sehr schrökt mich der zügellose Wandel dieser Leute davon ab. – Ist es nun zu verwundern, wenn der gesittete Mann die tür vor solchen Geschöpfen schliesst? – Ist es zu verwundern, dass der gemeine Mann, der nicht Einsicht genug hat, hie und dort eine Ausnahme zu machen, den Schauspieler bei lebendigem leib für verdammt hält? – Ich finde es unverzeihlich, dass die Obrigkeit auf reisende Schauspieler kein wachsameres Auge hat. Sie machen doch einen wichtigen Gegenstand aus, und sollten eben darum, weil sie zu Verbesserung der Sitten bestimmt sind, zu einem exemplarischern Lebenswandel, als andere Menschen, gehalten werden. Doch jetzt zu andern Neuigkeiten! Ich schrieb meinem Vater von hier aus schon einige Briefe, und leztin antwortete mir der junge schwärmerische Vetter B**** im Namen meines Vaters. Ich kann Dir nicht genug sagen, wie sehr er meine Schreibart erhebt. Lies einmal eine Stelle aus einem seiner Briefe, die ich Dir hersezzen will. – Du bist ein teures vortrefliches geschöpf, und wirst einst manchem von unserm Geschlecht den Kopf verdrehen! Dein Geist bildet sich täglich mehr, und welche Wonne für Den, der Dich einst mit deinen Engelsvorzügen ganz besizzen wird! – Ei, du kreuzbraver Schmeichler! dachte ich mir bei Lesung seines briefes, und antwortete ihm mit einer beissenden Satire. – Aber, nicht wahr, meine Freundin, er hat sie verdient? – Warum schreibt mir der Junge Albernheiten von der Art? – Die gefährlichen Jungens, wenn sie kaum lallen können, so fangen sie schon an uns zu schmeicheln, und wissen recht gut, dass das bei den meisten Mädchen der Weg zum gefallen ist. Zu allem Unglück für uns hat uns die natur weich genug gemacht, diesen Weihrauch mit Güte des Herzens zu erwiedern. Ich wünschte, dass alle Mädchen philosophisch dächten, um jedes Gefühl vom andern Geschlecht für Betrug anzusehen und die Männer so lange mit Ungewisheit zu kränken, bis sie uns besser und treuer behandelten. Ueberall findet man so viele von beiden Geschlechtern betrogen. Woher kommt denn doch ein so ungeheures Kaos von beiderseitigem Betrug? – Ich bin so böse, wenn ich die wechselseitigen Lügen betrachte, die man sich in der Liebe so leicht, so ungezwungen hinsagt. – In meinen vaterländischen Alpen, da geht's nicht so zu, man sagt einander nie was von Liebe, wenn man es nicht fühlt, aber wenn man es sagt, dann hält man sich auch Wort. Mich deucht, nur standhafte Liebe allein kann das Band der Glückseligkeit im menschlichen Leben knüpfen, und ich freue mich so herzlich, wenn ich so von ungefähr auf zwei Verliebte stosse, ich möchte alsdann den Schöpfer laut loben, der der Urheber dieser beiderseitigen namenlosen Guterzigkeit ist, die zwei Zärtliche so gränzenlos mit einander teilen! – Länger kann ich aber heute nicht mehr mit Dir schwazzen, und ausser einem Mäulchen, das ich dir aufdrükke, sag ich bloss noch, dass ich bin
Deine Amalie.
XXXVIII. Brief
An Amalie
Hättest Du mir noch einen monat länger nicht geschrieben, so würde ich mich schon bei Dir selbst gemeldet haben, denn mir war für dein schicksal bange. – Uebrigens, meine Liebe, bin ich mit deinen Bemerkungen über das Schauspiel sehr zufrieden, und will Dir jetzt auch meine Meinung darüber sagen: Die Sitten reisender Schauspieler sind fast durchaus verdorben. Der Grund davon liegt in unendlichen, wovon ich nur den Hauptteil berühren will. Die Bühne ist der letzte Zufluchtsort aller Gattung verlassner Menschen. Die meisten sind lüderliche Bursche, oder ausgelassne Mädchen, die die Kunst bloss zum Dekmantel wählen. Die allerkleinste Anzahl davon sind wahre Unglückliche, die aus schicksal, aus Mangel diesen Stand wählten. Wenn nun diese erstere Klasse von Menschen ohne Erziehung, ohne Ehrengefühl, mit gränzenlosen Leidenschaften begabt, eine Bahn betreten, wo so viel tausend Gelegenheiten diese Leidenschaften reizen, so müssen solche Menschen weit ausschweifender werden als andere, die in den engen Schranken ihres bürgerlichen Lebens nichts vom Neid, nichts vom Eigennuz und nichts von der Wollust wissen. Schwäche der Seele, wenige Moral bei so häufigen Versuchungen sind die Fehler dieser Unglücklichen, die sich den Lüsten eines Jeden darstellen müssen und nicht Stärke genug haben, den Angriffen auszuweichen, die das Vorurteil so frei, so allgemein, besonders bei den Schauspielerinnen wagt. Man rechnet diese Frauenzimmer unter die allgemein buhlenden, und die meisten leider beweisen es auch mit der Tat, dass man ihnen nicht Unrecht tut, sie darunter zu rechnen. Veränderung der Lage, Armut, weibliche Eitelkeit, Liebe zur Verschwendung, die durch schwärmerische Rollen gereizte Nerven, Neuheit der Bekanntschaften, wozu diese Leute auf ihrem Herumreisen verleitet werden, alles das zusammen genommen, bringt diese Schwachen zu so vielen Ausschweifungen; und da die meisten aus ihrer Kunst ein Handwerk machen, so ist es sehr wahrscheinlich, dass die Moral, die sie täglich auf der Bühne im mund führen, auf sie selbst nicht mehr wirkt. Ich habe Schauspielerinnen gekannt, die es so weit im Mechanismus brachten, dass sie hinter den Koulissen manche der Moral widrige Handlungen trieben, und einen augenblick hernach mit allem möglichen Schein auf der Bühne ernstafte Empfindungen und eine Art Träume nachahmten, dass der gröbere teil des Publikums ihnen sogar Beifall zuklatschte. – Der Kenner sieht nun freilich durch so eine Larve hindurch, und weis recht gut zu unterscheiden, was für Gefühle Mutter natur in eine Schauspielerin gelegt hat, oder nicht. – Es ist kein richtigerer Weg um die hervorragenden Züge der