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! – So ungefähr kommt mir der Zustand dieser Bedaurungswürdigen vor. Denn, wenn weder Gesez noch Religion wäre, so liegt doch wider ein solches Leben etwas Schauderndes in der natur! – Woher käme sonst die Verachtung, der Abscheu, die Scham, der Ekkel eines abgekühlten Wollüstlings gegen so eine Verworfene? – Ich habe mehr als einmal das Geständnis der grössten Weichlinge mit Erstaunen angehört, die mich versicherten, dass der bitterste Hass auf den Genuss folge, und dass der erste augenblick von überlegung ein bitterer Fluch über sich und die Gehülfin ihrer Ausschweifungen seie! – Was ist nun dieses Erwachen anders, als Scham über sich selbst? – Was ist es anders, als Eingeständnis des Lasters und Meineids an der Liebe? – Was ist es anders, als ein übelverschwendeter Instinkt, der einem jeden ohne Herz, ohne reine Liebe, ohne Empfindung, ohne Dank erwiedert wird. Muss sich da nicht bei kaltem Blute der Stolz eines jeden sich fühlenden Mannes empören, dass er seine Triebe mit so etwas Allgemeinem beschmuzte? – Ist sein eigener Wert nicht dadurch sehr erniedrigt? – Ein Mann, der denkt, opfert seine Triebe einer Herzensfreundin und der Liebe. – Mich deucht, nur Männer, die sich unwürdig fühlen wahrhaft geliebt zu werden, können Schritte tun, wovor sie sich selbst im inneren schämen müssen. – Genug hievon! – Nun zu deiner Steknadelanekdote: Du bist wahrlich eine tapfere Heldin! – Glaube mir, Mädchen, wenn sich alle bösen Buben durch Steknadeln zurückschrökken liessen, so würden ihrer eine Menge mit blutenden Händen umherlaufen. Der Einfall war indessen launigt und fein ausgedacht, nur glaube ich nicht, dass Du immerfort bei jedem Angriffe mit Steknadeln bei der Hand sein wirst. Dass Stürmer Dir nichts abgewinnen, das weis ich schon lange, aber um desto gefährlicher sind deinem empfindsamen Herzen die sanften Männer. Nimm Dich in Acht, Malchen, und schlafe mir ja nicht so leicht ein, wenn Du wieder an die Seite eines solchen Nachbars zu sizzen kömmst! Die Männer lauren immerfort, und heucheln sich zuerst in unser Zutrauen, damit sie hernach mit einem unwiderstehlichen Feuer uns um desto sicherer überraschen können. Heute deucht mich genug geplaudert zu haben. Lebe wohl, Besste! –

Deine Fanny.

XXXV. Brief

An Fanny

Traute, liebe Freundin! – Ich habe Dir in meinem lezten Briefe vieles von meiner zurückgelegten Reise vorgeplaudert, dass ich Dir gar nichts in Rüksicht des Hauses, darin ich mich gegenwärtig aufhalte, sagen konnte. Die Familie, bei der ich wohne, besteht aus Vater, Mutter und einer erwachsenen Tochter. Von dem charakter der beiden Alten lässt sich eben nicht viel Gutes, aber auch nicht viel Böses sagen. Sie folgen beide dem gewöhnlichen Schlendrian alter Leute, der in Andächtelei und pedantischer Moral besteht. Die Tochter aber lebt schon auf einem aufgeklärteren Fuss, und liebt mich eben so herzlich als ich sie. Wir schäkkern und lesen oft zusammen und schwazzen überdies von unsern kleinen Liebeshistörchen. Leztin erlaubte uns Frau Mama, nach vielen Bitten, das Schauspielhaus zu besuchen. Für mich war's ganz was Neues; denn in meinem Leben hatte ich noch kein Schauspiel gesehen. Wie stark aber dieses erste auf meine Nerven wirkte, kann ich Dir nicht sagen. – – Ich weinte... staunte... fühlte... und das Bild der Liebe, das darin erschien, riss mich bis zum Entzükken hin! – Ich habe die Tage meines Lebens keine Unterhaltung gefunden, die für mich mehr zur leidenschaft werden könnte, als eben diese. Als wir beiden Mädchen wieder zu haus waren, sprach ich den ganzen Abend durch kein Wort, ass nichts, und träumte unaufhörlich von dem, was ich gesehen hatte. Die Vorstellung war ein Trauerspiel, Romeo und Julie genannt. Ob die Schauspieler gut spielten, kann ich Dir nicht sagen, weil meine Kenntnis in diesem Fache noch klein ist. Aber so viel weis ich, dass mir die Liebe des guten, liebevollen Romeo äusserst ins Herz drang, und dass ich vollkommen das ängstliche, ungeduldige Sehnen und Warten der Julie mitfühlte, wenn sie voll Liebe und Wollust, voll Furcht und Zärtlichkeit, bange nach ihrem Geliebten seufzt! – Unter so vielen unangenehmen Dingen, denen die Menschen unterworfen sind, deucht mich für einen feurig, ungeduldig wünschenden Kopf das Warten das allergrausamste. Wie schröklich mag es wohl erst für Verliebte sein, wenn furchtsame Phantasien ihre augenblicke zu Jahrhunderten schaffen! Ich muss jetzt von dem Artikel der Liebe abbrechen, sonst würde er zu sehr auf mein Herz wirken; und nun zu einigen Stellen deines briefes gerükt! Deine Aeusserung, dass die Not so viel Unheil unter den Menschen stiftet, erfüllte mich mit Traurigkeit. Bald hätte ich Lust mit Dir die Einrichtungen in der Welt zu verwünschen, welche die Menschen aus Eigennuz erfunden haben. Die natur fodert doch so wenig, und gibt uns alles, was wir am nötigsten brauchen. Hätte sich nicht Politik und Herrschsucht unter uns eingeschlichen, so wüsste man nichts vom Reichtum, nichts vom Vorzug, nichts von überflüssigen Wünschen; aber so müssen die Menschen gleichsam in einer Kette durcheinander geschlungen leben, wovon dem einen ein grosses Stük, dem andern aber gar nichts zu teil wird. – Und hat denn der arme, der vom gleichen Stoff, wie der Reiche, geschaffen ist, nicht Ursache sich zu beklagen? – Was kann er dafür, dass ihm seine Eltern in einem augenblicke des Vergnügens sein