Afterchristen, die ihre Religion zum Handwerk machen, und grausame Untiere statt liebender Brüder werden. Wie kann der Mensch in seinen alten Tagen menschlich handeln, wenn er in seiner Jugend nicht hat fühlen gelernt? – Wie kann er Mitleid empfinden, wenn er nicht gelernt hat, seine Brüder zu lieben? – Wie kann die stimme der Religion auf ihn Eindruk machen, wenn er nicht durch sie überzeugt wird, dass wir alle Brüder und Schwestern sind? – Auch der niedrigste Pöbel hat wenigstens ein Fünkchen Gefühl für seinen Mitmenschen im Herzen, wenn es durch die Lehrer der Religion erhalten, statt erstikt wird. – Aber Unmenschlichkeit, Menschenhass, Höllenfluch, ist meistens die Sprache der bigottischen Lehrart; ihr Eigensinn, ihre Dummheit macht der natur Schande, die uns doch alle für einander schuf. Ist es nicht ein hässliches Vorurteil, dass man den gemeinen Katoliken das Lesen so vieler vortreflichen Bücher verbietet, oder seine Leichtgläubigkeit durch Sündenfurcht abschrökt? – Wenn der Mensch fühlen will, so muss er zuerst denken lernen, und wie kann der gemeine Mann bei den Katoliken über die Pflichten der Religion und Menschenliebe denken, wenn er so selten durch ein gutes Buch, durch eine vernünftige Predigt, oder durch die sanfte Anweisung seines Seelsorgers dazu geleitet wird? – Gebt dem gemeinen mann so viel Aufklärung, als er nötig hat, und er wird ein guterzigerer Mensch und ein besserer Christ werden. – – Aber nun, meine Besste, will ich dir das Uebrige deines briefes beantworten: Du hast Recht, meine Freundin, die Grossen der Erde könnten alles, was unter ihrer Obsicht steht, vor Mangel schüzzen, wenn sie nur wollten, oder wenn sich ihre Vertrauten weniger in der Wollust herumwälzten, damit es ihnen zu dergleichen rühmlichen Projekten nicht an Zeit fehlte. – Den grossen Schwarm von Freudenmädchen zu vertilgen, stünde bloss in der Gewalt der Grossen, weil durch ihre Schuld so viele tausend Menschen vom tod hingerafft werden, und durch deren Abschaffung oder Verminderung diesem Uebel gesteuert würde. – Wenn man die häufigen Opfer in mehreren Städten Deutschlands bedenkt, die an Lustseuchen elend dahin sterben, so möchte man bis zu Tränen gerührt werden! – Dein Vorschlag, meine Liebe, Fabrikken zu errichten, könnte für die Zügellosigkeit unseres Zeitalters trefliche Dienste tun, wenn sich die Grossen der Erde mit Ernst darein mischen wollten. Doch müssten diese Häuser mit den mildesten, vernünftigsten Gesezzen geziert werden, damit Vernunft und Religion, durch anständige Freiheiten, die man diesen Mädchen zukommen lies, über sie den Sieg erhielten, der vielleicht noch bei vielen zu finden wäre, die aus Armut und Verführung zum Lasterleben hingerissen wurden. Man dürfte nur die Verfertigung und den Verkauf der Puzwaaren ausserhalb diesen Fabrikken verbieten, und es würden dadurch die Einkünften hinlänglich genug, alle Mädchen nach ihrem stand zu nähren, zu kleiden und zu beschäftigen. – Die Mädchen müssten nach Maassgabe ihrer Aufführung Freiheit geniessen. – Den vernünftigen Aufseherinnen stünde es dann zu, die Mädchen zu untersuchen, ob mit Sanftmut, oder mit Gewalt mehr auszurichten wäre? Die, welche Troz aller Ermahnungen die stimme der Ehre überhörten, müssten dann einer schärfern Züchtigung übergeben werden. – Fremde und Einheimische könnten in einem solchen haus zu einer Besserung ihres Schiksals gelangen. O, meine Besste! – Welch eine Wonne wäre es für uns, wenn diese unsere gute Meinung in die hände eines Menschenfreundes fielen, und irgend einem Grossen der Erde zum Wohl der Menschheit übergeben würden. Lebe wohl, meine Liebe! – –
Deine Fanny.
XXXVII. Brief
An Fanny
Wenn ich Dich so lange Zeit auf einen Brief warten lies, so schreibe diese Nachlässigkeit nicht auf Rechnung meines Herzens. Die vielen Modearbeiten gaben mir und meiner Freundin so viel zu tun, dass ich mein Lieblingsgeschäft, Dir zu schreiben, hintansezzen musste. Ich habe seiter im Puz wakker arbeiten gelernt, und Frau Mama lies mich zur Belohnung meines Fleisses öfters das hiesige Schauspielhaus besuchen. Da sah ich allerhand Zeugs und besonders mehr schlechte als gute Stükke. – Meine Kenntnisse in diesem Fache fangen nun an sich zu entwikkeln, weil ich jede Vorstellung in Gesellschaft von Kennern mitansehe und beobachte. Da wird denn nun vieles über diese Kunst gesprochen und kritisirt, bei welcher gelegenheit ich mir immer das Wichtigste merke. Das Schauspiel ist mir nun nicht mehr so neu, als da ich es zum erstenmale besuchte, und eben darum sind jetzt meine Urteile mit kälterm Blute abgefasst und wie mir dabei dünkt, richtiger, als zu Anfang, wo meine lebhafte Einbildungskraft alles gierig verschlang, was ich vorher noch nicht gesehen hatte. Der Direktor der Gesellschaft ist Herr Sch***, ein schöner junger Mann; Schade nur, dass seine Gesundheit durch ein unregelmässiges Leben auf der Neige steht. – Eine gewisse M*** spielt die Rolle einer Liebhaberin auf der Bühne mit viel treuer Schwärmerei; wenn sie nur ausser der Bühne nicht das Gegenteil behauptete! – Des Direktors Weibchen ist ein lebhaftes, feuriges Ding, handelt aber wie die meisten Schauspielerinnen, denen es an Erziehung fehlt, ohne Grundsäzze, bloss sinnlich. – Mangelt es bei solchen herumreisenden Gesellschaften dem haupt davon an guten Sitten, so weis man, was sich von den Uebrigen denken lässt. Während der Zeit, dass diese Schauspielergesellschaft sich hier aufhielt, fielen unter ihnen einige merkwürdige Auftritte vor, die dem Zuschauer jede Moral, die aus dergleichen Leute mund kommt, unwahrscheinlich machen muss. So feurigen Hang ich in mir fühle, mich einst dieser Kunst widmen zu können, so