so ausschweifend handeln. Die Jugend ist gar zu sehr geneigt für die Schauspieler und Schauspielerinnen Leidenschaften der Liebe zu empfinden, weil ihre vorteilhaften Rollen und überhaupt ihr ganzes Aeusserliches unendlich reizt! – Nun zum Beschluss ein warmes Mäulchen von deiner Freundin!
Fanny.
XXXIX. Brief
An Fanny
O teure, Besste! – Schlag, auf Schlag donnert das Elend meine Jugend nieder! – Noch kann ich die entsezliche Nachricht kaum fassen, die mich vollends zur Waise machte! – Mein Vater ist tot, und mit ihm alle Freuden der Schöpfung, die mich durch die vertrauten Bande der natur noch an sie fesselten. So schnell, so früh hat sie ihn mir entrissen, die Hand des Schiksals! – Und mich nebst meiner noch unerzognen Schwester zu verlassnen Waisen gemacht! – Alle Menschen, die um mich herum waren, suchten mit dem äussersten Gefühl des Mitleids mir diese herzerschütternde Neuigkeit zu verbergen, weil man die Heftigkeit meines Grams kennt. O, das war ein grausam barmherziger Aufschub! – Denn die Ungewisheit, die ich auf allen Gesichtern im haus las, folterte meine Seele um so mehr, weil ich zum Voraus von der Krankheit meines Vaters unterrichtet war. Sinnlose Betäubung, so behutsam diese Menschenfreunde ihre Nachricht einkleideten, schlug mich zur Erde hin!!! – Und als ich zum neuen Menschenelend wieder erwachte, war anhaltender Gram mein los! – Die Trennungen des Bluts sind die schröklichsten in der natur; wenn diese Urheberin unsers Daseins einen teil ihrer schönsten Harmonie von uns reisst, dann fühlt sich der übrig gebliebene einem kränkelnden Blümchen ähnlich, das bloss noch zur marternden Strafe sein Leben behält. Ich dünke mich jetzt elternlos so verloren in der ganzen weiten Schöpfung! – Gepeinigt von dem drükkenden, für glückliche Menschen so unbegreiflichen Kummer, und erst jetzt bin ich überzeugt, dass Furcht, Zagheit und äusserster Jammer das Erbteil des nervenschwachen Weibes sind! – Meine Schwester! – Das unschuldige Opfer des Zufalls! – Meine Schwester! Was wird aus ihr werden? – Ihre Erziehung, die ich aus Mangel an Glücksgütern nicht besorgen kann, ist ein Gegenstand mehr, der mir meinen Kummer noch verbittert! – Gott im Himmel, wie mich der Gedanke durchzittert! – Dass vielleicht ihre junge, weiche Seele aus Zwang in die hände ihres Vormunds fällt, unter die Aufsicht eines Manns, der zwischen Tier und Mensch bloss den Unterscheid der Gestalt trägt. – Ich muss hin zu meiner Schwester, ich will sie ihm aus den geizigen